Geschwindigkeit scheint doch Hexerei zu sein. Keine drei Sekunden braucht Ilona Reuhl aus Butzbach in Hessen, um neun Kunststoffbecher virtuos zu drei Pyramiden mit je drei Bechern zu stapeln und in der vorgeschriebenen Reihenfolge wieder abzubauen. Mit ihren 2,87 Sekunden ist die 46-Jährige Weltmeisterin in der Stacking-Einzeldisziplin 3-3-3 (engl. „to stack“ = stapeln) in der Altersklasse 45 bis 59 Jahre.
Die Sportart kam vor einigen Jahren aus den USA nach Deutschland und fasziniert vor allem Kinder und Jugendliche. „Mittlerweile gibt es etwa 2000 Schulen, an denen gestackt wird“, berichtet Ilona Reuhl. Die Übungsleiterin für Sport-Stacking organisiert Fortbildungen für Lehrer und Trainer in Vereinen – und hat ihre ganze Familie mit dem Stapel-Fieber angesteckt.
Beim 3-3-3, der Basis-Disziplin des Sport-Stackings, werden dreimal drei Becher nacheinander auf- und wieder abgebaut. Dabei kommen die rechte (R) und die linke Hand (L) gleichermaßen zum Einsatz
Manche Schulen bieten die Sportart in speziellen Arbeitsgemeinschaften an, andere integrieren sie in Bewegungspausen oder in die Mittagsbetreuung – zur Auffrischung der Konzentration. Die erste Deutsche Schulsportmeisterschaft im Sport-Stacking fand im Juni 2009 statt. Deutsche Meisterschaften gibt es natürlich auch – zuletzt im März 2009.
„Stacking macht einfach Spaß. Es hat Suchtpotenzial“, kommentiert Ilona Reuhl die Erfolgsgeschichte der sportlichen Hoch-Stapelei. Auch Einsteiger erzielen schnell Fortschritte. Einzeln oder in Teams kämpfen die Jugendlichen um die schnellste Zeit beim Türmen der Plastikbecher – und trainieren dabei nicht nur Arme und Hände, sondern vor allem ihre grauen Zellen. Ganz nebenbei erbringen sie beim Sportstapeln nämlich koordinative und motorische Höchstleistungen.
Eine Studie von Wissenschaftlern um Dr. Steven Murray vom Mesa State College (Colorado/USA) belegt, dass Stacking die Auge-Hand-Koordination fördert und die Reaktionszeiten verkürzt. Dr. Melanie Hart von der Texas Tech University (USA) wies durch Messung der Gehirnströme mittels Elektroenzephalogramm (EEG) nach, dass das Becherstapeln die Verknüpfung beider Hirnhälften verbessert – eine wichtige Voraussetzung für optimale Denkprozesse.
Auch deutsche Wissenschaftler vermuten, dass das Stacking mit seinen präzisen Bewegungsabläufen das Lernen auf ideale Weise unterstützt. Es steigert die Aufmerksamkeit und Rauf und runter. Beim 3-3-3, der Basis-Disziplin des Sport-Stackings, werden dreimal drei Becher nacheinander auf- und wieder abgebaut. Dabei kommen die rechte (R) und die linke Hand (L) gleichermaßen zum Einsatz: die Konzentration. Das legt eine Untersuchung von Dr. Ilka Seidel vom Forschungszentrum für den Schulsport und den Sport von Kindern und Jugendlichen der Universität Karlsruhe nahe.
Vielseitiges Training
Die Sportwissenschaftlerin startete eine Studie mit 30 Fünftklässlern an einem Gymnasium. Sie ließ die Kinder dazu ein ganzes Schuljahr lang als fünfminütiges Bewegungstraining in den Pausen Becher stapeln. Ihr erstes Resümee: „Sport-Stacking erhöht die Reaktionsschnelligkeit und beeinflusst die beidhändige Koordinationsfähigkeit positiv.“
Weil die spielerische Stapelei die Wahrnehmung und die Bewegungskoordination stark beansprucht, empfiehlt Seidel sie auch älteren Menschen. „Stacking ist wie ein Gehirntraining. Weil es beide Hirnhälften aktiviert, hat es vermutlich auch den positiven Effekt, dass sich der Abbau der Hirnsubstanz verlangsamt, wenn regelmäßig trainiert wird.“
Seidel selbst hat sich längst vom Stacking- Fieber anstecken lassen. Ihre persönliche Bestzeit beträgt 4,29 Sekunden bei der Variante 3-3-3. Zum Vergleich: Anfänger benötigen etwa zehn Sekunden. „Um auf das Weltklasse-Niveau von unter drei Sekunden zu kommen, müsste ich regelmäßiger üben. Dazu fehlt mir aber die Zeit.“ Weitere Informationen zum flinken Becherstapeln finden Interessierte im Internet unter www.getspeedstacks.de oder www.speedstacks.com.
Ute Essig / Apotheken Umschau;
16.02.2010, aktualisiert am 25.06.2010
Bildnachweis: W&B/Martina Ibelherr
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