Vom Drogensüchtigen zum Vorbild

Dominik Forster hat fast alles genommen: Speed, Cannabis, Crystal Meth. Unterwegs mit einem Menschen, der anderen seine Geschichte erzählt und sie damit vor Drogen schützen will

von Saskia Dittrich, aktualisiert am 18.03.2016

Forster war Jahre lang drogenabhängig. Heute engagiert er sich in der Prävention

W&B/Saskia Dittrich

Wo bei Dominik Forster die grauen Jackenärmel und der T-Shirtkragen aufhören, fangen die großflächigen Tattoos an. Er trägt eine modische Brille mit schwarzem Rand und Vollbart. Er sitzt auf einem Tisch und lässt die Beine baumeln. Der Klassenraum füllt sich langsam und lautstark mit Jugendlichen der Max-Grundig-Fach- und Berufsoberschule im fränkischen Fürth. Sie sind zwischen 16 und 18 Jahre alt. Teenager mit pinken Haaren, modernen Undercut-Frisuren und engen Hosen.

In diesem Bild fällt Forster kaum auf. Die Tätowierungen bis zum Hals sind das einzige Klischee, das Forster als ehemaliger Drogenabhängiger bedient. Sonst sitzt da ein junger Mann, selbstbewusst, lässig, augenscheinlich völlig gesund. Dass er über Jahre eine ganze Bandbreite illegaler Drogen konsumiert hat – Cannabis, Speed, Crystal Meth – und nun an einer Posttraumatischen Belastungsstörung leidet, kann man sich auf den ersten Blick nur schwer vorstellen. Die Schüler setzen sich, es wird ruhiger im Klassenraum. Der Ex-Junkie hat ein klares Ziel: Er will die Jugendlich davon abhalten, bei Drogen schwach zu werden.

"Was stellt ihr euch unter Drogenprävention vor?", fragt Forster die Klasse. Stille. Noch wissen die Teenager offenbar nichts mit dem Thema anzufangen. Die Schule veranstaltet immer wieder Präventionsstunden mit Sozialarbeitern. Forster war in einer anderen Klasse schon mal da: "Ich erzähl euch jetzt meine Lebensgeschichte. Keiner, der anfängt, Drogen zu nehmen, hat das Ziel, süchtig zu werden. Hatte ich auch nicht."


"Du musst nicht, wenn du nicht willst"

2014 gab es 1.032 Rauschgifttote in Deutschland. Die Zahl steigt seit 2012 leicht an. Auch die Anzahl erstauffälliger Konsumenten von harten Drogen wächst seitdem: 20.120 waren es laut einem Pressebericht der Drogenbeauftragten der Bundesregierung 2014. "Wir bewegen uns hier in einem Schwankungsbereich von etwa fünf Prozent, daraus lässt sich noch kein Trend ablesen", bewertet Professor Jens Reimer die Zahlen. Er ist Direktor des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg.

Der Drogenkonsum hat sich in Deutschland dennoch verändert. Während Heroin und Kokain an Bedeutung verlieren, nimmt der Konsum von Amphetaminen, Ecstasy und Crystal Meth kontinuierlich zu. "Die Opiatabhängigen, also die Konsumenten von Heroin und Kokain, werden älter. Die Jüngeren probieren anderes aus", erklärt Reimer. Ausprobieren, das klingt ziemlich harmlos.

Als Dominik Forster das erste Mal Drogen ausprobiert, ist er 17 Jahre alt. Ein paar Monate zuvor hatte er eine Alkoholvergiftung. Ein Freund bietet ihm auf einer Bartoilette Speed an. "Du musst nicht, wenn du nicht willst", sagt Forsters Freund. Er probiert, braucht drei Anläufe, bis er die Linie des Pulvers durch die Nase gezogen hat.


