Schluss mit Albträumen!

Albträume hat fast jeder mal. Was aber, wenn sie regelmäßig den Schlaf rauben und dadurch die Lebensqualität leidet? Schlafforscher Michael Schredl verrät: Es gibt Abhilfe

von Juliane Gutmann, 28.10.2015

Verfolgt: Albträume können sehr real wirken

Strandperle/Flirt

Wir öffnen die Augen und erinnern uns an einen schönen Traum – der perfekte Morgen. Wer dagegen nach einem bösen Traum schweißgebadet aufwacht, fühlt sich den ganzen Tag wie gerädert. Fast jeder Mensch hat ab und zu Albträume. Was aber, wenn sie häufig vorkommen? „Zirka fünf Prozent der Deutschen leiden unter regelmäßigen Albträumen“, sagt Professor Michael Schredl, wissenschaftlicher Leiter des Schlaflabors des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim.


Sind es chronische Albträume?

Eine dunkle Gestalt verfolgt mich, im freien Fall sehe ich den Boden auf mich zurasen: Spaß machen Albträume nicht. Schon gar nicht, wenn sie immer wiederkehren. Von chronischen Albträumen sprechen Mediziner, wenn Menschen über einen längeren Zeitraum von zirka drei Monaten mindestens einmal pro Woche wegen immer gleicher Horrorszenarien aus dem Schlaf schrecken. „Die Lebensqualität der Betroffenen kann unter den regelmäßigen Albträumen erheblich leiden und zu eingeschränkter Leistungsfähigkeit im Alltag führen“, erklärt Schlafforscher Schredl. Wer angsterfüllt aufwacht, schleppt negative Gefühle manchmal durch den gesamten Tag. Die Top Drei der Albträume: Sturz in die Tiefe, Flucht und Gelähmtsein in einer gefährlichen Situation. Das ergab eine repräsentative Befragung der Gesellschaft für Konsumforschung zum Thema Albträume. Betroffene müssen chronische Albträume aber nicht einfach hinnehmen.

Im Zweifel den Arzt aufsuchen

Kann ich das Problem selbst anpacken oder brauche ich ärztliche Unterstützung? Diese Frage sollte sich jeder Betroffene als erstes stellen – und möglichst ehrlich beantworten. Denn manchmal sind wiederkehrende Albträume Zeichen einer psychischen Krankheit oder eines ernsten Traumas. Dann ist unbedingt ein Fachmann gefragt. Eine Selbsttherapie könnte Symptome womöglich verschlimmern. Erster Ansprechpartner ist meist der Hausarzt. Betroffene sollten sich im Zweifel nicht scheuen, mit ihm über das Problem zu sprechen. Er kann zum passenden Spezialisten überweisen. Auch wer sehr stark unter Schlafproblemen leidet, regelrecht Angst vor dem Einschlafen bekommt, zögert den Arztbesuch besser nicht hinaus. Wer gesund ist, sich psychisch ausgeglichen fühlt und nicht übermäßig unter dem nächtlichen Schrecken leidet, kann es zunächst in Eigenregie versuchen.

Selbsthilfe und Therapie chronischer Albträume

Albträume vergessen oder wegschieben zu wollen, ist zwar verständlich, aber nicht sehr hilfreich. „Eine erste Erleichterung kann das Erzählen des Traumes bringen. Bei hartnäckigen Alpträumen hilft häufig eine einfache Selbsthilfemethode, die drei Stufen umfasst: Konfrontation, Bewältigung und Training“, sagt Schredl. Dabei notieren Betroffene ihren Albtraum in einem ersten Schritt und setzen sich so mit ihm auseinander. Im zweiten Schritt müssen sie überlegen, was die Situation weniger angsteinflößend machen könnte. „Ein Beispiel: Der Albtraum handelt von einer Verfolgung. Eine mögliche aktive Bewältigungsstrategie könnte sein, sich umzudrehen und den Verfolger zur Rede zu stellen“, sagt Schredl. Es geht darum, aktiv zu handeln und dem Gefühl der Hilflosigkeit auf diese Art etwas entgegenzusetzen. Im dritten Schritt, im Training, übt der Albtraumgeplagte die Strategie fünf bis zehn Minuten täglich über zwei Wochen ein, indem er sich die Situation immer wieder vorstellt.

„Falls die Selbsthilfe nicht funktioniert, sollte eine kognitive Verhaltenstherapie versucht werden“, rät Schredl. Professionelle Hilfe durch Psychotherapeuten gibt es in Form der Imagery Rehearsal Therapie (IRT), die auf einem ähnlichen dreistufigen Grundprinzip aufbaut. Führt sie ein Psychotherapeut im Rahmen der kognitiven Verhaltenstherapie durch, ist die IRT eine Kassenleistung. „Erfolge sehen Patienten dabei oft bereits nach zwei Wochen“, sagt Schredl. Ziel der IRT ist es, einem negativ erlebten Traum im Geiste einen neuen Dreh zu geben, damit er keine Belastung mehr darstellt. Die neue Traumfassung wird dann in sogenannten Imaginationsübungen regelmäßig täglich eingeübt. „Bisher befassen sich erst wenige Psychotherapeuten mit der Albtraumtherapie“, sagt der Schlafforscher. Spezialisiert haben sich zum Beispiel manche Unikliniken.

Eine weitere therapeutische Möglichkeit, Albträumen den Kampf anzusagen, ist das luzide Träumen oder Klarträumen. Wer luzide träumt, weiß schon während des Traums, dass er träumt. Ein Albtraum verliert auf diese Weise seinen Schrecken, da der Träumer ihn als solchen erkennt. „Die meisten Menschen haben relativ selten luzide Träume“, sagt Schredl: „Dieser Zustand kann aber trainiert werden“. Das Training funktioniert so: Rund zehnmal täglich stellt man sich die Frage, ob man wach ist oder träumt. Die Strategie erfordert viel Ausdauer: Es kann Monate dauern, bis der Betroffene beginnt, sich diese Frage auch im Traum zu stellen – und ihn bewusst erlebt.

Ob gut oder schlecht: Warum wir träumen

Forscher vermuten, dass Veranlagung oder Stress chronische Albträume begünstigen können. „Wir gehen davon aus, dass sensible und kreative Menschen eine höhere Veranlagung für Albträume haben“, so Schredl. Auch akuter Stress wie Prüfungsstress könnte chronische Albträume verursachen. Ein weiterer möglicher Grund sind Traumata. Negative Ereignisse sprengen dabei die Verarbeitungskapazität eines Menschen und können auch noch nach Jahren in chronischen Albträumen ein Ventil finden. Auch manche Medikamente kommen als (Mit-)Auslöser von Albträumen in Betracht.

„Warum wir träumen, ist nicht abschließend geklärt“, so Schredl: „Viele Forscher vermuten, dass wir in unseren Träumen Fagestellungen des Alltags verarbeiten, sie also der Problemlösung dienen“. Menschen träumen nach heutigem Kenntnisstand vor allem in den sogenannten REM-Schlafphasen. REM steht dabei für Rapid Eye Movement: Schnelle Bewegungen der Augen unter den Lidern kennzeichnen diese Schlafphase. Auch Puls und Blutdruck erhöhen sich in den REM-Phasen, die zum Ende der Nacht immer länger andauern. Wer während einer solchen Phase aufwacht, kann sich  meistens an den Traum erinnern: Ob nun an den schönen Traum vom Urlaub oder an den schlechten Traum vom cholerischen Abteilungsleiter.



Bildnachweis: Strandperle/Flirt

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