Das hilft bei Schwindel

Schwindelgefühle machen vielen Menschen zu schaffen. Was Betroffene gegen die Anfälle tun können, wie Ärzte das Leiden behandeln
von Dr. Ralph Müller-Gesser, aktualisiert am 12.09.2016

Welt aus dem Gleichgewicht: Schwindel kann belasten

W&B/Michelle Günther, W&B/Stefan Thomas Kröger

Endrikis A. wäre ohne die stummen Helfer, die seinen Weg säumten, wohl kaum heimgekommen. "Ich hangelte mich von einem Baum zum nächsten, denn der Boden unter meinen Füßen schien zu schwanken", erinnert sich der Rentner aus Groß ­Grönau, einem Vorort Lübecks. Schwindel hatte ihn plötzlich überfallen, als er mit seiner Hündin Isabella spa­zieren ging. Breitbeinig versuchte er sich gegen die Übelkeit und das Schwanken zu wehren. Vergeblich. Eisern kämpfte er sich – von einem Baum zum anderen – nach Hause.

Schwindel: Patienten schwanken, taumeln, kippen um

Schwindel verläuft nicht immer so dramatisch wie bei Endrikis A. Doch wenn sich die Umgebung dreht, wenn man schwankt, kippt oder taumelt, sich beim Gehen unsicher fühlt oder einem schwarz vor Augen wird, ist das unangenehm und oft beängstigend.


Das Symptom Schwindel hat nicht nur viele Facetten, es kommt auch häufig vor. "Lediglich wegen Kopfschmer­zen ­gehen die Leute noch öfter zum Arzt", sagt der Neu­ro­­loge Professor Christoph Helmchen, Leiter der Schwindelambulanz in Lübeck. Nicht verwunderlich angesichts des komplexen Zusammenspiels der Körpersysteme, die für Gleichgewicht und aufrechte Haltung nötig sind. 

Fehlerhafte Informationsverarbeitung im Gehirn

"Um sich im Raum zu orientieren, benötigt das Gehirn Informationen von den Gleichgewichtsorganen im Innenohr, den Augen sowie den Rezeptoren für Tiefenwahrnehmung in Muskeln und Gelenken", sagt Professor Arneborg Ernst, Direktor der HNO-Klinik im Unfallkrankenhaus Berlin. Liefern zum Beispiel die Sinnesorgane falsche Informationen – das kann bei Fehlsichtigkeit passieren – oder leiten die Nerven Impulse nicht richtig weiter – etwa bei Schädigungen durch Diabetes –, verursacht das mitunter Schwindel.

"Darüber hinaus können Durchblutungsstörungen im Gehirn, Herzrhythmusstörungen oder Medikamente die Beschwerden auslösen", sagt Ernst. Dazu zählen etwa Anti­depressiva, harntreibende Mittel oder Blutdruckpräparate. Verbreitet ist auch der sogenannte Altersschwindel. Er entsteht durch Alterungs­prozesse von Augen, Gleichgewichts­organen und der Tiefensensibilität.


Sensorsystem im Innenohr: Das Gleichgewichtsorgan erfasst über seine Bogengänge Drehbewegungen und mit den Otolithen Beschleunigung. So können wir uns im Raum orientieren

W&B/Michelle Günther

Endrikis A. schaffte es bis in die Nähe seines Grundstücks, dann konnte er nicht mehr. Erschöpft lehnte er sich an einen Baum. Sein Hemd klebte am Körper – schweißnass. Eine Nachbarin verständigte den Notarzt.

Zuerst schlossen die Ärzte in der Uniklinik Lübeck schwere Erkrankungen wie einen Schlaganfall aus, dann untersuchten sie das Gleichgewichtsorgan. Da A. von einem starken Linksdrall berichtete, vermuteten sie, dass der Sensor im linken Ohr Probleme bereitete. "Wenn die Informationen eines Gleichgewichtsorgans plötzlich ausbleiben, dreht sich alles, und die ­­Patienten kippen auf die betroffene Seite", sagt Experte Helmchen.

Test mit geschlossenen Augen

Ärzte testen das, indem sie Patienten bitten, mit geschlossenen Augen auf der Stelle zu treten. Fehlen die Reize einer Seite, glaubt das Gehirn die Position im Raum zu halten, veranlasst aber gleichzeitig, dass die Person sich zur betroffenen Seite dreht. Als A. diesen Test mach­te, wendete er sich um 90 Grad nach links: "Ich war überrascht. Die Drehung hatte ich nicht bemerkt."

Solche einseitigen Ausfälle des Gleichgewichtsorgans sind häufig die Ursache für anhaltenden, akuten Schwindel. "Manchmal hatten die Betroffenen einige Wochen zuvor eine Virusinfektion der Atemwege", sagt Ernst. Aber nicht nur Entzündungen können das Organ lahmlegen, auch Durchblutungsstörungen oder gar Tumore können hinter den Beschwerden stecken.

