Manche Menschen müssen sich lange gedulden, bis ihr Leiden einen Namen erhält. Bei Renate Patra dauerte das Warten mehr als 22 Jahre. „Man hat mich von Pontius zu Pilatus geschickt, aber keiner konnte mir helfen“, erzählt die 68-Jährige, die seit 1988 an schweren Schwindelanfällen litt. Diese begannen schon morgens vor dem Aufstehen: „Es fuhr mir wie ein Blitz ins Gehirn, alles um mich drehte sich, dann Panik, Erbrechen und die Anstrengung, torkelnd noch rechtzeitig das Klo zu erreichen.“
Im Januar hatte ihr Leidensweg ein Ende. In der Schwindelambulanz der Universitätsklinik Lübeck befreite Professor Christoph Helmchen sie mit gezielten Griffen von den gefürchteten Attacken. „Gutartiger, anfallsartiger Lagerungsschwindel“, lautete die Diagnose, die der Neurologe schon nach einer einfachen Untersuchung stellen konnte. Etwa zwei von hundert Deutschen erkranken im Lauf ihres Lebens an dieser Form des Schwindels.
Verirrte Kalkkristalle
Bei dieser Variante lösen sich im Innenohr kleine Kalkkristalle, die als Signalverstärker die Wahrnehmung geradliniger Bewegungen unterstützen. Die Steinchen verirrten sich bei Renate Patra in einen der drei Bogengänge des Innenohrs, aus denen sie der Neurologe wieder „herausschüttelte“. Die Gänge spiegeln die drei Raumdimensionen wider. Dort reizt eine Flüssigkeit bei jeder Drehbewegung Sinneszellen und trägt so dazu bei, dass wir uns orientieren können. Die Kristalle in der Flüssigkeit verwandeln die Vorgänge in ein Chaos, täuschen Bewegungen vor, die gar nicht stattfinden. Das Resultat ist Drehschwindel.
Das Zusammenspiel von Sensoren in Haut, Muskeln und Gelenken mit dem Sehsinn und dem Gleichgewichtsorgan ermöglicht es uns, gerade zu stehen, zu gehen, uns zu bücken oder uns umzuwenden, ohne dass wir dabei die Orientierung verlieren oder stürzen. „Immer wenn die Informationen dieser Elemente nicht zusammenpassen, entsteht ein Schwindelempfinden“, erklärt Dr. Gunnar Neumann, Neurologe an der Universitätsklinik Lübeck. Auch wenn die Gleichgewichtsorgane beider Ohren Unterschiedliches wahrnehmen, entsteht ein Datenkonflikt, den das Gehirn nicht so einfach verkraftet.
Schwindel hat viele Gesichter
Fast 30 Prozent der Deutschen leiden irgendwann an Schwindel, wenn man alles zusammenrechnet, was sich unter diesem unscharfen Begriff zusammenfassen lässt – etwa die Benommenheit, die Menschen mit niedrigem Blutdruck erleben, wenn sie sich erheben und das Blut in den Beinen versackt.
Weniger harmlos und kurzfristig ist die ständige diffuse, schwer fassbare Unsicherheit mancher Menschen, die aufgrund eines psychischen Leidens meinen, der Boden wackle unter ihren Füßen. Sehr oft diagnostizieren Ärzte etwa einen „phobischen Schwankschwindel“: eine Taumeligkeit, verbunden mit Angst, die sich nur in bestimmten Situationen einstellt, zum Beispiel auf weiten Plätzen oder in Menschenansammlungen.
Einseitiger Ausfall des Gleichgewichtsorgans, Migräne, Kleinhirnschäden, Nervenentzündungen, Augenbewegungsstörungen: Viele weitere Ursachen können vorliegen, wenn die Umgebung wankt oder sich dreht. In seltenen Fällen verbergen sich hinter der Störung des Gleichgewichts sogar schwere Krankheiten wie ein Schlaganfall oder Parkinson.
Schlechte Aufklärungsquote
Für Ärzte ist es zunächst oft wichtig zu wissen, ob eine Störung im Gehirn oder an einer anderen Stelle des Körpers vorliegt. Damit tut sich offenbar mancher Nichtspezialist schwer. Nicht einmal bei jedem zweiten Patienten, dessen Leiden im Gleichgewichtsorgan zu orten war, stellten die Mediziner gleich die richtige Diagnose, zitiert Dr. Hannelore Neuhauser vom Robert-Koch-Institut das Ergebnis einer telefonischen Befragung von 1000 Patienten.
