Wer beim Zappen im Fernsehen auf die Liveübertragung einer Busenvergrößerung oder auf vorher-nachher-Bilder von Fettabsaugungspatienten stößt, wundert sich heutzutage kaum mehr. Man hat sich an das Thema Schönheits-Operation gewöhnt, ist abgestumpft. Die Berichterstattung löst längst keinen großen Medienrummel mehr aus.
Trotzdem lesen wir dieser Tage das Wort "Brustvergrößerung" doch wieder recht häufig. Der Grund ist traurig. Die Erotikdarstellerin mit dem Künstlernamen "Sexy Cora" ist am 20. Januar 2011 an den Folgen des Eingriffs gestorben, der ihre sechste Busenvergrößerung werden sollte. Geplant war Körbchengröße G.
Ist es noch normal, sich so häufig für die Schönheit unters Messer zu legen? "Es gibt Menschen, die nach Schönheits-Operationen süchtig werden", erklärt Professor Peter Vogt, Präsident der Deutschen Gesellschaft der plastischen, rekonstruktiven und ästhetischen Chirurgen. Gefährdet sind in erster Linie Patienten mit Körperbildwahrnehmungsstörungen, sogenannten Dysmorphophobien.
"Im Falle eines solchen Krankheitsbildes differieren die Selbst- und Fremdwahrnehmung sehr stark", erklärt Ulrich Renz, Mediziner und Experte auf dem Gebiet der Attraktivitätsforschung. Betroffene Frauen, die ihren Busen von Körbchengröße B auf D und dann auf F haben vergrößern lassen, empfinden ihre Oberweite mitunter immer noch als klein. Dysmorphophobien kann man beispielsweise auch bei Magersüchtigen beobachten. Die Betroffenen finden sich mit ihrer völlig abgemagerten Figur immer noch zu dick.
Kaum ein Mensch sieht sich so, wie es die Außenwelt tut. Laut Renz überschätzt sich die Mehrzahl der Deutschen. Das ist eigentlich positiv, denn so läuft die Mehrheit von uns mit einem guten Gefühl durchs Leben. Leider gibt es aber auch viele Menschen, die unter einem schlechten Selbstwertgefühl leiden. Personen, denen man eine Schönheits-OP-Sucht nachsagen kann, gehören laut Renz überproportional oft in die letzte Kategorie.
Ein plastischer Chirurg muss immer erkennen, welche Absicht ein Patient mit einem ästhetischen Eingriff verfolgt. "Sind ein nicht zu erreichendes Ziel oder beispielsweise ausschließlich ein Partnerwunsch der Auslöser, dann wird ein vernünftiger Arzt den Eingriff nie vornehmen", so Vogt.
Ein weiterer Grund, weshalb sich immer mehr Menschen für die Optik operieren lassen ist, dass das Angebot enorm gestiegen und die Hemmschwelle gleichzeitig gesunken ist. "Zu dem letzten Punkt haben mit Sicherheit die Medien ihren Beitrag geleistet", so Vogt. In vielen Fernsehshows sieht der Zuschauer weder Risiken noch Nebenwirkungen. Dafür aber beeindruckende Vorher-nachher-Bilder von Schönheitseingriffen. Das steigert die Bereitschaft, das vermeintlich geringe Risiko selber einzugehen.
Die Akzeptanz der ästhetischen Chirurgie in der Gesellschaft ist enorm gewachsen. "Das verhält sich so ähnlich wie früher mit der Zahnspange", vergleicht Dr. Ada Borkenhagen, psychologische Psychotherapeutin und Gastwissenschaftlerin an der Universität Leipzig. "In den Sechzigern waren schiefe Zähne völlig normal. Heute hingegen fragt man sich, ob die Eltern nicht vielleicht etwas vergessen haben." Das soll selbstverständlich nicht bedeuten, dass ein schönheitschirurgischer Eingriff mit einer kieferorthopädischen Behandlung gleichzusetzen ist, sondern ausschließlich, dass die Wahrnehmung sich geändert hat. Und somit auch die Hemmschwelle gesunken ist.
Borkenhagen unterscheidet zwischen drei typischen Schönheits-OP-Patienten. Die ersten sind diejenigen, die einen einzigen Mangel korrigieren wollen. So wie einen Höcker auf der Nase. Danach sind die Operierten glücklich und kommen nicht zurück in die Praxis. Die nächste Gruppe sind Menschen, die typische Alterserscheinungen stoppen oder ausgleichen wollen. Zum Beispiel einen hängenden Busen nach drei Schwangerschaften. Auch dieser Fall ist laut unserer Psychotherapeutin unbedenklich.
Gefährlich wird es, wenn Menschen versuchen, mit den Operationen ihre Identität zu verändern. "Wenn eine Person aussehen will wie ein berühmtes Topmodell oder sogar die Hautfarbe zu ändern versucht, dann hat man es eindeutig mit einer Persönlichkeitsstörung zu tun", so Borkenhagen.
Die Antwort auf die Frage, ob Schönheits-Operationen süchtig machen können, lautet also: Ja, es gibt Menschen, die – einmal angefangen – kein Ende mehr finden. Aber das ist nicht die Regel. Meistens ist eine derartige Sucht Nebenerscheinung einer anderen grundlegenden psychischen Störung.
Sophie Kelm / www.apotheken-umschau.de;
25.01.2011, aktualisiert am 16.02.2011
Bildnachweis: Panthermedia/WernerH.
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