Brummschädel, Zahnschmerz, Regelkrampf. Wenn uns körperliche Leiden quälen, dann kann eine Schmerztablette die erhoffte Linderung verschaffen. Vorschriftsmäßig eingenommen und in Maßen angewandt ist dagegen auch nichts einzuwenden. Aber Vorsicht: Überdosiert und unkontrolliert eingesetzt bergen auch die rezeptfreien Mittel aus der Apotheke ein Mißbrauchspotential.
Eine Studie des Deutschen Kopfschmerzkonsortiums im Jahr 2008 zeigte, dass das Risiko für chronische Kopfschmerzen um das Achtfache steigt, wenn jemand an mindestens zehn Tagen im Monat ein Schmerzmittel einnimmt. Können wir die Tabletten denn überhaupt noch guten Gewissens einnehmen? Wir haben mit Dr. Thomas Redecker gesprochen. Der Mediziner ist ärztlicher Direktor der Hellweg Klinik, einer Fachklinik für Psychotherapie und Suchtmedizin in Oerlinghausen.
Diese Medikamente haben, im Gegensatz zu den opioiden Analgetika, kein wirkliches Abhängigkeitspotential. Sie zeigen keine euphorisierende Wirkung beim Patienten. Daher ist die Suchtgefahr wesentlich geringer. Trotzdem kommt es vor, dass Menschen auch die sogenannten peripheren Schmerzmittel missbräuchlich einsetzen.
Wenn man über einen längeren Zeitraum hinweg rezeptfreie Schmerzmittel schluckt, kann ein plötzliches Absetzen zu Entzugsschmerzen führen. Die Nerven haben sich an die dämpfende Wirkung der Medikamente gewöhnt und reagieren ohne den Wirkstoff äußerst empfindlich. Der Patient fehlinterpretiert den Schmerz und nimmt erneut Tabletten ein. So gerät er in einen Teufelskreis.
Das kommt ganz auf das Präparat an. Sechs Paracetamoltabletten auf einmal können bereits einen schweren Schaden der Leber verursachen. Acetylsalicylsäure, über einen längeren Zeitraum hinweg angewandt, kann den Magen derart schädigen, dass es zu Blutungen oder Geschwüren kommt.
Allgemein gilt: Wenn nach zwei bis drei Tagen Medikamenteneinnahme keine Linderung der Schmerzen eingetreten ist, dann sollte der Patient auf jeden Fall einen Arzt oder Apotheker aufsuchen. Letztendlich muss man auch zwischen akuten und chronischen Schmerzen unterscheiden. Migränegeplagte kennen ihre Dosis.
Hinweise können sein, wenn der Patient das Haus nicht mehr ohne "sein" Medikament verlassen kann. Auffällig ist auch, wenn er beginnt, die Dosis zu steigern oder sich psychische Veränderungen einstellen. Das kann genauso Euphorie, wie Sedierung sein.
Der Patient gehört in ärztliche Behandlung. Denn nur ein Mediziner kann entscheiden, ob es sich bei Schmerzen wirklich um Entzugsschmerzen handelt oder ob vielleicht doch andere Gründe dahinter stecken. Zum Beispiel eine Sehnenscheidenentzündung, eine Arthroseerkrankung oder Migräne.
Ist das geklärt, muss der Patient die Medikamente absetzen. Ihm muss bewusst sein, dass die auftretenden Schmerzen reflektorischer Natur sind und vorbeigehen werden. Kühlen, Massagen, Fango oder Akupunktur können in dieser Phase helfen. Manchmal ist auch eine begleitende ambulate Psychotherapie sinnvoll. So wird es dem Patienten dann möglich, den Teufelskreis aus Medikamenteneinnahme und Entzugskopfschmerz zu durchbrechen.
Sophie Kelm / www.apotheken-umschau.de;
04.02.2010, aktualisiert am 10.02.2012
Bildnachweis: iStock/Andreas Reh
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