Zehn Jahre später. Forster hat einen Roman über sein Leben verfasst: crystal.klar, das zeitgemäße Pendant zu Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Er schrieb das Buch als Therapie und um etwas wiedergutzumachen. "Jetzt ein guter Mensch zu sein und etwas Gutes zu tun, steht für mich im Vordergrund", sagt Forster. "Ich will Sachen rein waschen." Die Sachen, auf die sich Forster bezieht, sind Lügen, Diebstahl, Dealen, Gefängnisstrafen. Mit seinem Buch und den Präventionsstunden, die er an Schulen gibt, will er andere davon abhalten, Ähnliches durchzumachen.

Crystal-Meth-Konsum stieg um 14 Prozent

Die Schüler der Fürther Berufsschule hören Forster gebannt zu, als er von seinen Wahnvorstellungen erzählt. Unter der Wirkung von Crystal Meth bildete Forster sich ein, unter seiner Haut habe sich Ungeziefer eingenistet. Oder eine andere Erinnerung: "Ich war auf dem Heimweg und dachte, ein zwei Meter großer Kerl verfolgt mich. Ich weiß bis heute nicht, ob ich da nicht ein Kind umgeboxt habe."

Wahnvorstellungen sind nur eine Nebenwirkung der künstlichen Droge Crystal Meth, die spätestens seit der erfolgreichen Fernsehserie Breaking Bad bekannt ist. Sie dringt besonders schnell ins Gehirn ein und putscht extrem auf. "Die Wirkung von Crystal ist extrem", erinnert sich Forster. "Auf Speed hatte ich noch einen Funken Verstand. Auf Crystal nicht mehr."

Innerhalb des Jahres 2014 stieg die Zahl der registrierten Erstkonsumenten von Crystal Meth um 14 Prozent auf 3138. Die Droge ist billig und macht schnell abhängig, in vielen Fällen schon ab dem ersten Mal. Eine gefährliche Kombination.


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Wie sich seine Abhängigkeit entwickelt hat, beschreibt Forster mit dem Bild eines Regenbogens: "Am Anfang ist alles wahnsinnig intensiv und toll und alles wird erstmal besser und besser. Irgendwann ging's dann aber abwärts mit den Nebenwirkungen. Ich habe trotzdem weiterkonsumiert, weil ich gehofft habe, der Regenbogen sei ein Kreis und ich käme wieder an die Stelle, an der es wieder bergauf geht." Forster hörte erst mit den Drogen auf, als er fast daran starb. Zuvor war er wegen Drogenverkaufs bereits im Gefängnis gesessen und hatte zwei Therapien hinter sich.

Gehänsel, Schüchternheit – ein Außenseiter

"Als Kind wollte ich immer etwas machen, worauf die Menschen um mich herum stolz sein können", erzählt Forster. In der Grundschule war sein Leben noch in Ordnung. Er spielte viel Fußball, hatte gute Freunde. Dann musste er die Schule wechseln. Er war klein, wurde von den neuen Mitschülern gehänselt und wird zum Außenseiter. Auf die Frage, warum er angefangen habe, Drogen zu nehmen, antwortet er: "Um jemand zu sein. Um endlich zu leben. Im normalen Leben war ich gehemmt, schüchtern, unterdrückt von der Welt, und dieses Wunderzeug machte aus mir vermeintlich den Menschen, der ich immer sein wollte." Ein selbstbewusster Mensch, zu dem Bekannte plötzlich aufsehen. Weil er auf Crystal die Nächte durcharbeiten kann, die Wochenendschichten im Autoverleih seines Vaters schiebt.


Es fällt Forster nicht immer leicht, offen über seine Vergangenheit zu sprechen

W&B/Saskia Dittrich

Crystal wird auch als "Leistungsdroge" bezeichnet. Nicht nur experimentierfreudige Jugendliche probieren die Droge, sondern auch Menschen, die als bodenständig und erfolgreich gelten. Vor Kurzem wurde der Grünen-Politiker Volker Beck mutmaßlich mit Crystal Meth erwischt. Eineinhalb Jahre zuvor ging der SPD-Bundestagsabgeordnete Michael Hartmann Drogenfahndern ins Netz. Er gestand den Konsum von Crystal. Er sei arbeitssüchtig und ausgebrannt gewesen, berichtete er Spiegel Online. Die Droge scheint gerade auch für Menschen attraktiv zu sein, die unter Leistungsdruck stehen.

