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Serie Sanfte Fitness – Teil 4
Die Kunst des inneren Lächelns

Qi-Gong, ein Teilgebiet der traditionellen chinesischen Medizin, aktiviert die Selbstheilungskräfte und hält auf sanfte Weise fit

Ein Kurs in der Volkshochschule brachte Susanne Kast vor elf Jahren das große Aha-Erlebnis – und sollte ihr Leben von Grund auf ändern. »Schon als Kind hatte ich chronische Verdauungsstörungen«, erzählt die gelernte Chemielaborantin, »doch drei Monate nach dem Kurs waren die Beschwerden verschwunden.« Auch ihre Probleme mit einem beim Sport blockierten Brustwirbel bekam sie in kurzer Zeit in den Griff. »Vor allem bin ich viel gelassener geworden«, berichtet die ehemalige Leistungssportlerin, »und lasse nicht mehr so viel an mich ran.«


Verbesserung des Energieflusses
Die fernöstliche Entspannungstechnik, die Susanne Kasts Leben so positiv beeinflusst hat, ist hierzulande noch kaum bekannt: Qi-Gong. Nach alter chinesischer Lehre ist Qi (sprich »tschi«) die alles durchdringende Lebensenergie, der Quell körperlicher und geistiger Gesundheit. »In der traditionellen chinesischen Medizin«, erklärt Kast, »ist jede Erkrankung Folge einer Qi-Störung: Das Qi ist aus dem Gleichgewicht geraten.«

Qi-Gong bedeutet »Energie-Arbeit« und fasst verschiedene Methoden und Techniken zusammen. Sie sollen den Energiefluss verbessern sowie Körper und Geist widerstandsfähiger gegen Alltagsbelastungen und Krankheiten machen.


Das Hobby zum Beruf gemacht
Seit ihrem 16. Lebensjahr hatte Susanne Kast autogenes Training, später Yoga und Tai-Chi praktiziert. »Doch die weitaus größte Veränderung«, sagt sie, »habe ich durch Qi-Gong erfahren.« Nachdem die heute 40-Jährige in wenigen Monaten beachtliche gesundheitliche und psychische Erfolge erzielen konnte, folgte ein weiteres Schlüsselerlebnis. »Meine Meisterin Giok-Lan Liem fragte mich, ob ich nicht selbst Lehrerin werden will«, erzählt sie.

»Dass sie mich gemäß der chinesischen Tradition als Schülerin ausgewählt hat, hat mir sehr viel bedeutet.« Aus zunächst rein persönlichem Interesse begann Susanne Kast eine zweijährige Ausbildung zur Qi-Gong-Lehrerin am »ulmkolleg Lehr- und Weiterbildungsinstitut für Physiotherapie und Massage«. Je tiefer sie in die Materie einstieg, umso mehr wuchs ihre Begeisterung. »Nach einem Jahr«, schwärmt sie, »war mir klar: Das muss ich unbedingt weitergeben.«

Nach erfolgreicher Prüfung unterrichtete sie zunächst in Ulm. Es folgte ein zweijähriger USA-Aufenthalt, der ihr die Möglichkeit zur Weiterbildung bot. Gleichzeitig gab sie Privatunterricht und Kurse für Firmenmitarbeiter. Seit dreieinhalb Jahren lebt Susanne Kast nun in Tutzing am Starnberger See, wo sie Privatschüler und kleine Gruppen mit maximal sechs Teilnehmern unterrichtet: »So kann ich viel besser auf den Einzelnen eingehen.«


Breit gefächerte Anwendung möglich
Unter ihren Schülern sind Menschen, die sich einfach nur entspannen und auf sanfte Weise fit halten wollen, und ebenso Patienten mit Krebs, Bluthochdruck und anderen Erkrankungen. »Qi-Gong stärkt unsere Selbstheilungskräfte«, sagt Kast, »und eignet sich zur Vorbeugung, aber auch zur unterstützenden Behandlung bereits bestehender Krankheiten.«

