Krisenstimmung: Für Väter, die erfahren, dass ihre Kinder nicht von ihnen sind, bricht meist eine Welt zusammen
Frank P.*: An die letzte gemeinsame Nacht konnte ich mich nicht mehr genau erinnern, als mir meine Frau sagte, dass sie wieder schwanger ist. Egal, ich freute mich trotzdem. Eine Affäre konnte sie nicht haben. Nach der Arbeit kam sie nach Hause, nachts lag sie neben mir im Bett, die Wochenenden verbrachten wir zusammen mit unserem Sohn Kai (2). Von wem, wenn nicht von mir, sollte dieses Kind sein? Als unsere Tochter zur Welt kam, hielt ich meiner Frau die Hand. Ich schnitt die Nabelschnur von Lena durch, wechselte ihre Windeln, brachte ihr die ersten Worte bei.
Unsere Familie funktionierte, obwohl die Beziehung zwischen mir und meiner Frau Anne nicht gerade innig war. Anne verriet mir nicht, was in ihr vorging. Ich lebte damit. Wir arrangierten uns. Ein gemeinsames Ziel hatten wir: unseren Kindern gute Eltern sein. Wir unternahmen viel mit anderen Familien. Vielleicht um nicht alleine Zeit miteinander verbringen zu müssen, vielleicht um zu vertuschen, dass wir nicht zueinander passten.
Mit einem Arbeitskollegen meiner Frau und dessen Frau machten wir häufig Ausflüge. Dabei gab es eine Situation, die mir schlagartig die Augen öffnete: Meine Frau und ihr Kollege schauten sich total vertraut an, sie schienen sich ohne Worte zu verstehen. Das war das entscheidende erste Puzzleteil für das große Geheimnis, das ich Schritt für Schritt aufdecken sollte. Mir wurde bewusst: Der Kollege meiner Frau könnte der Vater unserer Kinder sein.
Meine Geschwister sagten schon länger, dass mir mein Sohn und meine Tochter nicht ähnlich seien und dass da irgendwas nicht stimme. War es während der Arbeitszeit passiert? Ich begann die Kalender meiner Frau zu durchwühlen und nachzurechnen, wann unsere Kinder gezeugt wurden. Dabei fand ich das zweite Puzzleteil: Bei Kai war es ein Betriebsausflug.
Puzzleteil drei: Die Großzügigkeit des Kollegen. Er brachte den Kindern oft Geschenke mit. Nicht aus Nächstenliebe. Er wollte sein schlechtes Gewissen beruhigen. Er wusste es, sie wusste es. Nur ich blieb außen vor.
Puzzleteil vier: Ich erinnerte mich an einen Tag, an dem meine Frau verheult nach Hause kam. An jenem Tag muss sie ihm von der zweiten Schwangerschaft erzählt haben. Wahrscheinlich bat sie ihn, ein neues Leben mit ihr anzufangen. Doch er wollte seine Frau und seine beiden Kinder nicht aufgeben, ließ Anne abblitzen. Später zog die Familie weg.
Ich konfrontierte meine Frau mit dem, was ich herausgefunden hatte. Sie blockte ab. Unsere Beziehung litt. So sehr, dass ich auszog und wir uns scheiden ließen. Die Basis, das Vertrauen, war verloren gegangen. Meine Kinder, damals drei und fünf, sind seitdem an den Wochenenden oft bei mir, und wir machen zusammen Urlaub.
Ich kam dennoch nicht zur Ruhe. Es verging kein Tag, an dem ich nicht darüber nachdachte, ob ich nicht doch der Vater bin. Die Ungewissheit nagte an mir, an meinem Selbstbewusstsein, an meinem Leben. Ich hatte Angst vor der Wahrheit, wollte sie aber wissen.
Irgendwann hörte ich von Vaterschaftstests. Ich recherchierte im Internet, erkundigte mich bei Selbsthilfegruppen. Und dann musste ich es einfach tun. Bei einem Labor bestellte ich das Material für den Test: drei Reagenzgläser, drei Wattestäbchen. Eines für Kai, eines für Lena, eines für mich.
Beim nächsten Besuch der Kinder – sie waren jetzt sechs und acht – bat ich sie, ihre Zähne zu putzen. Ich sagte, dass ich dann ihren Mund kontrolliere: mit einem Wattestäbchen, das sich verfärbt, wenn die Zähne nicht gut geputzt sind. Die Kinder ahnten nichts von dem Test.
