Schmerzen nach Amputation vermeiden

Muss ein Körperteil entfernt werden, treten nach dem Eingriff Schmerzen auf. Welche Arten es gibt, weshalb eine frühzeitige Therapie Phantomschmerzen vorbeugt

von Dr. med. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 30.03.2016

Wichtig nach einer Amputation: Eine optimal angepasste Prothese

ddpImages/dapd

Alleine in Deutschland werden jedes Jahr zirka 50.000 Füße von Menschen mit Diabetes amputiert, weil die Zuckerkrankheit die Blutgefäße stark geschädigt hat. Auch Rauchen kann zu Durchblutungsstörungen führen und dadurch eine Amputation nach sich ziehen. Ein weiterer Grund sind Unfälle, vor allem Verkehrsunfälle. Aber auch manche Krebsarten erfordern eine operative Entfernung eines Körperteils. Dass direkt nach der Amputation Schmerzen auftreten, ist normal. Der akute Wundschmerz dauert üblicherweise zwei bis drei Wochen. Bleiben längere Zeit Beschwerden bestehen, sprechen Ärzte von einem Postamputationssyndrom. "Chronisch" nennen sie die Schmerzen ab zwölf Wochen Dauer.


Wund- und Nervenschmerz

Eine Amputation löst grundsätzlich zwei Arten von Schmerzen aus: Zunächst der klassische Wundschmerz. "Der Einschnitt ins Gewebe reizt Schmerzrezeptoren, so wie jede Verletzung oder Operation", sagt Privatdozent Dr. Peter Steffen, der an der Universität Ulm die Sektion Schmerztherapie der Klinik für Anästhesiologie leitet. Darüber hinaus durchtrennt der Chirurg bei einer Amputation immer auch Nerven. Dies führt zusätzlich zu Nervenschmerzen, wie sie Menschen zum Beispiel auch bei einer Gürtelrose oder einer Trigeminusneuralgie erleben.

Die beiden Arten von Schmerzen müssen unterschiedlich behandelt werden: Der Wundschmerz lässt sich mit klassischen Schmerzmitteln und Entzündungshemmern lindern. Bei Nervenschmerzen wenden Ärzte hingegen Medikamente an, die ein übererregtes Nervensystem dämpfen können.


Unser Experte: Dr. Peter Steffen

Universitätsklinikum Ulm

Schmerzqualitäten unterscheiden sich

Um den Schmerz zu charakterisieren, befragt und untersucht der Arzt den Patienten. Beim Wundschmerz spüren die Patienten in der Regel genau an der Stelle der Schädigung ein Drücken oder Stechen. Beim Schmerz durch zerschnittene Nerven haben die Patienten eher brennende, elektrisierende Empfindungen. "Der Schmerz kann auch wie ein Stromschlag einschießen, als ob heißes Wasser den Nerven runterläuft oder Ameisen entlangkrabbeln", fügt Steffen hinzu.

Die Schmerzen können im Amputationsstumpf als sogenannte Stumpfschmerzen auftreten oder auch in der nicht mehr vorhandenen Extremität, das heißt im Phantom. Diese Phantomschmerzen lassen sich auf die gekappten Nerven zurückführen. Denn das Gehirn ordnet die Signale aus diesen Nerven weiterhin dem nun nicht mehr vorhandenen Körperteil zu. Zwischen 50 und 80 Prozent der Betroffenen leiden, zumindest vorübergehend, an Phantomschmerzen.

Länger anhaltende Schmerzen abklären

Hält ein Wundschmerz mehr als drei Wochen an, sollte ein Arzt die Ursache abklären. Der Sitz der Prothese muss überprüft werden. Womöglich liegt es aber auch an einer Infektion des Stumpfs oder einer Durchblutungsstörung. Deshalb prüft der Arzt, ob der Stumpf im Vergleich zur gegenüberliegenden Extremität wärmer oder kühler ist. Bestimmte Blutwerte weisen auf eine Infektion hin. Sie lässt sich unter Umständen durch Antibiotika bekämpfen. Auch eine scharfe Kante des Knochens kann auf das umliegende Gewebe drücken und zu langwierigen Schmerzen führen. Um das zu beurteilen, hilft eine Röntgenaufnahme. Gegebenenfalls kann dann eine Nachoperation nötig sein.