In der traditionellen chinesischen Medizin setzen Ärzte Qi-Gong sogar als begleitende Therapie in Krankenhäusern ein. Um für ihre »Patienten« die individuell passenden Übungen auswählen zu können, absolvierte Susanne Kast eine Zusatzausbildung in traditionell-chinesischer Diagnose: »Zunge, Puls oder Gesichtsfarbe verraten, wenn das Qi eines Menschen nicht im Gleichgewicht ist, und weisen auf seine Schwachpunkte hin.«


Energiebahnen werden aktiviert
Langsame, harmonische Bewegungen, eine ruhige, bewusste Atmung, Konzentration und Vorstellungskraft sollen die Lebensenergie stärken, Blockaden lösen und den Einklang von Körper, Geist und Seele wiederherstellen. »Beim Üben«, erklärt die Qi-Gong-Lehrerin, »fließt das Qi entlang von Energiebahnen, die den Körper wie Flüsse durchziehen.« Auf diesen so genannten Meridianen liegen Akupunktur-Punkte, die sich durch gezielte Bewegungen anregen lassen.

Zum Abschluss muss der Übende das bewegte Qi in seiner Vorstellung wieder »einsammeln« und im »Unteren Dantien« speichern. Dieses wichtigste Energiezentrum des Körpers liegt etwa zwei Fingerbreit unter dem Nabel in Richtung Schambein. Was zunächst ungeheuer kompliziert klingt, kann jeder leicht und ohne Vorkenntnisse erlernen. »Auch für ältere Menschen ist Qi-Gong hervorragend geeignet«, betont Susanne Kast. »Die leichten Dehn- und Streckübungen halten bis ins hohe Alter beweglich und verringern die Sturzgefahr.«


Schonend fit bleiben
Viele Übungen lassen sich zudem im Sitzen oder Liegen ausführen. Bei dieser »stillen« Form des Qi-Gong lenkt der Übende das Qi nicht durch Bewegungen, sondern allein mit seiner Vorstellungskraft. Für Susanne Kast ist Qi-Gong die schonendste Möglichkeit, körperlich fit zu bleiben. »Man lernt, seine Kräfte zu bündeln, die Muskeln zu kontrollieren, und wird mit einer besseren Körperhaltung, Kondition und Ausgeglichenheit belohnt.« Menschen mit überwiegend sitzendem Lebensstil empfiehlt sie Qi-Gong als ideale Ergänzung zu bewegungsintensiveren Sportarten: »In der chinesischen Philosophie müssen Ruhe und Bewegung – repräsentiert durch die beiden Gegenpole Yin und Yang – ausgeglichen sein.« Sie selbst joggt regelmäßig. »Dabei gehe ich im Geist oft ein paar Qi-Gong-Übungen durch.«


Üben im Alltag leicht gemacht
Auch wer keine Zeit zu stundenlangem Training hat, profitiert: Viele Übungen lassen sich problemlos in den Alltag integrieren. Ob in der Warteschlange im Supermarkt oder in der voll besetzten U-Bahn – aufrecht stehen, bewusst atmen und Energie sammeln kann man überall. »Mit der Zeit geht Qi-Gong so in den Alltag über«, sagt Susanne Kast, »dass man die bewegten Übungen gar nicht mehr braucht.«

Bei aller Begeisterung für die jahrtausendealte fernöstliche Energiearbeit ist die Qi-Gong-Lehrerin bodenständig geblieben. »Wichtiger als die zugrunde liegende Philosophie ist meiner Meinung nach, die Übungen einfach auszuprobieren und keine Berührungsängste zu haben – zumal selbst Anfänger nichts wirklich falsch machen können.«

Zweimal wöchentlich arbeitet Susanne Kast zusätzlich in einer kardiologischen Praxis. Auch hier kommt ihr das Erlernte zugute – sei es, um einfach nur richtig zu stehen oder mal ihren Chef zu beruhigen. Ärger und Stress prallen an ihr ab: »Wenn du ein Lächeln gibst«, beschreibt sie ihre Lebensphilosophie, »bekommst du etwas zurück und verschönerst dir so dein Leben.« Nicht umsonst ist Qi-Gong die »Kunst des inneren Lächelns«.


Gesundheit



Gesundheit; 05.08.2005, aktualisiert am 10.07.2010

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