Herr Professor Zieglgänsberger, wie entsteht das Schmerzgedächtnis?
Starke, anhaltende Schmerzreize hinterlassen sehr schnell bleibende Spuren im Gehirn: Nervenzellen erhöhen ihre Reaktionsbereitschaft und setzen verstärkt erregende Botenstoffe wie Glutamat und Substanz P frei. Gleichzeitig vermehren sich deren Bindungsstellen und verändern ihre Eigenschaften. Die Reizübertragung funktioniert jetzt so effektiv, dass die Nervenzellen schon bei schwachen oder sogar ganz ohne auslösende Reize Schmerzsignale an das Gehirn leiten.
Der Schmerz verselbstständigt sich?
Ja. Neue Forschungsergebnisse zeigen zudem, dass chronischer Schmerz nicht nur die Funktion von Gehirnzellen verändert, sondern auch ihre Feinstruktur. Dies kann eventuell die geistige Leistungsfähigkeit einschränken und bleibende Schäden verursachen.
Was bedeutet chronischer Schmerz für die Lebensqualität der Patienten?
Ständige Schmerzen sind purer Stress, der unter anderem zu hohem Blutdruck, Herzproblemen, verspannten Muskeln und Schlafstörungen führt. Die Patienten entwickeln eine ängstliche Erwartungshaltung mit ausgeprägtem Vermeidungsverhalten, bewegen sich kaum noch und schränken sich immer mehr ein. Irgendwann bestimmt die Angst vor dem Schmerz das ganze Leben.
Wie lässt sich das vermeiden?
Eine frühzeitige Schmerztherapie mit ausreichend dosierten, eventuell auch stark wirksamen Schmerzmitteln verhindert, dass die Schmerzerfahrung gespeichert wird und sich Angst aufbaut. Auch bei den meist banalen akuten Rückenschmerzen sollten wir ohne lange zu zögern kurzzeitig ein Schmerzmittel geben, weil sich sonst möglicherweise ein Schmerzgedächtnis entwickelt.
Und wenn das bereits passiert ist?
Dann genügen schmerzstillende Medikamente alleine nicht mehr, und wir müssen den Schmerz mit einer multimodalen Therapie an der Wurzel packen. Nach Ausschluss körperlicher Ursachen wie Tumoren oder massive Wirbelsäulenveränderungen muss vor allem die Angst abgebaut werden. Der Patient muss verstehen, dass sein chronischer Schmerz etwas Gelerntes ist.
Kann man diesen „erlernten“ Schmerz auch wieder verlernen?
Beim sogenannten „Relearning“ versuchen wir, das Schmerzgedächtnis zu überschreiben. Ohne die Mitarbeit des Patienten ist das jedoch nicht möglich. Er muss selbst aktiv werden, wobei seine Wünsche und Vorlieben berücksichtigt werden. Es macht zum Beispiel keinen Sinn, einem Opernfreund die Anschaffung eines Hundes zu empfehlen, damit er mehr spazieren geht. Man muss ihm vielmehr in Aussicht stellen, dass er wieder in die Oper gehen kann. Der Patient muss also nichts Neues lernen, sondern nimmt wieder auf, was er schon immer gern gemacht hat. Statt ein Schmerztagebuch zu führen, sollte er aufschreiben, was er wieder kann, weil ihn das zusätzlich motiviert.
Aber das geht sicher nicht ohne Schmerzmittel?
Am Anfang braucht der Patient eventuell kurzfristig ein starkes Schmerzmittel, damit er den Opernbesuch auch genießen kann. Ziel der multimodalen Therapie ist jedoch, Medikamente zu reduzieren. Begleitende Maßnahmen wie Psycho- und Physiotherapie sollten dagegen fortgesetzt werden. Wie bei anderen chronischen Erkrankungen kann eine Schmerztherapie eventuell zur Dauertherapie werden. Vor allem müssen wir die Patienten zu mehr Aktivität und Bewegung motivieren.
Also Tango statt Fango?
Ganz genau! Früher zielte die Schmerztherapie sehr auf Entspannung und Schonung ab. Heute wissen wir, dass dieser Ansatz falsch war. Die Patienten müssen lernen, aktiv gegen ihren Schmerz vorzugehen und ihren Alltag zu managen. Passivität macht einen letztlich erst zum Patienten.
Barbara Kandler-Schmitt / Apotheken Umschau;
28.10.2011
Bildnachweis: W&B/Jörg Neisel, W&B/Wolf Heider-Sawall
Senioren Ratgeber mit Informationen rund um Krankheiten, Medikamente, gesund alt werden, altersgerechtes Wohnen, Pflege und Finanzen
Diabetes Ratgeber mit den Schwerpunkten Diabetes Typ 1 und Diabetes Typ 2: Symptome, Behandlung und Ernährung bei Zuckerkrankheit
Baby und Familie mit Themen rund um Schwangerschaft, Geburt, Vorsorge, Kinderkrankheiten, Homöopathie und Erziehung