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Tai-Chi – gesunde Kampfkunst

Die fernöstliche Sportart macht vital, fördert die Gesundheit und schärft die Wahrnehmung


Aktivität in Zeitlupe: Dieser Mann führt die Figur "die Peitsche" sehr langsam aus

Wie in Zeitlupe geht das linke Bein nach vorne. Die Ferse setzt auf. Das Gewicht wird verlagert, der Fuß rollt langsam ab. Gleichzeitig geht die rechte Hand auf Schulterhöhe nach vorne – ein Stoß gegen einen imaginären Gegner. Im selben Augenblick wird ein Fußtritt dieses Kontrahenten mit der linken Hand in einer kreisenden Bewegung abgewehrt. Alle Figuren fließen gleichmäßig und koordiniert. „Nahtlos reiht sich beim Tai-Chi-Chuan Sequenz an Sequenz. Jeder Körperteil bleibt ständig in Bewegung, baut sanft Spannung auf und löst sie wieder“, erklärt Professor Klaus Moegling vom Institut für Sportwissenschaft und Motologie an der Universität Marburg.



Dabei ist das Ende der einen Haltung zugleich der Beginn der nächsten, einschließlich weicher Übergänge. Spüren Sie selbst einmal den beschriebenen Abläufen nach. Sie merken gleich, dass Sie dabei aufmerksam und konzentriert sein müssen. Diese Sequenz trägt den Namen „Das Knie streifen“. Solche Bewegungsbilder setzen sich zu sogenannten Tai-Chi-Formen zusammen, die je nach Ausführung und Wiederholungen wenige Minuten, aber auch bis zu eine halbe Stunde dauern.



Häufige Figur: "Der Kranich breitet die Flügel aus"

Wörtlich übersetzt heißt Tai-Chi Firstbalken, also der stabile Balken, der ein Dach zusammenhält. „Übertragen meint es das Prinzip, das hinter allem Leben steht, das aber niemand in Worte fassen kann“, erläutert Sportwissenschaftler und Tai-Chi-Chuan-Lehrer Moegling. Der Zusatz Chuan – übersetzt als „die leere Faust“ – weist dagegen auf den Kampf hin. Diese Bewegungsart verbindet uralte Kampfkünste mit Atemtherapien, Heilgymnastik und Meditation aus dem alten China und wirkt damit auf Körper, Geist und Seele.



Ihre Wurzeln sollen in taoistischen Klöstern liegen. Wie die besonderen Formen dieser Methode entstanden, berichtet eine Legende: Im 13. Jahrhundert beobachtete der taoistische Meister Zhang Sanfeng den Kampf einer Schlange mit einem Kranich. Dabei erkannte er, dass die Schlange den Schnabelstößen des Vogels geschmeidig auswich, und entwickelte daraus ähnliche Figuren eines rituellen Kampfs. Das heutige Tai-Chi-Chuan ist wohl erst Anfang des 17. Jahrhunderts entstanden und mündete in zahlreiche Stile und Schulen. „In jedem Jahrhundert hat sich Tai-Chi-Chuan verändert. Der Chen-Stil gilt als der älteste, der Yang-Stil als am weitesten verbreitet“, erläutert Moegling. Die schnellen Abfolgen von Sprüngen und Stampfen des Yang-Stils wandelte man in die heute bei uns gebräuchlichste langsame Variante um. Dadurch kann der Übende intensiver entspannen und die gesundheitlichen Wirkungen über kontinuierliche, fließende Bewegungen verstärken. Für Menschen mit Rückenproblemen oder einer Gelenkarthrose ist das von Vorteil.

 

„Wer mit Tai-Chi-Chuan beginnt, erlebt durch die Langsamkeit der Bewegungen erst einmal, was er in jedem einzelnen Moment tut“, erläutert Dr. Michael Plötz, Facharzt für Allgemeinmedizin in Hamburg. Für viele ist das ungewohnt, sodass sie sich sehr konzentrieren müssen. Mancher Anfänger spürt dann zum ersten Mal, wo er sich verspannt. Vielleicht bemerkt er auch, dass es Muskeln gibt, von denen er bislang nichts ahnte – schließlich besitzt unser Körper rund 400 davon. Tai-Chi-Chuan schult die Wahrnehmung  nicht nur dafür.



