EMS: Fit durch elektrische Muskelstimulation?

Schnell und effektiv Muskeln aufbauen – ein Traum! Genau das verspricht Elektromuskelstimulation (EMS). Funktioniert es wirklich?

von Juliane Gutmann, aktualisiert am 27.06.2016

Elektromuskelstimulation durch Reizstrom: In der Physiotherapie hilft sie, erschlaffte Muskeln wieder aufzubauen

Your Photo Today/Chassenet/BSIP

Muskeln aus der Steckdose? Diesen Trend greifen immer mehr Fitnessstudios auf. Stichwort Elektromuskelstimulation (EMS). Ohne zeitaufwändiges Gewichtestemmen soll die Methode Muskeln wachsen und Fett schmelzen lassen. Aber kann das wirklich funktionieren?

Elektromuskelstimulation als Reha-Maßnahme

Ihre Wurzeln hat die Elektromuskelstimulation in der Physiotherapie. Als Reha-Maßnahme kommt sie zum Beispiel zum Einsatz, wenn ein gezielter Muskelaufbau nach Verletzungen nötig ist – und hat hier bereits gute Erfolge gezeigt. Auf die Haut geklebte Elektroden stimulieren die betroffene Muskulatur, ohne dass sie aktiv bewegt werden muss.

"EMS-Training ist ein nützliches Instrument, um Muskelmasse aufzubauen", bestätigt Professor Dr. Klaus-Michael Braumann, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP). So viel zum medizinischen Nutzen der elektrischen Muskelstimulation. Aber kann EMS auch ganz normalen Sport ersetzen? Sie wissen schon, Joggen, Schwimmen, Radfahren oder auch Krafttraining – eben all dass, was Menschen normalerweise tun, um fit und schlank zu bleiben und um ihre Beweglichkeit und Kondition zu trainieren.


Wie funktioniert EMS-Training?

Ob beim Joggen oder beim Krafttraining im Fitnessstudio: Bei körperlicher Anstrengung leiten Nerven elektrische Impulse an die Muskeln, die sich daraufhin zusammenziehen. Beim EMS-Training kommt der Befehl an die Muskeln nicht vom Gehirn, sondern von außen durch niedrigen Reizstrom. Dabei geben in Funktionskleidung eingearbeitete Elektroden elektrische Impulse an Muskelpartien weiter, die sich zusammenziehen und so die Aktivität der Muskulatur unter Anstrengung nachahmen. Passiert das häufig und intensiv genug, wird der Muskel dicker und kräftiger.


Ist EMS ein Ersatz für Sport?

Ja und Nein muss hier die Antwort wohl lauten. Es stimmt: EMS kann Muskeln wachsen lassen. Zwar besteht noch Forschungsbedarf. Doch es gibt bereits Studien, die zeigen, dass die Technik prinzipiell funktioniert. "Durch Muskelaufbau erhöht sich auch der Grundumsatz – der Kalorienverbrauch steigt und abnehmen gelingt schneller", erklärt Braumann. Wer mit Elektroden am Körper trainiert, fördert also in erster Linie seine Kraft – durchaus nützlich. Aber: Damit wir rundum fit und gesund bleiben, brauchen wir außerdem auch Ausdauer – also Kondition – sowie Koordinationsfähigkeit.

Kondition und Koordination werden kaum trainiert

Kondition und Koordination werden durch EMS-Training laut Sportmediziner Braumann jedoch kaum gestärkt. Wer seine Ausdauer trainieren möchte – wichtig für ein gesundes Herz-Kreislauf-System –, sollte Sportarten wie Joggen oder Radfahren wählen. Und die Koordination? "Ein Kugelstoßer berichtete, seine Muskeln seien durch EMS-Training zwar so kräftig geworden, dass er gefühlt Löcher in die Kugel hätte drücken können. Weit gestoßen bekam er die Kugel aber nicht", erzählt Braumann. Wer seine durch EMS gewachsenen Muskeln gezielt und koordiniert einsetzen will, muss deshalb während des Trainings sportarttypische Bewegungsabläufe nachahmen, sonst bleibt die Koordination auf der Strecke.

Für wen ist Elektromuskelstimulation nicht geeignet?

Vorsicht: Manche Krankheiten können gegen ein EMS-Training sprechen. Wer EMS ausprobieren möchte, sollte deshalb vor dem Start sicherheitshalber seinen Arzt fragen! Das gilt insbesondere für Menschen mit Herzschrittmachern, Implantaten, Epilepsie, Sensibilitätsstörungen, zum Beispiel als Folge eines Diabetes, Spastiken oder Hautproblemen. In solchen Fällen wird meist von EMS abgeraten. Auch Schwangere sollten auf EMS verzichten.

EMS: Eine Alternative für Sportmuffel?

Sofern der Arzt grünes Licht gegeben hat: Vor allem für Sportmuffel, die wenig Zeit für Bewegung aufwenden können oder wollen oder die körperliche Anstrengung scheuen, sei EMS-Training laut Braumann eine Alternative. Glaubt man den Anbietern, sollen 20 Minuten Training ein- bis zweimal pro Woche genügen, um die Muskeln zu trainieren. Vor allem die Rumpfmuskulatur profitiere laut Braumann. Diese Muskelgruppen stabilisieren Rücken und Bauch und sind bei vielen Menschen durch zu viel Sitzen untrainiert.

Das EMS-Training im Studio mit verkabelter Funktionskleidung ist aber nicht Jedermanns Sache. Auch der Sportmediziner sagt: "Natürlich ist Bewegung an der frischen Luft viel schöner und entspannender".

Kosten und Kalorienverbrauch

Nach Informationen eines Herstellers von EMS-Geräten liegt der Kalorienverbrauch während des EMS-Trainings im Vergleich zu ähnlicher Belastung ohne elektronische Unterstützung bis zu 17 Prozent höher. Allerdings dauert eine EMS-Trainingseinheit in Fitnessstudios nur etwa 20 Minuten – wer "normalen" Sport ausübt, trainiert oft länger und verbraucht dann entsprechend mehr Kalorien. Je nach Fitnessstudio und Intensität des EMS-Trainings kostet eine 20-Minuten-Einheit rund 25 Euro. Wenn Sie ein halbes Jahr einmal pro Woche mit EMS trainieren, zahlen Sie also ungefähr 600 Euro.

Fitnessstudio mit guter Beratung ist wichtig

Wer sich an das Training mit den Elektroden wagt, sollte auf eine gute Beratung im Studio achten. Es gibt unterschiedliche Trainingsformen, die meist individuell zugeschnitten werden. Sportmediziner Braumann rät davon ab, EMS-Geräte bei Homeshopping-Kanälen oder ähnlichen Anbietern zu bestellen und es auf eigene Faust zu Hause zu probieren.

Wichtig ist auch, vor dem Training genug Wasser zu trinken. "Während der EMS kann sich durch osmotische Effekte zu viel Wasser im Muskel sammeln. Dies kann ohne genügend Flüssigkeitszufuhr Kreislaufprobleme zur Folge haben", weiß Braumann. Das könne vor allem beim Training großer Muskelareale passieren. Wenn Muskeln zu sehr belastet werden, droht am nächsten Tag ein Muskelkater – EMS-Training macht da keine Ausnahme. Was allerdings auch zeigt, dass es wirkt. Jedenfalls auf die Muskeln.



Bildnachweis: Your Photo Today/Chassenet/BSIP

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