Ich steckte die Stäbchen mit den Speichelproben in die Gläschen, beschriftete sie, schickte sie ins Labor für den DNS-Test. Dann begannen sechs schreckliche Wochen Wartezeit, in der mich Zweifel überkamen, ob es mein Recht ist, diesen Test zu machen und ob ich überhaupt mit der Wahrheit leben kann. Zum Glück war ich damals schon mit meiner Freundin zusammen, die ich inzwischen auch geheiratet habe. Sie gab mir Halt.
Der Anruf kam morgens. „Sie sind nicht der Vater“, sagte ein Mann vom Labor. Meine Welt brach zusammen. Meine Kinder sollten nicht meine sein? Ich war völlig benommen. Einen Tag später traf der Brief ein. Darin stand sinngemäß: Die Vaterschaftswahrscheinlichkeit ist gleich null Prozent. Ich rief noch mal im Labor an, ließ mir erneut alles erklären. Der Tester sagte: „Sie sind nicht der Vater. Kein Zweifel.“
Es vergingen Wochen, bis ich das wirklich begriffen hatte. Dann beschloss ich, die Vaterschaft anzufechten und die Unterhaltszahlungen vom leiblichen Vater einzufordern. So groß war inzwischen die Wut geworden. Nicht nur, dass mich Anne hintergangen hatte. Warum sollte ich für Kinder zahlen, die einen anderen Vater haben? Warum sollte ich jeden Monat hunderte Euro überweisen, die ich für mein neues Leben gut gebrauchen und die der richtige Vater aus der Portokasse zahlen konnte? Keinen einzigen Moment wollte ich dabei die Beziehung zu Kai und Lena abbrechen. Sie werden immer meine Kinder bleiben. Und wäre der leibliche Vater nicht wohlhabend, hätte ich wahrscheinlich der Kinder zuliebe weitergezahlt.
Das Auf und Ab der Gefühle hörte nicht auf. Meine Frau wollte noch einen offiziellen Test. Die Kinder, ich und Annes Arbeitskollege mussten eine Speichelprobe abgeben. Und in mir kam wieder ein Funken Hoffnung auf, dass ich vielleicht doch der Vater bin. Das Ergebnis war eindeutig: Die Kinder gehören zum Arbeitskollegen. Nun war ich auch nicht mehr der rechtliche Vater. Ich bekam den Unterhalt der letzten beiden Jahre zurück.
Lena und Kai, heute 13 und 15 Jahre alt, wissen bis heute nicht, dass ich nicht ihr Vater bin. Ihre Mutter hat es ihnen nicht gesagt. Und ich bringe es auch nicht übers Herz. Sie nennen mich Papa und vertrauen mir ihre Probleme an. Das soll so bleiben. Ich habe Angst, dass sie die Wahrheit nicht verkraften, eventuell den Kontakt abbrechen.
Mir ist auch wichtig, dass sie erst einmal ihren Schulabschluss in der Tasche haben. Wer weiß, wie sie reagieren. Vielleicht mache ich mir auch zu viele Gedanken, und die Kinder ahnen längst alles. Irgendwann kommt hoffentlich der richtige Moment, um mit ihnen darüber zu reden. Wenn wir das nächste Mal in den Urlaub fahren, ist vielleicht ein guter Zeitpunkt. Auf einem Gerüst aus Lügen lässt sich nur schwer ein Leben aufbauen.
* Alle Namen von der Redaktion geändert
Die rechtlichen Hintergründe:
Seitdem das Gendiagnostikgesetz im Jahr 2010 verändert worden ist, dürfen Väter Speichelproben ihrer Kinder nicht mehr heimlich nehmen und einschicken. Bei minderjährigen Kindern muss die Mutter einem Vaterschaftstest in jedem Fall schriftlich zustimmen.
Wer sich nicht an das neue Gendiagnostikgesetz hält, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Je nach Kläger und Richter drohen ihm in diesem Fall bis zu 5000 Euro.
Tina Haase / www.apotheken-umschau.de;
15.09.2011, aktualisiert am 28.09.2011
Bildnachweis: Thinkstock/Comstock Images
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