Manchmal genügt ein Griff in das Gewürzregal, und die Welt gerät aus den Fugen. Häufig sind es alltägliche Bewegungen, die heftige Schwindelattacken auslösen: sich strecken und dabei den Kopf heben, sich beim Friseur zur Haarwäsche zurücklehnen, die Schuhe binden, beim Einparken über die Schulter blicken. Plötzlich dreht sich alles, der Boden unter den Füßen schwindet. Der Schwindel mag nur Sekunden dauern, die Verunsicherung hält lange an.
So dramatisch die Auswirkungen sind, so simpel ist die Ursache für diese als gutartiger Lagerungsschwindel bezeichneten Attacken. Kleine Kalkkristalle, die auf den Sinneszellen im Innenohr sitzen und dort Signale hervorrufen sollen, haben sich gelöst und in die Bogengänge des Gleichgewichtsorgans verirrt. Bewegt sich der Kopf, verrutschen sie und lösen Fehlinformationen und damit Schwindel aus.
Mit einem einfachen Lagerungsmanöver, bei dem der Arzt durch rasche Bewegungen die Lage des Kopfes ändert, lassen sich die Steinchen wieder aus dem Bogengang schwemmen. Nach genauer Anleitung können sich die Patienten auch selbst helfen, wenn der Schwindel zurückkehrt. „In der Regel ist der Spuk nach einer Woche wieder vorbei“, sagt Professor Christoph Helmchen, der Leiter der Schwindelambulanz des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Campus Lübeck.
Schwindel, so ließe sich aus diesem Beispiel schließen, ist eine Krankheit, die sich gut behandeln lässt. Doch für viele Patienten beginnt nach der ersten Schwindelattacke eine Odyssee von Arzt zu Arzt. Manchmal endet sie erst bei den Spezialisten einer Schwindelambulanz, die es an einigen großen Kliniken gibt. „Zu uns kommen Patienten, die seit fünf, zehn Jahren unter einem gutartigen Lagerungsschwindel leiden und zum Teil seit langem krankgeschrieben sind“, beklagt Helmchen. Eigentlich ist das paradox. Denn diese häufigste Schwindelform ist nicht nur gut zu behandeln, sondern auch sicher zu diagnostizieren.
Der Arzt kann die Attacken durch eine ruckartige Bewegung des Kopfs gezielt auslösen und danach ein typisches Augenzittern erkennen. Der gutartige Lagerungsschwindel tritt im Alter häufiger auf, aber auch nach Unfällen und Stürzen können die kleinen Kalkkristalle in die Bogengänge geraten und dort falsche Signale und damit Schwindel auslösen.
Maria Haas / Apotheken Umschau;
11.01.2010, aktualisiert am 12.01.2012
Bildnachweis: W&B/Martin Ley
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