Singles: Von Solo-Sex bis Mingle-Beziehung

Sexualität ist nicht nur in einer Partnerschaft ein Thema. Auch Singles wünschen sich körperliche Nähe. Wie sie damit umgehen

von Silke Droll, aktualisiert am 04.03.2016

Singles: Wie gehen sie mit ihrem Bedürfnis nach Sexualität um?

plainpicture GmbH & Co KG/Joshua LaCunha

Früher sei Sex für ihn eine selbstverständliche Sache gewesen. Küssen, Kuscheln, Lust und Leidenschaft – das gab es eigentlich immer, wenn er Zeit mit seiner Frau verbrachte, erzählt Andreas Fuchs (Name geändert). Vor drei Jahren ging die Ehe in die Brüche. Er ist Single. Nach einer Trauerphase kam das Gefühl hoch: "Ich muss raus, ich muss auf die Pirsch gehen." Ihm fehlt Sex. "Nicht nur das Körperliche an sich, sondern die ganze Intimität, die darum herum entsteht", sagt der 43-jährige Informatiker bei einer Tasse Tee in seiner Wohnung.

So wie Andreas Fuchs geht es vielen der fast 16 Millionen Alleinlebenden in Deutschland. Meist stehen Paare im Vordergrund, wenn über Sexualität gesprochen und geschrieben wird. Aber was machen Menschen ohne Partner? Wie gehen sie mit ihrem Bedürfnis nach Sexualität um? Braucht wirklich jeder Sex? Und warum?


Sexualität: Kommunikationsfunktion wichtig

Der Berliner Sexualpsychologe Christoph Joseph Ahlers zitiert dafür ein Modell aus der Wissenschaft, in dem Sexualität drei Funktionen erfüllt: Fortpflanzung, Erregung, Kommunikation. "Die Köpfe und Medien sind übervoll von der Funktion der sexuellen Erregung, von Erotik, Lust und Leidenschaft." Doch langfristig wichtiger sei die Kommunikationsfunktion. "Das bedeutet, dass wir durch sexuellen Körperkontakt Grundbedürfnisse erfüllen können – das Bedürfnis, gemocht zu werden, richtig zu sein, Annahme, Geborgenheit, Zugehörigkeit zu erleben." Anerkennung und Wertschätzung könne man natürlich auch auf andere Weise erfahren, ein Ersatz für körperliche Intimität könne das aber nicht sein.

Das spürt auch Single Andreas Fuchs. Im Beruf ist er erfolgreich, er unternimmt viel, geht in Kneipen, auf Konzerte, kocht mit Freunden, wandert mit ihnen. "Aber dabei entsteht nie diese Nähe wie beim Sex", sagt er. Die will er wieder erleben. Er flirtet jetzt, es kommt zu Treffen und Küssen. Aber Andreas Fuchs merkt: In seiner mittelgroßen Stadt in Bayern trifft er kaum neue Single-Frauen.


Unverzichtbar: Körperliche Intimität

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Einen neuen Partner im Internet finden

So landet er beim Online-Dating. Ob für die Suche nach einem dauerhaften Partner oder für Gelegenheitssex – um Online-Portale und Apps kommt kaum ein Single herum. "Von den Paaren, die ich in meiner Praxis berate und die in den letzten sieben Jahren zusammengekommen sind, haben sich ungefähr die Hälfte im Internet gefunden", sagt die Sexualtherapeutin Gabriele Aigner, die in München und im niederbayerischen Plattling arbeitet.

Andreas Fuchs findet eine Online-Bekanntschaft, mit der er intensiv E-Mails und Kurznachrichten austauscht. Das Kennenlernen geht im echten Leben nahtlos weiter. Ein Jahr nach der Trennung hat er wieder Geschlechtsverkehr. War das eine Nacht? Oder der Beginn einer Beziehung? Es wird irgendwas dazwischen daraus. Sexualtherapeuten haben dafür viele Begriffe: Kumpel plus, Friend with Advantage, Friend with Benefit, Mingle (mixed Single) – gemeint ist Zweisamkeit ohne Verbindlichkeit. Nach und nach findet Andreas Fuchs mehrere solcher Kontakte. Er mag die Frauen, kann gut mit ihnen reden. "Reine Sex-Dates kann ich mir nicht vorstellen. Ich könnte mit niemandem Zärtlichkeiten austauschen, den ich nie wieder sehen will."

Mit der Zahl der Sexualpartner steigt die Gefahr von Geschlechtskrankheiten. Er benutze immer ein Kondom, sagt Andreas Fuchs. Doch vor allen mit Körperflüssigkeiten übertragbaren Erkrankungen schützt das nicht. Sexuell aktive Singles müssen abwägen, wie viel Risiko sie eingehen wollen. Auch beim Oralverkehr sind Infektionen möglich, zum Beispiel mit Chlamydien, HPV oder Herpes. "100-prozentiger Safer Sex ist wirklich steril – ohne Küssen und mit Latextuch beim Oralverkehr. Viele sagen, dann lieber gar keinen Sex. Und wenn man darauf wartet, bis man jemandem vertrauen kann, ist man wieder im Bereich Beziehung", sagt der Sexualtherapeut Michael Sztenc aus Saarbrücken.

Selbstbefriedigung mit Spielzeug und Pornos

Was bleibt einem dann noch? "Solo-Sex", sagt Sztenc. Damit könne man zumindest seine genitale Lust befriedigen. "Man kann da viel experimentieren. Wer kreativ ist, zum Beispiel Spielzeug dazu nimmt, es nicht immer auf die gleiche Art macht, kommt auf ein großes Repertoire."

Viele Männer und Frauen sehen sich dazu Pornos an. Problem: Manche können sich kaum noch davon lösen. "Die Internetsexsucht nimmt zu. Die vielen Stunden vor dem PC machen Betroffene einsam, isolieren sie sozial. Wenn sie wieder in eine Beziehung kommen, wissen sie nicht mehr, wie Sex mit einem ‚echten‘ Menschen geht", sagt Therapeutin Aigner, die solche Fälle aus ihrer Praxis kennt.

Diese Schwierigkeit hat Andreas Fuchs nicht. Mit seinen unverbindlichen Freundinnen hat er offenbar das Beste aus dem Single-Dasein gemacht. Bleibt die Frage: Können Mingle-Verhältnisse sexuell erfüllen, oder muss es doch eine feste Partnerschaft sein? "Bei den meisten Menschen kommt über kurz oder lang das Bedürfnis auf, mit einer Person in einer eindeutigen, verbindlichen und vertrauensvollen Beziehung  stehen zu wollen", sagt Sexualwissenschaftler Ahlers. So geht es auch Andreas Fuchs. Er sagt: "Eigentlich suche ich schon ein längeres Ding mit offenem Ende."



Bildnachweis: plainpicture GmbH & Co KG/Joshua LaCunha, plainpicture GmbH & Co KG/Marin

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