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Süchtig nach Computerspielen

Dr. Ralf Thalemann ist Experte auf dem Gebiet der Internetabhängigkeit. Er erklärt, weshalb Menschen computersüchtig werden können


Daddeln bis der Arzt kommt. Computerabhängige sitzen irgendwann nur noch vor dem PC

Dominik ist 375 Jahre alt und kann fliegen. Das ist gar nicht groß verwunderlich, denn Dominik ist ein Elf. Das jedenfalls behauptet er selber. Und in seinem Paralleluniversum – einem Rollenspiel am Computer – mag das ja auch irgendwie zutreffen. Die Realität sieht leider ganz anders aus. Dominik ist 16 Jahre alt, übergewichtig, ziemlich einsam und vor allem ist der Junge internetsüchtig.

Von morgens bis abends daddelt Dominik Rollenspiele auf dem heimischen PC. Das kostet so viel Zeit, dass der ehemals gute Schüler das Gymnasium mittlerweile verlassen musste. Nun hat er sehr viel Zeit, seinen virtuellen Elfen-Charakter weiter auszubauen.


Traurig, unglaublich, aber leider wahr: Immer mehr Menschen verbringen so viele Stunden vor dem Rechner, dass sie sich nach und nach immer weiter aus der realen Welt zurückziehen. „Die Betroffenen können sich immer schwerer von ihrem Spiel trennen. Man hat es in der Tat mit einer Abhängigkeit zu tun“, so Dr. Ralf Thalemann, Kinder- und Jugendpsychotherapeut am Sozialpädiatrischen Zentrum der Charite in Berlin.

Bis heute ist Computersucht keine anerkannte psychiatrische Diagnose. Auch wenn Psychologen und Mediziner seit Jahren dafür kämpfen. Der Streitpunkt ist, ob die Sucht eine eigenständige Erkrankung ist, oder vielmehr ein Einzelsymptom, welches eigentlich nur andere Diagnosen verdeckt oder überlagert. Diese Vermutung rührt daher, dass Computerabhängige oft auch unter anderen Störungen leiden. „Häufig handelt es sich dabei um Ängste, Depressionen oder auch eine hyperkinetische Störung“, weiß Thalemann.

Der Psychotherapeut, der die Computersucht zum Thema seiner Promotion gewählt hat, bedauert sehr, dass die Ernsthaftigkeit der Krankheit bisher so stark unterschätzt wird. Dieser Umstand macht es den Ärzten schwer, betroffene Patienten optimal zu behandeln. „Die Krankenkasse kommt für eine Psychotherapie der Computerspielsucht nämlich nicht ohne weiteres auf“, so der Psychotherapeut. Und das, obwohl Internetabhängige laut Thalemann die typischen Verhaltensmuster eines Süchtigen zeigen. Sie reagieren psychophysiologisch auf das Computerspielen ähnlich wie Abhängige psychotroper Substanzen.

„Computerabhängigkeit ist eine nicht-stoffgebundene Sucht, eine Verhaltenssucht“, so Thalemann. Und auch wenn die gesundheitlichen Folgen bei einem Heroinabhängigen womöglich noch extremer sein mögen, so beobachtet der Psychotherapeut doch auch bei exzessiven Spielern immer wieder erhebliche psychische Folgen. „Das geht hin bis zu suizidalen Gedanken“, so unser Fachmann. Solche Patienten müssen dann notfalls stationär behandelt werden – zu ihrem eigenen Schutz.

Computersüchtige entwickeln ein unstillbares Verlangen nach ihrem Spiel. Sie meinen, ohne ihren PC nicht mehr leben zu können und intensivieren stetig das Spielerlebnis. Ein Entzug führt nicht selten zu extremer Aggressivität. Weitere Entzugserscheinungen sind Nervosität, Reizbarkeit, Verzweiflung, Lust- und Appetitlosigkeit oder oft auch Langeweile. „Es gibt Menschen, die sitzen bis zu 17 Stunden vor der Kiste. Diese Zeit will erstmal anders gefüllt werden“, erklärt Thalemann. Außerdem wird das körpereigene Belohnungssystem auf das Computerspiel sensibilisiert, das Gehirn ist dann auf dieses spezielle Glücksgefühl konditioniert.

