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Medikamenten-Abhängigkeit: Eine unterschätzte Gefahr

Medikamente können Krankheiten lindern und heilen, aber auch abhängig machen. Viele Betroffene sind sich ihrer Sucht gar nicht bewusst


Bestimmte Medikamente führen über kurz oder lang zu Abhängigkeit und zu Entzugserscheinungen

Tablettensucht und Medikamentenabhängigkeit werden in der Suchtforschung nach wie vor eher als Randthema behandelt. Zu Unrecht: „Etwa 1,4 bis 1,9 Millionen Menschen in Deutschland sind davon betroffen“, erklärt Professor Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik an der Universität Bremen. Den Großteil machen dabei die als Schlaf- und Beruhigungsmittel eingesetzten Benzodiazepine aus, von denen 1,1 bis 1,2 Millionen Deutsche abhängig sind.

Überwiegend Frauen und Ältere

Betroffen sind vor allem Ältere. Auffällig ist zudem, dass etwa zwei Drittel Frauen sind. Dieses Phänomen lässt sich durch mehrere Faktoren erklären: Zum einen nehmen Frauen häufiger Benzodiazepine ein. Außerdem sehen sie sich in der zweiten Lebenshälfte oft großen Veränderungen gegenüber, wie zum Beispiel den Wechseljahren oder dem Auszug der Kinder aus dem eigenen Zuhause. Zu den typischen Beschwerden, die das Klimakterium mit sich bringt, gehören Nervosität, Schlafstörungen, manchmal auch eine depressive Gemütslage. Die Stille im Haus verstärkt das Gefühl der inneren Leere. Das alles erhöht das Risiko, zu Beruhigungsmitteln zu greifen.


Die genaue Zahl der Abhängigen lässt sich allerdings nur schwer bestimmen. Das liegt vor allem daran, dass die meisten von ihnen sich nicht als solche erleben. „Viele erreichen außerdem das Stadium echter Sucht nicht“, erklärt Dr. Rüdiger Holzbach vom Zentrum für interdisziplinäre Suchtforschung in Hamburg und den LWL-Kliniken Lippstadt und Warstein. Er zieht es deshalb vor, von den „Nebenwirkungen eines Langzeitgebrauchs von Medikamenten“ zu sprechen.

Bei vielen kommt es nur zu einer sogenannten Niedrigdosisabhängigkeit. Die Betroffenen erhöhen dabei ihre Dosis nicht oder nur in geringen Maßen. Sie glauben deshalb, ihren Konsum unter Kontrolle zu haben. Oft wird die Abhängigkeit erst dann deutlich, wenn die Personen beispielsweise wegen eines Krankenhausaufenthaltes oder im Urlaub für längere Zeit auf die Arznei verzichten und Entzugserscheinungen auftreten.

Langsamer Prozess

„Eine Medikamentenabhängigkeit entwickelt sich in drei Phasen“, erklärt Holzbach. In der ersten kommt es als Folge einer längeren Einnahme des Mittels allmählich zu einer Wirkumkehr. Der Körper gewöhnt sich dabei an die regelmäßige Dosis und steuert ihr entgegen. Ein Beruhigungsmittel führt dann beispielsweise zu verstärkter Unruhe. Der Betroffene empfindet erste Entzugserscheinungen, verspürt ein Verlangen nach einer höheren Dosierung.

In der zweiten Phase tritt die Wirkung der Medikamente aufgrund der erhöhten Dosis stärker hervor. Schlafmittel führen zu Schlappheitsgefühlen, Antriebs- und Emotionslosigkeit. Auch die Konzentrationsfähigkeit sinkt ab. Da sich dieser Prozess über Monate hinzieht, bringen die Betroffenen ihre Symptome nicht mit dem Medikament in Verbindung. Ältere erklären sich dann ihre Gedächtnisschwächen beispielsweise oft als typische Alterserscheinung. Zu diesem Zeitpunkt liegt eine Niedrigdosisabhängigkeit vor. Erst in der möglichen dritten Phase mit deutlichen Suchtsymptomen erhöhen die Betroffenen selbstständig innerhalb kurzer Zeit ihre Dosis beträchtlich. Dieses Stadium erreichen allerdings viele nicht.