Von der ersten Stunde an setzt sich der Übende damit auseinander, wie er der Schwerkraft trotzend die Balance halten kann. „Tai-Chi-Chuan ist wie Schwimmen an der Luft“, zitiert Plötz einen alten Meister. Bei trainierten Menschen wirken die Bewegungen tatsächlich geschmeidig, durchlässig und weich, dabei gleichzeitig so, als ob sie gegen Widerstände angehen müssten – so wie es auch im Wasser geschieht.



Weil ein ständiger Wechsel zwischen Bewegung und Gegenbewegung stattfindet, die ein Ganzes ergeben, nennen die Chinesen diesen Sport auch Yin-Yang-Bewegungskunst. „Yin und Yang stellen Gegensätze dar, die sich in allem finden und untrennbar miteinander verbunden sind“, erklärt Plötz, „so wie Tag und Nacht, Sonne und Mond, Leere und Fülle. Das An- und Entspannen wirkt über das Nervensystem auf viele Bereiche des Körpers und beeinflusst beispielsweise den Stoffwechsel und die Muskelspannung positiv und damit auch die Atmung.“



Doch nicht nur stressgeplagte Menschen profitieren von den Übungen, auch am Zentrum für Muskel- und Knochenforschung an der Charité Berlin setzt man Tai-Chi bei der Behandlung ein. Denn jeder Schritt, jede Bewegung erfordert das Zusammenspiel zahlreicher Muskeln. Haben sich im Lauf des Lebens Fehlhaltungen eingeschlichen, führt das zu dauerhaft falschen Belastungen und Muskeldefiziten, die sich aber meistens erst jenseits der 50 bemerkbar machen.



Bei einem koordinierten Bewegungsablauf ist auch der kleinste Muskel sehr wichtig, der möglicherweise nur einen leichten Zug in eine Richtung ausführt oder für den Gegenzug notwendig wird. „Da gilt Tai-Chi als ideale Trainingsform, weil es dabei um das feine Zusammenspiel von Muskeln für die jeweilige Funktion geht“, erläutert Professor Dieter Felsenberg, der das Zentrum an der Charité leitet.



Schon beim bloßen Stehen kann jeder selbst prüfen: Liegt der Fuß flach auf? Hat er in allen Bereichen Kontakt zum Boden? Wie wirkt sich das auf meine körperliche Stabilität aus? Doch nicht nur Balance und Koordination lassen sich mit Tai-Chi in idealer Weise verbessern, sondern auch die Muskelkraft, meint Knochen- und Muskelspezialist Felsenberg. Denn das Halten bestimmter Positionen macht aus den Abfolgen durchaus auch Kraftübungen. Obendrein wirkt Tai-Chi positiv auf die Festigkeit der Knochen. „Studien dokumentieren, dass das Training sowohl das Risiko von Stürzen als auch von Knochenbrüchen vermindern kann. Das gilt auch dann, wenn jemand erst jenseits der 70 damit beginnt“, bestätigt Felsenberg.



Tai-Chi-Chuan gehört wie Yoga oder Qigong zu den Bewegungskünsten, die vor allem vorbeugend wirken. Doch auch im Gesundheitssport für chronisch Kranke haben sie einen festen Platz. So gibt es beispielsweise im Rahmen der Rehabilitation herzkranker Patienten Praktiken des Tai-Chi, die Therapeuten in ein moderates Herz-Kreislauf-Training einbauen. „Gerade Herzpatienten sind oft sehr leistungsorientierte Menschen, die sich mit Spannung und Entspannung auseinandersetzen müssen“, betont Plötz. Das kann unter anderem mit Tai-Chi gelingen.



Das Besondere bei dieser Art von Bewegung: Selbst völlig Ungeübte und Ältere können damit beginnen und haben schnell Erfolgserlebnisse, wenn sie regelmäßig trainieren. Eine chinesische Weisheit bringt das Wesen der meditativen Bewegungsweise auf den Punkt: „Wer Tai-Chi-Chuan übt, wird geschmeidig wie ein Kind, stark und gesund wie ein Holzfäller und gelassen wie ein Weiser.“



Christine Wolfrum / Apotheken Umschau; 28.06.2010
Bildnachweis: Getty Images/pixland

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