Extreme Müdigkeit: Wer unter Narkolepsie leidet, schläft oft gegen seinen Willen mitten bei einer Tätigkeit ein
Narkolepsie – Schlafsucht
Viele Ursachen von gestörtem Nachtschlaf haben auch eine erhöhte Tagesschläfrigkeit, eine Hypersomnie, zur Folge. Das kommt typischerweise bei Schlafapnoe oder Restless Legs vor (siehe dort). Bei der Narkolepsie, einer ausgeprägten Form von Hypersomnie, quält die Betroffenen ein übermäßiges Schlafbedürfnis am Tage, ohne dass sie zunächst ersichtliche Schlafprobleme hätten. Die chronische Erkrankung beginnt häufig im jugendlichen Alter. Verantwortlich ist neben einer erblichen Anlage offenbar eine Autoimmunstörung, die zu einem Ungleichgewicht bei den Nervenbotenstoffen im Gehirn führt, die den Schlaf-Wach-Rhythmus regulieren.
Untersuchungen zeigten, dass bei Narkolepsie-Betroffenen der REM-Schlaf gleich nach dem Einschlafen einsetzt, ohne vorausgehende Leicht- und Tiefschlafstadien (siehe dazu das Kapitel „Warum Schlaf so wichtig ist“). Im REM-Schlaf erschlaffen die Muskeln normalerweise. Narkolepsie-Betroffenen passieren solche Kataplexien auch untertags, wenn sie wach sind. Die sozialen Folgen der Erkrankung sind oft erheblich.
Symptome: Eine Narkolepsie zeigt sich zu Beginn meist in starker Tagesmüdigkeit, die auch nach ausreichendem Nachtschlaf auftritt. Mit der Zeit wird allerdings durch den häufigen Tagesschlaf auch die Nachtruhe gestört. Es kommt zu Durchschlafstörungen und untertags zu regelrechten Schlafanfällen. Die Betroffenen nicken ungewollt in oft völlig unpassenden, ja mitunter höchst gefährlichen Situationen ein, bei der Arbeit, in geselliger Runde mit Freunden, beim Autofahren. Ein weiteres Hauptsymptom ist das plötzliche Erschlaffen der Halte- und Stützmuskulatur, Kataplexie genannt. Narkolepsie-Kranke bekommen dann weiche Knie, sacken in sich zusammen, lassen Gegenstände fallen und stürzen leicht. Diese „Schrecklähmungen“ geschehen oft, wenn Gefühle mit im Spiel sind, bei Freude, Ärger, Stress. Andere häufige Symptome sind im Halbschlaf automatisch, unbewusst weiter ausgeführte Handlungen, Tagträume, Lähmungszustände oder Trugwahrnehmungen beim Einschlafen bzw. Aufwachen.
Diagnose: Die Erkrankung wird häufig erst spät erkannt, die Betroffenen haben oft zahlreiche Arztbesuche mit unterschiedlichsten Diagnosen hinter sich. Manchmal vergehen zehn Jahre und mehr, bis die Krankheit richtig erkannt wird. Und das, obwohl die Symptome, außer im Anfangsstadium, sehr auffallend sind. Nach der Erhebung der Krankengeschichte und einer gründlichen körperlichen Untersuchung, um mögliche Organerkrankungen auszuschließen, wird der Arzt seinen Patienten in ein schlafmedizinisches Zentrum überweisen. Im Schlaflabor wird der Verlauf des Nachtschlafs registriert (Polysomnografie). Hier fallen die verfrühten REM-Schlafphasen auf. Den Grad der Tagesschläfrigkeit kann ein multipler Schlaflatenztest (MSLT) erfassen. Ein Bluttest gibt durch das Vorhandensein eines bestimmten Eiweißstoffes Hinweise auf die Autoimmunstörung.
