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Wege aus der Sucht
Zentrales Problem: der Rückfall

Die Erkundung der biologischen Wurzeln der Drogenabhängigkeit soll die Behandlung gezielter und damit Erfolg versprechender machen. „Bisher“, sagt Suchtforscher Mann, „wissen wir kaum, welcher Patient auf welche Therapie am besten anspricht. Oder wie hoch die individuelle Rückfallgefahr ist.“ Denn dass viele Kranke trotz zunächst gelungener Behandlung wieder in die Abhängigkeit rutschen, bleibt eine der großen Sorgen der Suchttherapeuten. Die Heilungschancen haben sich zwar verbessert: Für Alkoholiker etwa steht seit Mitte der 1990er Jahre mit Acamprosat ein Medikament zur Verfügung, das offenbar das gestörte Gleichgewicht der Botenstoffe im Kopf verbessern kann. Und für chronische Raucher gibt es Arzneimittel, die den Entzug erleichtern können. Auch die Psychotherapie – unverzichtbarer Bestandteil der meisten Ausstiegsprogramme – gilt inzwischen als wissenschaftlich abgesichert.

„Doch das Arsenal an Pharma-Wirkstoffen reicht noch nicht – vor allem nicht, um jedem Ausstiegswilligen zu helfen“, sagt Mann. Hoffnung setzen Suchtmediziner in neue Medikamente, die direkt an den Andockstellen der Botenstoffe auf der Nervenzelle wirken. Einzelne dieser Substanzen sind bereits in der letzten Testphase.

Immerhin wissen Suchtforscher heute mehr darüber, warum die Abstinenz so ungemein schwer fällt. „Selbst bei therapierten Alkoholkranken“, hat Mann mit speziellen Gehirn-Schichtaufnahmen herausgefunden, „genügt allein das Anschauen eines gefüllten Bierglases, um Reaktionen im Belohnungszentrum auszulösen, die das Verlangen nach Alkohol steigern.“ Das bedeutet: Schon der Anblick eines Werbeplakats für ein alkoholisches Getränk bringt einen „trockenen“ Alkoholiker in Rückfallgefahr.

Der Befund untermauert, was Experten schon lange vermuten: Oft hängt es von der Situation ab, ob ein Suchtkranker wieder schwach wird. „Das Fatale ist“, sagt Dr. Norbert Scherbaum, Suchtmediziner an den Rheinischen Kliniken Essen, „dass viele Menschen, wenn sie trinken, oft auch rauchen. Etwa in der Kneipe oder auf einer Party.“

Scherbaum hält es daher nicht für Zufall, dass die meisten Alkoholiker auch starke Raucher sind – und möglicherweise für einen Fehler, die zwei Suchterkrankungen getrennt zu bekämpfen.
„Hinzu kommt, dass sich Alkohol und Nikotin in der Wirkung gegenseitig verstärken“, so Scherbaum. „Außerdem sterben Trinker häufiger an den Folgen des Rauchens als an den gesundheitlichen Schäden durch den Alkohol.“ Der Mediziner testet daher die Chancen eines begleitenden Nikotinentzugs bei Patienten, die wegen ihrer Trunksucht in stationärer Behandlung sind.

Dass auch jahrelange Abstinenz einen Alkoholiker nicht vor einem Rückfall schützt, zeigt das Beispiel von Wolfgang H.. Nachdem er im Alter von 18 zum ersten Mal mit einer Entziehungskur den Ausstieg geschafft hatte, blieb er fast zwanzig Jahre „trocken“. „Doch dann kriselte es in meiner Ehe“, berichtet Wolfgang H.. „Ich dachte: Ein paar Schlücke kann ich mir wohl genehmigen, ohne dass es gefährlich wird.“ Ein folgenschwerer Irrtum: „Die Sucht hatte mich sofort wieder“, erinnert sich der Mannheimer. Erst eine erneute Entziehungstherapie in der Klinik befreite ihn wieder aus der Abhängigkeit.

Heute ergreift Wolfgang H., der jetzt als Verwaltungsangestellter arbeitet, Vorsichtsmaßnahmen: „Manche Feiern lasse ich aus, um mich nicht in Versuchung zu bringen.“ Wenn Wolfgang H. Schokolade kaufen möchte oder Medikamente braucht, schaut er zunächst, ob Alkohol unter den Inhaltsstoffen ist. „Diese Kontrolle ist für mich zur Selbstverständlichkeit geworden“, sagt er. „Es ist eigentlich nichts Besonderes. Zuckerkranke zum Beispiel dürfen ja auch nicht beliebig essen, was sie wollen.“

Am wichtigsten ist für ihn die Mitarbeit in einer Selbsthilfegruppe: „Sie ist mein Sicherheitsnetz.“ Seinen Sieg über die Alkoholsucht betrachtet Wolfgang H. als Etappenerfolg: „Noch bin ich Raucher. Das möchte ich als Nächstes ändern.“



GesundheitPro.de; 05.08.2005, aktualisiert am 27.06.2010

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