"Drogen geben Menschen die Möglichkeit, sich und ihre Umwelt anders wahrzunehmen", sagt Drogenexperte Reimer. Gerade Jugendlichen gehe es aber auch um Entgrenzung, Rebellion gegen die Eltern und deren Werte. Daneben gebe es natürlich auch junge Menschen, die aufgrund psychischer Probleme zu Drogen greifen.

Wie hält man Jugendliche davon ab, überhaupt erst zu Drogen zu greifen? "Es gibt hier zwei Aspekte", erklärt Reimer. "Der eine ist Information: Was sind Drogen, wie wirken sie, welches Risiko bergen sie." Wichtig sei es dabei, junge Menschen nicht belehren zu wollen, sondern die Fakten auf den Tisch zu legen. "Der zweite Aspekt ist, den Kindern Kompetenzen zu vermitteln. Zum Beispiel wie man Nein sagen kann, ohne aus einer Gruppe ausgeschlossen zu werden."

Auf Augenhöhe reden, Vertrauen aufbauen

Schon über eine Stunde lang erzählt Forster der Klasse von seinen Fehltritten, Aussetzern, "der Scheiße, die ich gebaut habe". Er erzählt nüchtern und fast emotionslos. Am Anfang sei es komisch gewesen, den Klassen von den Tiefpunkten in seinem Leben zu erzählen. "Aber ich habe gemerkt, dass das der Schlüssel ist: Ich gehe da rein, lasse meine Hosen runter. Dann öffnen sich die Jugendlichen." Dazu brauche es eine Vertrauensbasis auf Augenhöhe.

Tatsächlich kommen am Ende der Stunde, als die meisten Schüler schon aus dem Klassenzimmer verschwunden sind, zwei Mädchen auf Forster zu. Eines hat ein Piercing in der Unterlippe, rosa gefärbte Haare und helle Haut. Sie erzählt von ihrem Freund, der viel Cannabis raucht. Sie lächelt verlegen, während sie mit Forster redet. Ihr Freund habe bereits Vorstrafen. Sie habe Angst um ihn.

"Oft befürchte ich, das Thema komme bei den Jugendlichen nicht gut an", erzählt Forster. "Aber nach jeder Präventionsstunde kommen Jugendliche zu mir und erzählen mir aus ihrem Leben. Manche heulen dabei und sind völlig aufgelöst. Sie wollen von mir am liebsten den goldenen Weg wissen. Den kann ich ihnen nur leider nicht geben."

"Ich hätte mich nie getraut, zu meinen Eltern zu gehen"

Es sei wichtig, glaubt Forster, dass Jugendliche einen Ansprechpartner haben, dem sie vertrauen können. "Ich hätte mich nie getraut, zu meinen Eltern zu gehen und zu sagen: Ich habe ein Drogenproblem oder ich werde in der Schule geschlagen. Bitte helft mir", erzählt Forster. "Ich habe ja gesehen, dass sie ihre eigenen Probleme haben."

Forster möchte eine Kontaktperson für Jugendliche sein: "Drogen zu nehmen ist weder gut noch schlecht. Ich möchte den Jugendlichen aus eigener Erfahrung näher bringen, was alles passieren kann."

Die beiden Mädchen gehen zögernd aus dem Klassenzimmer. Konkrete Ratschläge konnte Forster ihnen nicht geben. "Je mehr Rückmeldung ich bekomme", sagt Forster, "desto mehr merke ich, dass ich das einfach machen muss." Momentan hält sich Forster mit Nebenjobs über Wasser. Sein Buch findet großen Anklang. Leben kann er davon aber nicht. Auf die Frage, ob er mit seinem jetztigen Leben zufrieden sei, antwortet er: "Ich mache gerade das, was ich machen will. Ich helfe Menschen mit meiner Geschichte. Etwas Schöneres kann ich mir nicht vorstellen."



Bildnachweis: W&B/Saskia Dittrich

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