Therapie: Die Erkrankung ist nicht vollständig heilbar, aber es gibt Behandlungsmöglichkeiten, die den Betroffenen helfen, die Symptome besser in den Griff zu bekommen. Den Behandlungsweg stellt in der Regel ein Schlafmediziner individuell für seinen Patienten zusammen. Häufig ist eine Kombination von Medikamenten angezeigt. Das sind, je nach vorherrschenden Symptomen, zum Beispiel Stimulanzien, die gegen die Tagesmüdigkeit wirken, aber nur unter Kontrolle und zeitlich gesteuert eingesetzt werden sollen, da sonst ein Gewöhnungseffekt eintritt. Antidepressiva helfen einmal gegen die Kataplexien, können aber auch bei Halluzinationen oder Schlaflähmungen sinnvoll sein.
Die Basis bilden Verhaltensmaßnahmen, die den Schlaf auch am Tage regulieren, wie etwa kurze Nickerchen zwischendurch nach einem festen Zeitplan. Sie helfen den Betroffenen oft, dann einige Stunden am Stück wach zu bleiben. Grundlegend sind ebenfalls eine gesunde Lebensweise mit Sport, keinem oder wenig Alkohol sowie eine vernünftige Schlafhygiene. Familie, Freunde und Arbeitgeber sollten über die Erkrankung informiert sein, damit sie das Verhalten des Betroffenen nicht falsch deuten.
Parasomnien – Störaktionen im Schlaf
Unter dem Begriff Parasomnien fassen Mediziner störende Ereignisse zusammen, die dem Schlafenden widerfahren oder an denen er selbst aktiv beteiligt ist. Dabei kommt es im Schlaf zu unangepassten Impulsen der Nerven, die das Bewegungssystem oder unwillkürliche Körpervorgänge steuern. In der Regel wacht der Betroffene dadurch nicht auf, sein Schlaf ist manchmal beeinträchtig, aber nicht immer. Häufig sind die Erscheinungen harmlos, bei einigen allerdings, wie Schlafwandeln oder nächtlichen Schreckzuständen, können die Betroffenen sich oder andere gefährden.
Mit Parasomnien haben Kinder und Jugendliche öfter als Erwachsene zu tun. Aber auch diese können sehr darunter leiden. Es gibt Aufwachstörungen aus dem Tiefschlaf sowie Aktionen, die im REM-Schlaf stattfinden oder mit dem Einschlafen verbunden sind (siehe auch Kapitel „Warum Schlaf so wichtig ist“). Medikamentenmissbrauch, Stress, psychische und einige körperliche Erkrankungen können als Symptome Parasomnien nach sich ziehen. Zu den wichtigsten nächtlichen Störfällen gehören:
Schlafwandeln: Hier liegt eine Aufwachstörung aus dem Tiefschlaf heraus vor. Der Schlafende wacht nur zum Teil auf und führt Handlungen aus, ohne sich dessen bewusst zu werden. Er kann sich dann im Bett aufrichten, es auch verlassen und umhergehen. Die meisten Schlafwandler legen sich nach kurzer Zeit wieder von selbst hin und schlafen weiter. Einige jedoch sind höchst aktiv, verräumen Gegenstände in der Wohnung, gehen aus dem Haus. Am Morgen können sie sich nicht an ihre nächtlichen Aktionen erinnern. Manche Menschen haben im schlafwandlerischen Zustand auch regelrechte Essattacken. Sie stehen immer wieder auf, um etwas zu sich zu nehmen, mitunter so häufig, dass sie erheblich an Gewicht zulegen.
Schlaftrunkenheit und nächtliche Panikzustände (Pavor nocturnus): Bei der Schlaftrunkenheit werden die Betroffenen, oft Kinder, scheinbar plötzlich wach, schreien und bewegen sich heftig. Sie sind in dieser Phase nicht zu besänftigen. Nach einer gewissen Zeit beruhigen sie sich und schlafen weiter. Bedrohlicher ist die Aufwachstörung beim Pavor nocturnus. Wer darunter leidet, schreckt oft mit einem durchdringenden Schrei aus dem Schlaf auf und zeigt die Symptome einer Panikattacke wie geweitete Pupillen, angstverzerrtes Gesicht, Herzrasen, Schwitzen. Manche schlagen in diesem Zustand auch heftig um sich, stehen auf, laufen umher und gefährden damit nicht nur sich, sondern auch den Bettpartner. Von ihren Erlebnissen wissen sie morgens nichts.