„Computerabhängige spielen meistens Rollenspiele oder Egoshooter “, erklärt Thalemann. Diese Spiele scheinen den Veranlagungen und Wünschen der oftmals einsamen Seelen am stärksten entgegenzukommen. Kampfspiele nutzen sie zum Aggressionsabbau, in den virtuellen Zauberwelten können die Spieler ein Leben führen, das ihnen in der Realität nicht vergönnt ist. Kleinwüchsige werden zu muskelbepackten Superhelden, Arbeitslose erzielen berufliche Erfolge. Die Abhängigen kompensieren ihren Alltagsfrust durch Anerkennungen im Spiel. Das kann Kinder ganz genauso wie auch Erwachsenen in den Bann ziehen. Thalemann erzählt sogar von ganzen Familien, die gemeinsam ihrer Computersucht frönen.

Oft sind es aber eher sozial isolierte Personen, die die Cyberwelt zur Emotionsregulation nutzen. Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl können dort Kontakte knüpfen, ohne den ungeliebten Körper präsentieren zu müssen. Und wenn es ihnen zu viel wird, dann drücken sie einfach den Ausschalter. Interessant ist auch, dass in den Spielen oftmals sehr klare Strukturen vorgegeben sind. Strenge Gesetze herrschen vor „ungefähr so wie man sie sich in einem mittelalterlichen Dorf vorstellen würde“, vergleicht Thalemann.

Was harmlos beginnt, kann ungeahnte Ausmaße annehmen – irgendwann verbringen manche Spieler so viel Zeit vor dem Bildschirm, dass andere Hobbys, die Arbeit oder der Schulbesuch oft völlig auf der Strecke bleiben. „All diese negativen Konsequenzen sieht der Abhängige aber nicht, oder er weigert sich, diese auf das Computerspiel zurückzuführen“, berichtet Thalemann.

Oft sind es die verzweifelten Eltern, die sich an den Psychotherapeuten wenden. Sie machen sich Sorgen, wenn der Nachwuchs nur noch vor dem Computer sitzt. „Dass die Jugendlichen selber Hilfe suchen, kommt so gut wie nie vor“, so der Psychotherapeut. Die Teenager neigen eher dazu, ihr Verhalten zu bagatellisieren „so ist das eben heutzutage“. Natürlich gibt es auch übervorsichtige Eltern, aber oft ist die Sorge berechtigt.

„Zwei bis drei Stunden Bildschirmzeit pro Tag sind in Ordnung, mehr sollte es aber nicht werden“, rät Thalemann. Wer privat oder beruflich länger vor dem PC sitzt, zählt natürlich nicht automatisch zur gefährdeten Gruppe. Es kommt immer darauf an, ob man theoretisch auf die Computerzeit verzichten könnte. Thalemann rät, die Zeit vor dem Bildschirm dem Alter entsprechend zu staffeln. „Kinder unter drei Jahren haben am Computer oder Fernseher prinzipiell noch nichts verloren – allenfalls von den Eltern angeleitet und nur für wenige Minuten“, so der Experte.

Wer sich fragt, ob er es mit einem Süchtigen zu tun hat, kann einmal folgende Symptome überprüfen. Wird das Computerspiel zeitlich immer weiter ausgedehnt? Besorgniserregend ist, wenn kein Raum mehr bleibt für Schlafen, Essen oder die Schulaufgaben. Es gibt Menschen, die irgendwann auf sogar auf ihre Körperpflege verzichten, um keine Zeit in ihrem Spiel zu verlieren. „Wenn ein Spieler solche negativen Begleiterscheinungen ignoriert und die Spielzeit nicht selbstständig reduzieren kann, dann braucht er fachmännische Hilfe“, so Thalemann.

Unser Experte:


Dr. rer. medic. Ralf Thalemann

Dr. Ralf Thalemann arbeitet als Kinder- und Jugendpsychotherapeut am Sozialpädiatrischen Zentrum in der Charite in Berlin. Er hat sich auf das Gebiet der Computersucht spezialisiert.



Sophie Kelm / www.apotheken-umschau.de; 10.08.2010, aktualisiert am 02.01.2012
Bildnachweis: W&B/Universität Berlin, Thinkstock/iStockphoto

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