Die Nebenwirkungen mit Entzugserscheinungen und Wirkumkehr können bei vielen Medikamenten auftreten, bei rezeptfreien und -pflichtigen. „Letztere haben allerdings ein größeres Abhängigkeitspotenzial“, sagt Holzbach. Am häufigsten kommt es bei folgenden drei Gruppen zu einem Abhängigkeitssyndrom:

  • Schlaf- und Beruhigungsmittel: Benzodiazepine wirken beruhigend, muskelentspannend und angstlösend. Sie und andere Tranquilizer werden gerade Älteren häufig bei Schlafstörungen verschrieben. Ein Drittel aller Benzodiazepin-Verordnungen geht an 50- bis 70-Jährige, ein weiteres Drittel an die über 70-Jährigen. Bei Langzeitanwendung können sie bereits in geringen Dosen wie oben beschrieben abhängig machen, was bei abruptem Absetzen zu Entzugserscheinungen führt. Das gleiche gilt für die relativ neue Gruppe der Non-Benzodiazepine sowie weitere Arten von Schlaf- und Beruhigungsmitteln.
  • Schmerzmittel: Opiathaltige Schmerzmittel haben eine schmerzhemmende und beruhigende Wirkung. Bei Einnahme schnell anflutender Substanzen – etwa Tropfen – tritt ein leicht euphorisierter Zustand auf, der Anwender empfindet eine angenehme Gleichgültigkeit. Solange die Mittel unter ärztlicher Verordnung eingenommen werden, sollte keine Suchtgefahr bestehen. Unkontrolliert sollte aber niemand Opioide einnehmen. Beim Entzug sind Gliederschmerzen, Stimmungsschwankungen und Schlafstörungen mögliche Folgen. Im Gegensatz dazu haben rezeptfreie, nicht-opioide Schmerzmittel kein echtes Abhängigkeitspotenzial. Dennoch kann es auch bei ihren Wirkstoffen wie Acetylsalicylsäure oder Paracetamol zu Dauerkopfschmerzen und Entzugssymptomen infolge einer längeren Anwendung kommen. Auch die Nieren können Schaden nehmen. Das Risiko lässt sich aber minimieren, wenn die Mittel nicht öfter als 15 mal pro Monat eingenommen werden, so Holzbach.
  • Abführmittel: Der Wunsch abzunehmen veranlasst vor allem Frauen zu einer längeren Einnahme von Abführmitteln. Da sie nicht auf die Psyche des Benutzers wirken, erzeugen sie keine klassische Abhängigkeit. Doch auch sie können einen Teufelskreis aus Entzugserscheinungen und gesteigerter Dosis zur Folge haben. Bei zu langer Anwendung machen sie den Darm träge, so dass dieser erst recht auf die Präparate angewiesen ist.

Daneben sind Abhängigkeiten beispielsweise auch bei Nasensprays und Blutdrucksenkern, sogenannten Betablockern, möglich. Sie sind allerdings seltener als in den obigen drei Gruppen.

Ärztliche Teilschuld?

Befördern Ärzte mit ihrer Verschreibungspraxis die Entstehung von Medikamentenabhängigkeiten? Die Frage muss leider mit „ja“ beantwortet werden – auch wenn die meisten nach bestem Gewissen handeln. „Viele Ärzte kennen das Drei-Phasen-Modell nicht und achten nur auf die echte Abhängigkeit“, sagt Holzbach. „Solange der Patient die Dosis nicht selbstständig steigert, denken sie, dass alles in Ordnung ist.“ Dazu kommt der Zeitmangel im Praxisalltag, der es Ärzten oft unmöglich macht, sich näher mit einem einzelnen Patienten zu befassen. Gerade im Stadium der Niedrigdosisabhängigkeit sind die Ursachen für die Symptome des Patienten nur schwer erkennbar. Suchtforscher Glaeske sieht deshalb die Ärzte gefordert, sich näher mit dem Problem auseinanderzusetzen und die Patienten besser aufzuklären.

Die Abhängigkeit beenden

Der Entzug von einem Medikament gestaltet sich schwierig und sollte schrittweise erfolgen. „Benzodiazepine und starke Schmerzmittel niemals schlagartig absetzen“, warnt Holzbach. Andernfalls sind heftige Entzugserscheinungen eine mögliche Folge. Stattdessen sollten die Betroffenen unter ärztlicher Begleitung nach und nach die Dosis senken. „Die Anzahl an Jahren, die man das Medikament genommen hat, benötigt man in Monaten zum Entzug“, rechnet Glaeske als Faustformel vor.

Die fachliche Aufsicht ist schon allein deshalb ratsam, da nicht jedes Präparat gleichermaßen zum Entzug geeignet ist. Für den langfristigen Erfolg ist es wichtig, der Ursache für den Medikamentengebrauch nachzugehen. Werden Ursachen wie eine Depression oder Schlafstörungen nicht erfolgreich bekämpft, droht ansonsten ein Rückfall in das Abhängigkeitsverhältnis.

Vor diesen Schritten ist allerdings ein weiterer notwendig:  „Die Betroffenen müssen sich erst einmal klar machen, dass sie ein Problem haben“, sagt Holzbach. Dieses Bewusstsein fehlt bei vielen. Gerade dann, wenn sie sich an die ärztliche Dosierung halten und denken, alles im Griff zu haben.



Stephan Soutschek / www.apotheken-umschau.de; 09.11.2011, aktualisiert am 15.11.2011
Bildnachweis: Thinkstock/iStockphoto

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