Andere Aufwachstörungen treten aus dem REM-Schlaf heraus auf, wie Albträume, Schlaflähmungen, die sich etwa nach einem lebhaften Traum ereignen können und den Betroffenen selbst erschrecken, oder Verhaltensstörungen, bei denen der Schlafende seine Träume mit unbewussten Aktionen begleitet, im Zuge derer er sich und anderen Schaden zufügen kann.
Nächtliches Einnässen (Enuresis): Meist legt sich diese Form der Schlafstörung mit der Pubertät. Deshalb ist es wichtig, dass vor allem die Eltern nicht zu viel Aufhebens davon machen, wenn ihr Kind nachts einnässt. Entsprechende Matratzenauflagen, eine entspannte Atmosphäre und gegebenenfalls psychotherapeutische Unterstützung helfen, besser mit dem Problem umzugehen. Bei Erwachsenen können körperliche oder psychische Erkrankungen zu dem ungewollten nächtlichen Harnabgang führen.
Nächtliches Zähneknirschen (Bruxismus): Viele Menschen, die unter starker seelischer Anspannung und Belastung stehen, beißen nachts im Schlaf buchstäblich die „Zähne aufeinander“. Sie mahlen und reiben, „knirschen“ mit den Zähnen, oft so heftig, dass Schäden am Zahnschmelz entstehen.
Weitere Parasomnien sind rhythmisches Kopfschlagen und andere gleichmäßige Bewegungen mit einem Körperteil oder dem ganzen Körper, Einschlafzuckungen, Halluzinationen bei Schlafbeginn.
Diagnose: Da die Betroffenen meistens keine Erinnerung an ihre nächtlichen Aktionen haben, geben die Berichte der Familie oder des Partners dem Arzt wichtige Hinweise. Er wird eine eingehende Befragung sowie körperliche Untersuchungen durchführen, um mögliche psychischen Belastungen, Medikamenteneinnahmen und noch nicht bekannte körperliche Erkrankungen festzustellen. Hier wird dann die ärztliche Therapie entsprechend ansetzen. Für Erscheinungsformen ohne Bezug zu einem Krankheitsbild kommt mitunter die Abklärung in einem Schlaflabor in Betracht, vor allem bei ausgeprägten, möglicherweise gefährlichen nächtlichen Aktionen. Dort sollten auch mit neurologischen Untersuchungen epileptische Erkrankungen ausgeschlossen werden.
Therapie: Viele Parasomnien sind harmlos und haben auch keine Folgen für die Tagesform der Betroffenen. Sie müssen meist nicht behandelt werden. Einen positiven Einfluss auf die Störungen hat es, wenn die Betroffenen besondere Belastungen und Stress vermeiden bzw. abbauen sowie regelmäßige Schlaf-Wach-Rhythmen einhalten.
Bei Aufwachstörungen wie dem Schlafwandeln ist die wichtigste Behandlungsmaßnahme zumeist, Schutzmaßnahmen zu ergreifen, um den Betroffenen und gegebenenfalls seine Umgebung zu schützen. Nachts am Körper angebrachte sogenannte Biofeedback-Geräte können besonders heftig Agierende aus dem Schlaf wecken, um so gefährlichen Handlungen vorzubeugen.
Mitunter helfen auch Medikamente wie bestimmte Antidepressiva und psychotherapeutische Therapien, etwa bei Schlafpanik, ausgeprägten Albträumen oder Einnässen. Mit kieferorthopädischen Maßnahmen wie Aufbissschienen lässt sich nächtliches Zähneknirschen vermeiden.
Andrea Blank-Koppenleitner / www.apotheken-umschau.de;
29.10.2009, aktualisiert am 21.05.2012
Bildnachweis: Thinkstock/iStockphoto
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