Als meine Großmutter noch ein junges Mädchen war, musste man für die lebenslange Liebe des Ehemannes vor allem gut kochen können, oder? Gut, das stimmt wahrscheinlich nicht so ganz. Was aber feststeht ist, dass Essen und Lieben schon immer viel miteinander zu tun hatte.
Zum ersten Date gehen viele Turteltäubchen traditionell zusammen essen. Hübsche Mädchen sind "süße Sahneschnitten", die Jungs sind "echt zum Anbeißen". Liebe geht ja durch den Magen. Was hat das mit der Nahrungsaufnahme und der Liebe bloß auf sich? Wir wollen zumindest einmal den körperlichen Aspekt dieses Gespanns betrachten. Mit der Frage: Gibt es aphrodisierende Speisen – also Lebensmittel, die die Libido steigern – wirklich?
„Ja, die gibt es!“, da ist sich Professor Kurt Hostettmann ganz sicher. Hostettmann ist Phyto-Chemiker, hat jahrelang das Institut für Pharmazeutische Biologie an der Universität von Genf geleitet und viel auf dem Gebiet der Pflanzenkunde geforscht. Zunächst gilt es, den Begriff Aphrodisiakum zu definieren: „Dazu zählen nur die Mittel, die wirklich die Lust und die körperlichen Fähigkeiten zum Liebemachen steigern.“
Ginseng beispielsweise zählt nicht dazu, auch wenn die Pflanze in der Literatur oft unter der Rubrik Aphrodisiakum läuft. „Die Wurzel hilft zwar gegen Müdigkeit, zeigt aber keine Wirkung auf die Geschlechtsorgane“, so Hostettmann. Das wäre also ein Gegenbeispiel. Aber welche Nahrungsmittel erfüllen die erforderlichen Voraussetzungen?
Die Auster! Diese Frucht des Meeres enthält einen sehr hohen Zinkanteil. Das Spurenelement braucht Mann zum Beispiel für die Spermienproduktion in den Hoden. Aber hilft die Muschel auch der Liebe auf die Sprünge? „Der berühmte Liebhaber Casanova aß in Nächten, in denen er besonders viele Frauen beglückte, bis zu 48 Stück davon“, weiß Chemiker Hostettmann.
Ein weiteres Aphrodisiakum für den Mann: Satureja montana, das Berg-Bohnenkraut. Schon die alten Griechen nannten es liebevoll „Glückspflanze“. „Das Kraut steigert die Libido derart stark, dass Karl der Große den Mönchen seinerzeit verbot, das Kraut in den Klostergärten anzubauen“, behauptet Hostettmann. Stattdessen mussten die Männer den Mönchspfeffer kultivieren. Diese Pflanze soll den genau gegenteiligen Effekt vom Berg-Bohnenkraut erzielen.
Der Dritte im Bunde: Ingwer. „Innerlich angewandt, steigert diese scharf schmeckende Pflanze die Durchblutung des kleinen Beckens“, so Hostettmann. Somit qualifiziert sie sich als Aphrodisiakum für Männlein und Weiblein.
Das ist gerecht. Aber gibt es auch Pflanzen, die nur bei Frauen funktionieren? „Ja, selbstverständlich“, schmunzelt Hostettmann. Zunächst nennt er den Sellerie. Das klingt etwas unspektakulär und auch nicht so besonders sexy. Aber das gesunde Gemüse enthält ein flüchtiges Derivat des Testosterons, das Androstenon. Den gleichen Stoff findet man im männlichen Achselschweiß. Er kann bei Frauen die Lust auf Sex wecken. Aber Vorsicht Männer! Der Lockstoff geht kaputt, wenn man den Sellerie kocht!
Und was macht Mann, wenn die Angebetete keinen rohes Gemüse essen will? Trüffel auf den Speiseplan setzen. Auch diese kleine Delikatesse enthält einen Verwandten des Testosterons, das Androstenol. Das ist übrigens die Erklärung, weshalb nur die weiblichen Schweine Trüffel finden können. „Die Sau riecht das Androstenol und sucht dann eigentlich nach dem Eber“, so Hostettmann.
Apropos Tiere, da gibt es doch auch noch immer diese Geschichte mit dem gepulverten Nashorn-Horn, das angeblich die Männlichkeit steigern soll. „Absoluter Quatsch, das Geld kann man wirklich sparen“, urteilt Hostettmann. Das Horn besteht fast ausschließlich aus Keratin, das ist der Stoff der menschlichen Nägel. Die Wirkung ist dieselbe, als würde man diese verspeisen. Das verbietet sich aber sowieso, denn die Dickhäuter sind eine vom Aussterben bedrohte Tierart.
Völlig wirkungsfrei in Punkto Libido ist auch der Verzehr jeglicher Orchideen. „Diese Pflanzen sind durch die Signaturlehre in den unzutreffenden Ruf gekommen, die Männlichkeit zu steigern“, so Hostettmann. Die Signaturlehre besagt, dass Pflanzen, die einem Organ ähneln, diese auch heilen oder positiv beeinflussen können. Unsere einheimischen Orchideen verfügen über zwei Knollen, die an den männlichen Hoden erinnern.
Mittlerweile wissen Forscher, dass die Signaturlehre leider allgemein nicht zutrifft. Abgesehen vor der fehlenden Libido-Steigerung stehen die meisten Orchideen-Arten zudem unter Naturschutz und dürfen nicht einmal mehr für die Vase gepflückt werden.
Wie weit all die aphrodisierenden Lebensmittel nun wirklich eine Wirkung zeigen, bleibt wohl Ermessenssache der Probanden. Häufig spielt wahrscheinlich auch die psychologische Komponente eine gewisse Rolle. Und auch das gemeinsame Kochen kann schon sehr verbindend wirken, aphrodisierende Ingredienzien hin oder her. Und ob man diese überhaupt braucht, ist sowieso die Frage. Hostettmann weiß: „Es gibt keine frigiden Frauen, es gibt höchstens schlechte Liebhaber!“
Unser Experte:
Professor Kurt Hostettmann ist Phyto-Chemiker. An der Universität von Genf hat er die Pflanzenchemie erforscht und sich dabei auch dem Thema "Aphrodisierende Speisen" gewidmet. Heute ist Hostettmann Autor diverser Sachbücher und Gastdozent an der Universität Kapstadt in Südafrika.
Sophie Kelm / www.apotheken-umschau.de;
24.09.2010, aktualisiert am 23.09.2011
Bildnachweis: Thinkstock/Goodshot, privat, Thinkstock/Stockbyte
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