Das Internet bietet unendlich viele Informationsmöglichkeiten – einige Menschen können kaum noch vom Computer loslassen
Frau Kratzer, laut einer aktuellen Studie, welche die Bundesdrogenbeauftragte veranlassste, sind in Deutschland rund 560.000 Menschen onlinesüchtig. Überrascht Sie diese Zahl?
Nein, ich hätte sie sogar für höher gehalten. Die Zahl vor allem junger Menschen, die aus der realen Welt in eine virtuelle abdriften, nimmt weiter zu. Doch gibt es bis heute keine einheitliche Definition des Krankheitsbilds.
Wo hört normales Computerspielen auf, wo fängt die Sucht an?
Das ist ein schmaler Grat: In der modernen Mediengesellschaft ist es normal, dass Jugendliche viel Zeit vor dem PC verbringen. Eine Abhängigkeit kann damit beginnen, dass sie Hobbys aufgeben oder Freundschaften vernachlässigen. Irgendwann ordnet sich vom Essen bis zum Schlaf alles dem Computer unter. Von Abhängigkeit und Realitätsverlust sprechen wir, wenn sich Betroffene immer mehr zurückziehen. Obwohl ihr Medienkonsum eindeutig negative Folgen hat, schränken sie ihn nicht ein.
Gibt es aus Ihrer Erfahrung den typischen Online-Süchtigen?
Tendenziell kommen eher introvertierte junge Männer in unsere Behandlung, die sozial nicht besonders gut integriert sind und sich schwertun, soziale Kontakte zu knüpfen. In der Welt von Online-Rollenspielen finden sie die Anerkennung, die sie sonst nicht erfahren. In der Gemeinschaft der Spieler können sie soziale Beziehungen besser steuern. Am liebsten würden viele mit diesem Rückzugsraum verschmelzen. Dort sind sie die Größten, während sich im wahren Leben die Probleme mit der Familie, in Schule oder Beruf häufen.
Wie sollten Eltern und Lehrer mit dem Problem umgehen?
Die heutigen Jugendlichen kennen kein Leben ohne Internet. Computer und Internet sollten wir aber nicht grundsätzlich verteufeln. Vielmehr sollten Eltern offen damit umgehen und Interesse zeigen, um nicht den Draht zu ihren Kindern zu verlieren. Beim Medienkonsum helfen überschaubare Regeln und klare Absprachen. Wird es zu viel, sollten die Eltern das offen ansprechen und gegebenenfalls Hilfe bei einer Erziehungs- oder Drogenberatungsstelle suchen.
Stefan Schweiger / Apotheken Umschau;
17.01.2012
Bildnachweis: W&B/Bernhard Huber, Thinkstock/iStockphoto
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