Noch niedriger liegt die Quote beim gutartigen Lagerungsschwindel, an dem Renate Patra litt. Die pensionierte Lehrerin musste schwere Schicksalsschläge verkraften. Für ihre Ärzte lag daher der Schluss nahe, ihr Leiden müsse psychische Ursachen haben. Jahrelang wurde sie ohne Erfolg psychiatrisch behandelt. Hausarzt, HNO-Arzt, Neurologe – keiner erkannte die wahre Ursache, bis Patra im Januar die Schwindelambulanz der Universitätsklinik Lübeck aufsuchte.
Ärzte kennen mehrere Methoden, um durch Hin-und-her-Drehen des Kopfs die Kristalle „herauszuschütteln“. Patienten, bei denen das Karussell im Kopf sich immer wieder einmal dreht, können die Bewegungsabfolge, das „Befreiungsmanöver“, wie Mediziner es nennen, auch selbst erlernen. Die meisten Ärzte empfehlen für die Selbstbehandlung die Prozedur nach Epley. Sie erwies sich in einigen Vergleichsstudien als erfolgreicher und weniger fehleranfällig als andere Methoden.
Schwierige Ursachenforschung
„Es ist allerdings schwierig, selbst die richtige Seite und den betroffenen Bogengang zu erkennen“, gibt Dr. Frank Waldfahrer, Schwindelexperte an der HNO-Universitätsklinik Erlangen, zu bedenken. Beide müsse beim ersten Mal meist ein Arzt lokalisieren. Der Patient trägt dabei die 15 Dioptrien starke Frenzel-Brille. Durch diese erkennt der Arzt ein charakteristisches Augenzittern, wenn er gezielt die Kopfposition des Patienten verändert. Die Spezialbrille unterstützt die Diagnose auch bei anderen Formen von Schwindel. Ob dieser etwa vom Klein- oder Stammhirn ausgeht oder auf einem einseitigen Ausfall des Gleichgewichtsorgans im Innenohr oder einer Augenmuskellähmung beruht, verrät oft schon diese Untersuchung allein.
Das wichtigste Diagnose-Instrument bleibt aber das Gespräch. Wie lange dauert der Schwindel? In welchen Situationen, bei welchen Bewegungen und wie oft tritt er auf? Ist es ein Drehen, ein Schwanken oder das Gefühl einer Liftfahrt? Ist das Hören oder das Sehen beeinträchtigt? Mit solchen Fragen kommen Ärzte der Ursache meist auf die Spur. „In 80 Prozent der Fälle können wir so schon die Diagnose stellen oder einengen“, sagt Waldfahrer. „Mit medizinischen Geräten lässt sie sich dann noch objektiv bestätigen.“
Grenzen der Therapie
Aber auch Spezialisten verhehlen nicht, dass sie bisweilen an therapeutische Grenzen stoßen – etwa wenn die Sinneszellen gealtert sind, die Bewegungsreflexe nicht mehr so gut funktionieren und der Gang deshalb wacklig wird. Dann sei es wichtig, betont Waldfahrer, die Wohnung sturzsicher zu machen, sich aber keinesfalls buchstäblich zur Ruhe zu setzen, sondern die Sinnesreize aktiv zu trainieren, eventuell sogar mit der Hilfe eines Physiotherapeuten.
„Für viele ist es zunächst am wichtigsten, die Ursache ihrer Probleme zu kennen und sich so von einer psychischen Last zu befreien“, erklärt Gunnar Neumann. Nicht selten ist es sogar mit dem einmaligen „Herausschütteln“ der Steinchen getan – wie bei Renate Patra, die heute Kinderbücher schreibt und illustriert.
„Es geht mir jetzt blendend“, sagt die 68-Jährige. „Ich traue mir wieder fast alles zu.“ Bis auf eine Ausnahme: Sich bei der Wirbelsäulengymnastik auf den Rücken zu drehen wagt sie nicht. „Ich habe viel zu große Angst davor, dass dann dieses schreckliche Gefühl wieder von vorne losgeht.“
Dr. Reinhard Door / Apotheken Umschau;
08.07.2011
Bildnachweis: W&B/Ronald Frommann
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