Mit Kinesio-Tapes gegen Schmerzen?

Lockere Muskeln, weniger Schmerzen, bessere Heilung: Viele Sportler schwören auf die bunten Bänder aus Fernost. Was dran ist, an kinesiologischen Tapes

von Nina Himmer, aktualisiert am 13.01.2016

Kinesiologisches Tapen: Die Anwendung will gelernt sein

Corbis/Light Wave

Rücken, Knie, Oberschenkel, Schulter, Wade – es gibt kaum ein Körperteil, das man nicht schon im knallbunten Streifenlook gesehen hat. Kein Wunder: Die farbigen Kinesiologie-Tapes, hochelastische und selbstklebende Textilbänder, sollen Schmerzen und Entzündungen lindern, die Heilung von Verletzungen fördern und verspannte Muskeln lockern. Populär geworden sind sie hierzulande durch Fußballstars wie David Beckham oder Mario Ballotelli, doch eigentlich haben sie ihren Ursprung in Fernost.

Dort entwickelte vor rund 30 Jahren der japanische Chiropraktiker Kenzo Kase eine Art spezielles Pflaster, das wie eine zweite Haut auf den Körper geklebt wird. Es soll Muskeln und Faszien zwar stützen, dabei aber ihre Beweglichkeit nicht einschränken. Deshalb sind die aus elastischer Baumwolle gefertigten Kinesio-Tapes extrem dehnbar, häufig um mehr als das Doppelte ihrer Länge. Weil ihre Unterseite mit Acrylatkleber benetzt ist, haften sie gut auf der Haut und können problemlos einige Tage am Körper bleiben – zumal sie eine Dusche unbeschadet überstehen.


Beim Tapen ist Know-how gefragt

Zum Tapen selbst werden spezielle Techniken angewandt, die sich nach der Art der Beschwerden richten. "Das braucht allerdings viel fachliches Know-how", sagt Michael Preibsch vom Verband Deutscher Physiotherapeuten. Mal werden die Klebestreifen vor dem Aufkleben gedehnt und auf den entspannten Muskel geklebt, mal umgekehrt. Geklebt werden kann in parallelen Streifen, y-förmig oder als eine Art Fächer. Mal direkt an der betroffenen Stelle, mal zusätzlich an weiteren. "Ohne anatomische Kenntnisse über den Verlauf der Muskeln, ihren Ursprung und Ansatz kann man nicht korrekt tapen, denn die Position und Zugrichtung sind wichtig", sagt Preibsch, der die Eigenanwendung aus diesem Grund kritisch sieht.

Gute Erfahrungen bei Verspannungen

Dr. Thorsten Schiffer, Leiter der Ambulanz für Sporttraumatologie und Gesundheitsberatung der Deutschen Sporthochschule Köln, sieht das weniger eng: "An den unteren Extremitäten, etwa Knie oder Sprunggelenk, können sich Patienten nach vorheriger Einweisung durchaus selbst tapen." Schwieriger werde es an Stellen wie Rücken, Schulter oder Nacken, die man ohne "Verrenkungen" kaum erreicht.

Vom Nutzen der Tapes sind aber beide Experten überzeugt: "Ich habe in der Praxis gute Erfahrungen damit gemacht und verwende das Tape zum Beispiel bei Verspannungen, dem Springer-Knie oder zur Aktivierung der Muskulatur nach Kreuzband-Eingriffen", sagt Schiffer. Auch Physiotherapeut Preibsch wendet die Bänder gerne an, bevorzugt bei akuten Verspannungen oder zur Haltungskorrektur: "Ihre Stärke spielen die Bänder bei muskulären Problemen aus", sagt er.

Tatsächlich sollen kinesiologische Tapes gut gegen Verspannungen im Rücken- und Nackenbereich helfen. Die Liste der potenziellen Anwendungsgebiete ist aber noch viel länger: Gelenkbeschwerden, Spannungskopfweh, Tennisarm, Schulter- und Fußschmerzen und Sehnenprobleme finden sich darauf ebenso wie verstopfte Nasennebenhöhlen, Regelbeschwerden und Kieferschmerzen. Sportler nutzen es außerdem gerne, um Krämpfen vorzubeugen oder Muskelkater schneller loszuwerden. Viele Ärzte, Physiotherapeuten, Trainer und Sportler schwören auf die Bänder – den Praxistest bestehen sie also.

Es mangelt an wissenschaftlichen Belegen

Wissenschaftlich belegt ist die Wirkung aber nicht. "Es gibt einfach keine aussagekräftigen Studien dazu", sagt Schiffer. Die vorhandene Datenlage sei dünn und widersprüchlich, viele Untersuchungen genügten den Anforderungen der Wissenschaft nicht. Weil es aktuell keine Belege für ihre Wirkung gibt, übernehmen die Krankenkassen keine Kosten für Behandlungen mit Kinesio-Tapes. "Aber wer heilt, hat Recht", meint Preibsch. Und auch Schiffer findet: "Die Praxiserfahrungen sind überzeugend und es schadet auf keinen Fall, das Tape bei Beschwerden einmal auszuprobieren."

Wenngleich nicht bewiesen, den Wirkmechanismus der Bänder halten die Experten für plausibel. Vereinfacht gesagt funktioniert das Tape, weil es die oberste Hautschicht leicht anhebt. Blut und Lymphflüssigkeit können deshalb besser fließen, was die Versorgung des Gewebes mit Sauerstoff und Nährstoffen optimiert und den Abtransport von entzündlichen Stoffen erleichtern soll. Auch Schmerzsensoren, Sehnenrezeptoren, Faszien und Nervenzellen lassen sich durch den Zug der Bänder offenbar beeinflussen. Manche Anwender schreiben auch der Farbe eine Wirkung zu – so soll Rot anregen, Blau beruhigen und Gelb die Stimmung aufhellen. Mediziner sehen darin allerdings eher eine Werbemasche als einen echten Nutzen. "Für die Wirkung spielt die Farbe keine Rolle", meint Preibsch.

Vorsicht bei Allergien und empfindlicher Haut

Egal ob rot, blau oder gelb: Wunder darf man von den bunten Bändern nicht erwarten. Doch sinnvoll und nach einer gesicherten Diagnose eingesetzt, scheinen sie die Genesung tatsächlich zu unterstützen und Schmerzen zu lindern. Gerade in Kombination mit anderen Therapien können die Bänder Therapieerfolge begünstigen.

Eine Untersuchung und Behandlung beim Arzt ersetzen sie nicht. Wer danach in Eigenregie weiterkleben will, kann das tun: "Man kann damit nichts falsch machen – und schlimmstenfalls hilft es eben nicht", sagt Chirurg und Sportmediziner Schiffer. Schließlich habe das Tape keine Nebenwirkungen. Mit einer Ausnahme: Wer allergisch auf den enthaltenen Klebstoff reagiert oder sehr empfindliche Haut hat, sollte die Finger davon lassen. Auch ein Blick aufs Etikett und den Hersteller kann nicht schaden, denn Untersuchungen haben gezeigt, dass manche der Bänder umstrittene halogenorganische Verbindungen enthalten, die über die Haut in den Körper gelangen können.



Bildnachweis: Corbis/Light Wave

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