Begriffsbestimmung
Lange Zeit wurde Sexualität nur unter dem biologischen Aspekt der Fortpflanzung definiert. Heute versteht man darunter die gesamte Summe der durch das weibliche bzw. männliche Geschlecht und den Geschlechtstrieb bestimmten Verhaltensweisen sowie Denk- und Gefühlsinhalte. Diese reichen von der reinen Fortpflanzung über den körperlichen Lustgewinn bis hin zum Bedürfnis nach Liebe, Geborgenheit, Zärtlichkeit, Selbstbestätigung und Befriedigung von Sicherheitsbedürfnissen. Sexualität lässt Menschen auf der Suche nach Partnerschaft bzw. Bindung aufeinander zugehen und beeinflusst das menschliche Verhalten in allen Lebensabschnitten.
Die menschliche Sexualität ist dadurch gekennzeichnet, dass sie nicht an die begrenzten Zeiten der Fruchtbarkeit gebunden ist und dass die Fähigkeit zur Triebkontrolle, zum Triebverzicht bzw. zur Sublimierung der Sexualität besteht. Als Bestandteil der Persönlichkeit kann sie mit individuell unterschiedlichen Inhalten gefüllt bzw. auf verschiedene Objekte gerichtet werden. Sie kann z. B. in eine partnerschaftliche Beziehung mit einem gegengeschlechtlichen (Heterosexualität) oder einem gleichgeschlechtlichen Partner (Homosexualität) eingebracht werden. In Form der Erotik kann sie auch neutrale Bereiche der mitmenschlichen Kommunikation durchdringen und Motivation für eine Vielzahl kultureller Ausdrucksformen sein (z. B. Sprachgebräuche, Formen des Tanzes, Kunst, Werbung, Mode). Durch diesen Freiheitsspielraum verliert sie ihren reinen Triebcharakter, doch kann ihre völlige Unterdrückung je nach Veranlagung zu psychischen Spannungen und Störungen führen.
Entwicklung der Sexualität
Das gesamte geschlechtliche System einschließlich der primären Geschlechtsmerkmale ist bei der Geburt bereits angelegt. Es verbleibt bis auf eine mäßige Volumenzunahme die Kindheit hindurch im Ruhezustand; erst mit der Pubertät machen sich erste Anzeichen geschlechtlicher Reifung bemerkbar, denen die Reifung der Keimdrüsen entspricht. Gesteuert wird die geschlechtliche Entwicklung auf neurohormonalem Weg. Das Zentralorgan, dem die Geschlechtsfunktionen unterworfen sind, ist das Zwischenhirn. Von ihm erhält die Hirnanhangdrüse Impulse zur Produktion der auf die Keimdrüsenfunktion gerichteten Geschlechtshormone.
Schon beim Säugling lassen sich in den ersten Monaten seines Lebens neben dem Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme, Geborgenheit, Wärme und Körperkontakt auch sexuelle Reaktionen wie Erektionen oder genitale Lustgefühle wahrnehmen. In seinen ersten Lebensjahren entdeckt das Kind nach und nach seinen Körper und damit auch seine Geschlechtsteile und erfährt, welche Berührungen mit angenehmen Empfindungen verbunden sind. In diesen Lebensjahren lernt es über die Eltern auch etwas über gesellschaftliche Tabus, die die Sexualität betreffen, so z. B., dass man sich in der Öffentlichkeit nicht nackt zeigt oder seine Geschlechtsteile berührt. Die Eltern dienen in dieser Zeit neben anderen erwachsenen Personen als Identifikationsfiguren und bestimmen maßgeblich den Eindruck, den das Kind von der Rolle der Geschlechter in der Gesellschaft erhält. Im Schulalter treten meist kurze Phasen sexuellen Interesses am gleichgeschlechtlichen oder gegengeschlechtlichen Gegenüber mit gegenseitigen körperlichen Erkundungen in Form von sog. Doktorspielen auf. Sie sind in dieser Zeit völlig normal und Ausdruck einer natürlichen Neugier.
Die Pubertät beginnt mit einem letzten Wachstumsschub und der Entwicklung der sekundären Geschlechtsmerkmale. Beim Mann stellen sich Körperbehaarung, Bartwuchs und Stimmbruch, bei der Frau die Brüste und der weibliche Behaarungstyp und, bei einem bestimmten Ausbildungsgrad der Reifezeichen, die erste monatliche Regelblutung ein. Neben diesen körperlichen Veränderungen stellt sich hormonell bedingt auch das Interesse am gegengeschlechtlichen Partner ein, wobei meist zwischen dem 15. und 17. Lebensjahr die ersten länger andauernden Beziehungen eingegangen werden. Daneben werden sexuelle Bedürfnisse oft durch Selbstbefriedigung gestillt. Sie dient den Jugendlichen zur Lustbefriedigung, aber auch als Möglichkeit, den eigenen Körper und seine Reaktionen besser kennen zu lernen. Auch die Fähigkeit, Kinder zu zeugen, also die sexuelle Reife, wird in dieser Zeit erreicht.
