Sex hat man, darüber sprechen muss man nicht. Wer ein erfülltes Sexleben hat, kann sich gar nicht vorstellen, an einen Punkt zu gelangen, an dem nichts mehr geht. Ist dieser aber erreicht, herrschen in vielen Beziehungen Ratlosigkeit, Unsicherheit und vor allem: Schweigen. Seit Monaten kein Sex mehr, keine Lust auf Zärtlichkeit – ist das in einer langen Ehe normal? Soll sie ihm sagen, dass sie in letzter Zeit Schmerzen hat? Dass es wehtut, wenn er in sie eindringt, weil ihre Scheide so trocken ist? Nein, das würde ihn doch nur kränken. Soll er ihr gestehen, dass er sich Sorgen um seine Erektion macht? Sein Penis nicht mehr so zuverlässig ist wie früher? Nein, lieber nicht, er hat Angst, sie zu enttäuschen.
Folge dieser Funkstille: „Sex wird vermieden, und irgendwann gibt ihn das Paar ganz auf“, sagt die Sexualtherapeutin Hildegard Stienen aus Münster. „Dadurch wird es schwer, den Startknopf zu finden, es einfach wieder zu versuchen. Manche halten das jahrelang aus, werden unzufrieden und gereizt.“ Frauenärzte, Urologen und Therapeuten wie Hildegard Stienen sind vorbereitet auf diese Probleme. Nur – es spricht sie kaum jemand darauf an. „Das Thema Sexualität ist vielen Patienten peinlich. Sie wünschen sich, dass wir Ärzte die schwierigen Worte in den Mund nehmen“, berichtet Dr. Anneliese Schwenkhagen, Gynäkologin in Hamburg, aus der Praxis.
Zögernd erzählen manche Frauen dann doch. Viele leiden unter Wechseljahresbeschwerden. Sie haben vielleicht ein paar Kilo zugenommen, der eigene Körper ist ihnen plötzlich fremd, sie finden sich unattraktiv. Die Hormone fahren Achterbahn, und das Verlangen nach Sex bleibt auf der Strecke. „Dabei verbessert sich bei Frauen die Orgasmusfähigkeit mit den Jahren, sie haben ein großes Bedürfnis nach Intimität und Zärtlichkeit – nur die körperlichen Veränderungen und Beschwerden hemmen sie“, sagt Stienen.
Dem stimmt Anneliese Schwenkhagen zu: „Das komplexe Paket aus Hitzewallungen, Nachtschweiß, Schlafstörungen und Unwohlsein trägt dazu bei, dass die sexuelle Lust abnimmt. Es ist aber nur ein Faktor von vielen.“ Häufig ist die Libido abhandengekommen, weil Sex plötzlich Schmerz bedeutet. Durch den Östrogenmangel in und nach den Wechseljahren trocknen die Schleimhäute aus, die Scheide wird nicht mehr richtig feucht.
„Drei Jahre nach der letzten Regel macht dies jeder zweiten Frau zu schaffen“, sagt Schwenkhagen. Was viele nicht wissen: Es gibt relativ unkomplizierte Abhilfe. In manchen Fällen helfen rezeptfreie Gels, Cremes oder Zäpfchen aus der Apotheke.
Frauenärzte raten zu einer lokalen Hormonersatztherapie. Der Vorteil: Im Vergleich zu der in die Kritik geratenen Systemtherapie, bei der die Hormone geschluckt werden, ist die lokale Variante risikoarm. Der Nachteil: Es handelt sich um eine Dauertherapie – wird sie abgesetzt, kehren die bekannten Probleme zurück. Dabei geht es nicht nur um Sex: Auch Juckreiz, Pilzinfektionen und Blasenentzündungen nehmen zu, wenn die Scheide nicht ausreichend durchblutet ist.
Und wenn die Lustlosigkeit trotzdem bleibt? „Das ist das zentrale Thema“, sagt Hildegard Stienen. Auch Anneliese Schwenkhagen kennt Ähnliches aus ihrer Praxis. „Die Frauen zweifeln plötzlich an ihrer Partnerschaft: Wenn ich meinen Mann liebe, muss ich doch mit ihm schlafen wollen. Ist jetzt die Beziehung nicht mehr in Ordnung? Diese Fragen muss man ernst nehmen.“
Zuerst einmal können die Expertinnen beruhigen: In einer langen Beziehung lässt das Verlangen häufig nach, Geschlechtsverkehr wird seltener – das ist ganz normal. „Außerdem verändert sich Sexualität im Lauf des Lebens. Paare stellen fest, dass sie nicht immer die gleichen Bedürfnisse haben“, betont Stienen.
Die meisten Männer bauen durch Sex Stress ab und entspannen – bei vielen Frauen ist es genau umgekehrt: Erst die richtige Atmosphäre bringt sie in Stimmung. Nähe durch Sex herzustellen gelingt bei vielen nicht. Sie wollen ihrem Partner erst nah sein und dann mit ihm schlafen.
Hildegard Stienen erlebt in ihrer Praxis Paare, die an diesem Punkt scheinbar ergebnislos miteinander verhandeln. Dann empfiehlt die Therapeutin eine neue Richtung. „Viele sindzu fixiert auf den klassischen Geschlechtsverkehr. Sie müssen lernen, dass sexuelle Stimulation auch anders aussehen kann.“ Ihre Klienten üben zu Hause, dass es auch anders geht, während der Therapie werden Probleme und Schwierigkeiten besprochen. Das klingt sehr schematisch, ist aber für viele Paare der erste Schritt, wieder einen gemeinsamen Nenner zu finden. Schwierig wird das, wenn einer der Partner gut ohne Sex auskommt. „Nicht immer wird der Verzicht als Verlust erlebt“, sagt Stienen. Manche Frauen seien dann fast erleichert, schliefen aber weiterhin mit ihren Männern, um die Beziehung nicht zu gefährden.
Nadja Katzenberger / Apotheken Umschau;
07.05.2010, aktualisiert am 19.01.2012
Bildnachweis: Westend61 GmbH
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