Sex mit Behinderung

Auch behinderte Menschen haben sexuelle Bedürfnisse. Im Alltag werden sie ihnen oft abgesprochen. Doch es findet ein Umdenken in unserer Gesellschaft statt
von Christian Steinmüller, 24.07.2015

Körperliche Nähe ist für Jeden ein Thema

Getty Images/Creative

Er legt die Arme der Frau um seinen Oberkörper und schmiegt sich mit dem Rücken an ihre Brust. Er bekommt eine Erektion. Sie bekommt Geld. Viel mehr als kuscheln wird nicht passieren. Aber für ihn bedeuten diese Minuten in Löffelchenstellung die Welt. Er, das ist Michael L. (Name geändert). Er ist Autist.


Sie, das ist Nina de Vries. Sie ist Sexual­assistentin und eine Pionierin auf ihrem Gebiet. Seit knapp 20 Jahren bietet sie sexuelle Dienstleistungen – ohne Geschlechts- oder Oralverkehr – für behinderte Männer und Frauen an. Was für viele auch heute noch ein unbequemer Gedanke ist, bedeutet für die gebürtige Holländerin eine spannende Herausforderung: Behinderte Menschen haben eine Sexualität. Und sie haben sogar ein Recht darauf.

Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung

Wie dieses Recht umgesetzt werden kann, beschäftigt auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Die Behörde finanziert gerade ein zweijähriges Forschungsprojekt des Sonderpädagogen Professor Sven Jennessen von der Universität Koblenz-Landau. Er erforscht gemeinsam mit Kolleginnen der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen und der Evangelischen Fachhochschule Bochum, wie behinderte Menschen in Wohneinrichtungen in ihrer sexuellen Selbstbestimmtheit unterstützt werden können.

Und das habe seinen guten Grund, meint Jennessen: "Die Tatsache, dass wirklich jeder Mensch eine Sexualität besitzt und auch ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung hat, ist noch nicht in allen Bereichen der Behinderten­hilfe bekannt." In vielen Einrichtungen sei das Thema nach wie vor ein großes Tabu.

Sexualität ist in einigen Heimen nicht einmal vorgesehen, was sich schon an den Rahmenbedingungen zeigt: Nicht alle Bewohner haben Einzelzimmer. Türen sind häufig – wenn überhaupt – nur von außen abschließbar, und Wasch- und Duschräume wurden oft so gestaltet, dass eine Privatsphäre nicht möglich ist. "Hinzu kommt, dass sexuelle Handlungen zwischen Bewohnern sofort unterbunden werden, weil Mitarbeiter glauben, dass Behinderte nicht wissen, was sie da tun. Zudem hat man große Angst vor Schwangerschaften", sagt Jennessen.

Raum für Sexualität schaffen

Ein Lösungsansatz des Forscherteams setzt deshalb auf die Fort- und Weiterbildung der Mitarbeiter. "Es ist häufig so, dass sexuelles Verhalten der Bewohner als behinderungsbedingt interpretiert wird", sagt der Sonder­pädagoge. "Ganz platt: Der onaniert hier im Flur, das hat mit seiner Behinderung zu tun." Laut Jennessen könne man sich aber auch fragen, ob die Einrichtung überhaupt Möglichkeiten zur ungestörten Masturbation bietet und die Situation nicht auch deshalb zustande kam, weil Schamgefühl nicht erlernt wurde.

"Auf der anderen Seite geht es uns darum, dass die Bewohner in ihrem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung gestärkt werden. Dass sie lernen, dafür einzutreten, und dass sie wissen, welche Rechte ihnen zustehen", sagt Jennessen. Dazu haben die Wissenschaftler bereits eine Leitlinie erarbeitet. Das vorläufige Dokument klärt auf drei ­Seiten in einfacher Sprache über die Rechte der Bewohner auf – bis hin zur selbstbestimmten Entscheidung über Partnerschaft, Ehe, Familie und Elternschaft. Die Leitlinie soll im späteren Verlauf des Forschungsprojekts über die BZgA veröffentlicht werden.

Neben der Kenntnis der Rechte gibt es laut Jennessen aber auch se­xual­päda­­gogischen Handlungsbedarf: Wissen zu vermitteln über den eigenen Körper, über Menstruation und Verhütung. Weniger "Nachhilfe" benötigen geistig behinderte Menschen dagegen bei der Entscheidung, was sie sexuell schön finden und mögen. "Wir haben in vielen Gesprächen gemerkt, dass die Bewohner ein sehr gutes Körperempfinden haben und wissen, was sie wollen."

Ausgehungert nach Nähe

Dass merkt auch Nina de Vries bei ihrer Arbeit. Michael L. braucht zum Beispiel nur Körperkontakt. "Wir liegen angezogen nebeneinander, und er dirigiert alles", sagt die Sexualassistentin. Er nimmt ihre Hand und legt sie auf verschiedene Stellen seines Körpers. Sie sind jedoch nicht willkürlich gewählt. Die Hand muss genau an bestimmten Stellen ruhen. "Dann bleiben wir eine Zeit lang in Löffelchenstellung, und kurz darauf dreht er sich wieder zu mir um. Ich habe das Gefühl, er will sich ausprobieren", sagt de Vries. Masturbation beziehungsweise einen Orgasmus will Michael L. bei dieser Begegnung jedoch nicht. Er sucht Zweisamkeit. "Er saugt das so richtig auf. Er reagiert wie jemand, der ausgehungert ist nach Nähe und Berührung."

Ohnehin würde es bei ihren Begegnungen – so nennt de Vries die Treffen mit ihren Klienten – um weit mehr als Orgasmen gehen. "Ich denke, das wirkt auf einer viel höheren Ebene." Bei Michael L. hätte sich nach den ersten Treffen beispielsweise die Sprache verbessert, und er sei ruhiger, berichten die Betreuer.

Als Therapeutin sieht sich de Vries jedoch nicht. "Sexualassistenz ist eine Dienstleistung mit einer besonderen Haltung." Eine, sagt sie, die sehr viel Behutsamkeit, Achtung und Empathie verlangt. Denn viele ihrer Klienten könnten ihre Bedürfnisse mit Worten nicht ausdrücken.

Laut Jennessen kann Sexualbegleitung "durchaus eine Möglichkeit sein, Körperlichkeit oder Sexualität zu leben". Allerdings habe sie ihre natür­liche Grenzen: "Sexualassistenz kann Partnerschaft, Freundschaft und Liebe nicht ersetzen." Hier könnte es hilfreich sein, meint Jennessen, die Rahmenbedingungen in den Heimen zu verbessern



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