Kommt es zu chronischen Nervenschmerzen, hat sich eventuell ein Neurom gebildet, das heißt ein "Nervenknoten": Abgeschnittene Nerven versuchen nachzuwachsen und bilden dabei Aussprossungen mit kleinen Nervenfasern. Diese wachsen unter Umständen ungeordnet und bilden ein Knäuel. Solche Knäuel oder Knoten sind extrem empfindlich: Schon bei einer leichten Berührung fühlt der Patient einen blitzartig einschießenden Schmerz. Je nach Größe des Neuroms kommt eine Entfernung per Operation infrage. "Allerdings besteht danach das Risiko, dass sich wieder ein neues Neurom bildet", gibt Steffen zu bedenken.

Missempfindungen in der verlorenen Extremität

Neben Phantomschmerzen gibt es auch andere Phantomempfindungen: Für einige Menschen fühlt es sich an, als gäbe es die verloren gegangene Hand oder den Fuß noch. "Dann kann es sie irritieren, wenn sie beispielsweise im Bett liegen und das Phantombein als abgewinkelt wahrnehmen, als würde es durch die Matratze ragen", sagt Steffen. Andere empfinden beispielsweise, dass der Phantomfuß in einem engen Stiefel steckt.


Spiegeltherapie nach amputiertem linken Arm

Kpenicker - Fotolia

Schmerztherapeuten verschreiben bei unangenehmen Phantomempfindungen unter anderem die Spiegeltherapie, bei der ein qualifizierter Therapeut den Patienten anleitet: Dieser betrachtet seine gesunde Extremität so in einem Spiegel oder Monitor, dass sie seitenverkehrt wie die verlorene aussieht. Mit bestimmten Übungen lässt sich das Gehirn "umprogrammieren", sodass es einen anderen Zustand der fehlenden Gliedmaße akzeptiert. So kann zum Beispiel das angewinkelt empfundene Phantombein imaginär gestreckt werden.

Darüber hinaus könne eine bewegliche Prothese helfen, berichtet Steffen: "Lernt der Patient beispielsweise, eine elektrische Handprothese mithilfe von verbliebenen Oberarmmuskeln zu steuern, treten weniger Phantomempfindungen und -schmerzen auf."

Zusätzlich ist häufig eine Verhaltenstherapie sinnvoll, um Strategien zu entwickeln, wie sich das Leben trotz der Schmerzen und mit der verlorenen Extremität meistern lässt. Unterstützend eignen sich außerdem Entspannungsverfahren wie progressive Muskel-Relaxation, Atemgymnastik, Meditation oder Biofeedback.

Gute Versorgung zu Beginn beugt vor

Um einem schmerzhaften Postamputationssyndrom vorzubeugen, ist bereits während der Operation eine möglichst gute Schmerztherapie wichtig. Steffen: "Dazu gehört neben der Allgemeinnarkose gleichzeitig eine regionale Anästhesie über einen Schmerzkatheter." Über diesen lassen sich noch mehrere Tage nach dem Eingriff örtliche Betäubungsmittel verabreichen. So verhindert eine anhaltende Nervenblockade, dass der Schmerz zum Gehirn gelangt – und die zuständigen Bereiche des Nervensystems werden gar nicht erst für Schmerzempfindungen sensibilisiert. Der Experte rät: "Eine geplante Amputation sollte unbedingt in einer Klinik erfolgen, die mit einer spezialisierten Schmerztherapieabteilung auf eine optimale Nachbehandlung achtet."



Bildnachweis: ddpImages/dapd, Kpenicker - Fotolia, Universitätsklinikum Ulm

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