Sexualität im Erwachsenenalter
Etwa mit dem 19. (bei Frauen) bzw. 23. Lebensjahr (bei Männern) sind die körperlichen Reifungsvorgänge vollständig abgeschlossen. Das Erwachsenenalter ist gekennzeichnet durch den Aufbau und den Erhalt partnerschaftlicher Beziehungen und/oder die Gründung einer Familie. Sexualität kann dann als ein die Partnerschaft stimulierendes Element wirken, eine nicht funktionierende Sexualität kann zu Konflikten führen. Im Alter bilden sich die Geschlechtsorgane bei beiden Geschlechtern zurück. Bei der Frau erlischt zum Ende des fünften oder zu Anfang des sechsten Lebensjahrzehntes die Keimdrüsentätigkeit. Mit dem Aufhören der Monatsblutung endet auch die Gebärfähigkeit. Gegenüber dem ziemlich scharfen Einschnitt, den die Wechseljahre für die Frau bedeuten, nimmt die Potenz des Mannes langsamer ab. Manche Männer bleiben voll geschlechtsfähig bis ins Alter. Bei beiden Geschlechtern bleibt jedoch das körperliche und psychische Bedürfnis nach einer ausgefüllten Sexualität bis ins hohe Alter erhalten. Das Ausleben einer auf Geborgenheit und Zärtlichkeit gestützten Sexualität kann dazu beitragen, Lebensaktivität und Lebenswillen zu stimulieren.
Sexualität und Gesellschaft
Das Sexualverhalten ist Teil des sozialen Verhaltens und wird durch gesellschaftliche Normen, durch Kultur und Religion sowie gesetzliche Regelungen beeinflusst. Beispiele für solche Gesetze sind das Verbot sexueller Beziehungen mit Minderjährigen sowie das Verbot der sexuellen Nötigung und Vergewaltigung. In nahezu jeder Gesellschaft gilt das biologisch und/oder sozial bestimmte Inzesttabu, also das Verbot sexueller Handlungen mit nahen Familienangehörigen.
Die Sexualität ist Untersuchungsgegenstand verschiedener Wissenschaftsdisziplinen (Sexualpsychologie, Sexualsoziologie), die unter dem Begriff der Sexualwissenschaft zusammengefasst werden. Besondere thematische Bedeutung haben die Bereiche der Abweichung von der »normalen« Sexualität (Sexualpathologie) und die Sexualpädagogik. In soziologischer Hinsicht wird die Abhängigkeit des Sexualverhaltens und der normativen Bewertung der Sexualität von gesellschaftlichen Voraussetzungen herausgearbeitet. Dabei wird die biologische Fundierung der Geschlechterrollen infrage gestellt. Die Relativität von Normen und Auffassungen darüber, was sexuell als normal anzusehen ist, wurde anhand von Untersuchungen über die tatsächliche Variationsbreite sexueller Einstellungen (z. B. Kinsey-Report) und den Wandel ihrer Bewertung in der Gesellschaft hervorgehoben. Insgesamt hat sich seit den 1960er-Jahren eine starke Liberalisierung und Enttabuisierung der sexuellen Sphäre durchgesetzt, die auch in der Reform des Sexualstrafrechts Ausdruck gefunden hat. Gründe hierfür waren z. B. die Einführung der Antibabypille in den 60er-Jahren, der hiermit verbundene nahezu sichere Ausschluss einer Empfängnis und die »sexuelle Revolution« zwischen 1960 und 1980. Der Abbau verschiedener Tabus in der Öffentlichkeit hat zu einer Befreiung der Sexualität von belastenden Schuldgefühlen und Ängsten geführt. Kinder und Jugendliche werden heute früher sexuell »aufgeklärt« und können ihre Sexualität befreiter und ungehemmter ausleben. Ergebnisse einer Umfrage zum Sexualverhalten bei Jugendlichen in Deutschland besagen, dass die Mehrzahl mit 16 Jahren schon Geschlechtsverkehr hatte. In den letzten Jahren haben sich die Zeitpunkte der körperlichen Reife und der Aufnahme sexueller Kontakte angenähert. Eine gewisse »Überaufklärung« durch die Medien hat den Erwartungs- und Leistungsdruck erhöht; problematisch ist auch die zunehmende Macht der Medien bezüglich der Sexualerziehung, Prägung von Rollenklischees und Sexualisierung der Gesellschaft.