Gymnastik und Kortison helfen

"Ein Drittel der Patienten erholt sich innerhalb von Wochen", sagt Helmchen. Behandelt werden sie mit Kortison. Bei weiteren 30 Prozent dauert es länger als ein paar Wochen, bis ­alles wieder funktioniert. Und bei ­einem Drittel der Patienten erholt sich das Gleichgewichtsorgan nicht mehr. "Das Gehirn muss lernen, die abgeschwächten Informationen des ­erkrankten Gleichgewichtsnervs zu verstärken." Damit das Leiden rasch und folgenlos ausheilt, rät Helmchen, frühzeitig mit Krankengymnastik zu beginnen.

Endrikis A. ging es bereits nach drei Tagen deutlich besser. Heute ist die Geschichte für ihn abgeschlossen: "Anfangs hatte ich Angst, dass mir das Gleiche noch mal passiert. Deshalb bin ich nicht in den Wald gegangen." Doch inzwischen sind seine Hündin Isabella und er wieder unterwegs. Die Ärzte gaben Entwarnung: Die Erkrankung werde wahrscheinlich nicht wiederkehren.

Wie sehr es Arite K. erleichtert hätte, wären ihre Beschwerden auch so schnell abgeklungen. Die Inhaberin einer Modeboutique in Malchin in Mecklenburg-Vorpommern lebte acht Jahre lang mit Schwindel. "Zuletzt verging kaum ein Tag, an dem ich keine Attacke hatte." Mal geschah es, wenn sie den Geschirrspüler ausräumte, mal, wenn sie Vögel beobachtete. Die Anfälle dauerten zwar nur Sekunden, aber sie zermürbten K. Ein sogenannter gutartiger Lagerungsschwindel plagte sie.

Störende Steinchen im Gleichgewichtsorgan

"Attacken erleiden viele im Bett, wenn sie sich auf die andere Seite drehen", sagt Ernst. Winzige Kalzium-Kristalle des Gleichgewichts­organs verursachen die Beschwerden. "Lösen sich Steinchen und gelangen in die Bogengänge, irritiert das das System. Dreht man den Kopf schnell, entsteht Schwindel", erklärt der Experte. Manchmal lösen sich die Kristalle bei Prellungen des Kopfes. Möglicherweise besteht ein Zusammenhang zu Knochenschwund. Meist bleibt ­jedoch unklar, warum die Steinchen das Sensorensystem sabotieren.

Die Anfälle wiederholen sich bei bestimmten Kopfbewegungen, ei­nem Blick ins Bücherregal zum Beispiel oder beim Vögel-Beobachten wie bei Arite K. Für eine gesicherte Diagnose versuchen Ärzte die Schwindelattacken mit speziellen Lagerungsmanövern hervorzurufen: Die Patienten drehen und wenden den Kopf in vorgegebener Abfolge, legen sich auf den Rücken und setzen sich wieder auf. Treten daraufhin die Beschwerden ein, gilt ein gutarti­­ger Lagerungsschwindel als sicher.

Lagerungs-Übungen zur Therapie

Die Manöver dienen auch der Behandlung. Zwei haben sich als besonders wirkungsvoll erwiesen. "Das Semont-Manöver benutzen wir in der Klinik", berichtet Helmchen. Das Epley-Manöver, empfehlen Experten Patienten für zu Hause. Beiden Methoden liegt dieselbe Idee zugrunde: Die Bewegungen sollen die Kristalle dorthin zurücklenken, wo sie hingehören.

Das Epley-Manöver gegen gutartigen Lagerungsschwindel können Sie nach Absprache mit dem Arzt zu Hause durchführen.


"Erfolg stellt sich meist in wenigen Tagen ein", so Helmchen. Zunächst fühlen sich Patienten oft noch wacklig auf den Beinen. Dann verschwinden die Beschwerden. Bei hartnäckigem Schwindel rät Helmchen, die Manöver zu wiederholen – nach zwei bis vier Wochen jenes in der Klinik und täglich das Epley-Manöver.


Arite K. halfen die täg­lichen Übungen zunächst nicht. Mittlerweile weiß sie, warum. "Ich habe mich am Ende des Manövers auf­gesetzt und nicht noch zur anderen Seite gedreht." Das muss man aber, damit das Ganze funktioniert. Seitdem sie alles richtig macht, bleibt der Schwin­del aus. Der Schlusspunkt unter acht Jahre Leiden? "Ich wünsche es mir so sehr", sagt K. "Für mich gibt es nichts Schöneres als ein Leben ohne Schwindel."



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