Mit dem Auftreten der seit den 70er-Jahren zunehmend und heute weltweit verbreiteten Infektionskrankheit Aids wurde die sexuelle Freiheit bezogen auf Personen mit häufig wechselnden Sexualpartnern wieder eingeschränkt. Zur Verhinderung einer Infektion mit dem HI-Virus oder der weiteren Ausbreitung der Infektionskrankheit können heute nur ein verantwortungsvoller Umgang mit der Sexualität und der umfassende Selbstschutz bzw. der Schutz des Sexualpartners beitragen.
Sexualerziehung
Die Sexualerziehung hat die Aufgabe, Kindern und Jugendlichen Wissen über die Sexualität ohne unnötige Tabus zu vermitteln. Das betrifft alle Fragen in allen Altersstufen, die mit der körperlichen und seelischen Entwicklung und dem Erwachsenwerden sowie dem Umgang mit der eigenen Sexualität und der Sexualität in der Gesellschaft zusammenhängen (biologische, medizinische, psychische, emotionale, ethische, religiöse, soziologische, politische und rechtliche Fragen). Welche Fragen und Themen altersentsprechend sind, sollten die Kinder bzw. Jugendlichen bestimmen und nicht die Erwachsenen. Die Sexualerziehung soll zu einer positiven Einstellung zum eigenen Körper und zur Sexualität verhelfen, sprachliches Ausdrucksvermögen im Bereich der Sexualität fördern und Hilfe in der Persönlichkeitsentwicklung und -reifung leisten. Selbstwertgefühl, Wertempfinden, Toleranz und sittliche Entscheidungsfähigkeit sollen gefördert werden und zur Liebes- und Bindungsfähigkeit erziehen. Sexualerziehung ist somit auch soziale Erziehung und sollte Bestandteil der Gesamterziehung sein. Dadurch besteht auch die Hoffnung auf Verhütung von sexuellem Missbrauch und ungewollter Schwangerschaft bei Teenagern.
Sexualerziehung geschieht durch aktive Bemühungen ebenso wie im negativen Sinn durch Verweigerung und durch die sog. »heimlichen Miterzieher«, deren Einfluss nur schwer abzuschätzen ist, z. B. das nähere Umfeld, die Gesellschaft und die verschiedenen Medien. Da die Einstellung der Eltern zu geschlechtlichen Fragen eine große Bedeutung für die künftige Einstellung des Kindes zur Sexualität hat, sollte die Sexualerziehung schon früh beginnen und sich als begleitender Prozess durch die ganze Kindheit ziehen. Im Säuglingsalter erfolgt sie durch emotionale Wärme, Hautkontakt und Zärtlichkeit, im Kleinkind- und Vorschulalter durch Geduld bei der Reinlichkeitserziehung und verständnisvolle Reaktion auf eigene und gegenseitige körperliche Erkundungen (»Doktorspiele«, genitale Reizung/Masturbation). Die Beantwortung aller kindlichen Fragen sollte offen, geduldig und sachlich richtig sein. Dazu gehört auch die frühzeitige sachgerechte Benennung aller äußeren Geschlechtsorgane und das Reden über die Themen Sexualität, Zärtlichkeit, Zeugung, geschlechtliche Vereinigung, Schwangerschaft und Geburt. Die Sexualerziehung soll die weitere Entwicklung bis zum Abschluss der Pubertät begleiten, und zwar rechtzeitig vorbereitend auf die körperlichen und seelischen Veränderungen. Darüber hinaus ist Sexualerziehung Aufgabe des Kindergartens und der Schule, zumal ein Teil der Eltern fachlich und/oder emotional dazu nicht in der Lage ist oder keine Notwendigkeit dafür sieht. Für die schulische Sexualerziehung in Deutschland wurden die Ziele fächerübergreifend von der Grundschule an durch die »Empfehlungen der Ständigen Konferenz der Kultusminister zur Sexualerziehung in den Schulen« 1968 als Reaktion auf die Forderungen aus den Schüler- und Studentenunruhen vorgegeben. Die Empfehlungen wurden von den Bundesländern z. T. voll, z. T. halbherzig umgesetzt, was sich in ihren Richtlinien und Lehrplänen spiegelt. Wie Lehrkräfte mit den Lehrplaninhalten umgehen, ist individuell sehr unterschiedlich. Themen sind biologische Grundlagen, Geschlechtsidentität, Sexualverhalten, soziale, rechtliche und ethische Fragen der Sexualität und Partnerschaft, Verhütung, Kinderwunsch und Familienplanung und Hygiene des Geschlechtssystems einschließlich geschlechtlich übertragbarer Erkrankungen und Aids.
Brockhaus Gesundheit; 30.11.2010, aktualisiert am 08.04.2011
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