Herr Professor Reiners, wie ist es um die Jodversorgung der Deutschen bestellt?
Die Jodversorgung der Bevölkerung bessert sich von Jahr zu Jahr. Seit 2007 stuft die Weltgesundheitsorganisation Deutschland nicht mehr als Jodmangelland ein. Trotzdem sind rund 50 Prozent der Bevölkerung noch nicht optimal mit Jod versorgt. Der Tagesbedarf eines Erwachsenen liegt bei etwa 150 Mikrogramm.
Wie lässt sich die Jodversorgung weiter verbessern?
Wer zweimal die Woche 250 Gramm frischen Seefisch oder Meeresfrüchte isst, kann seine Jodversorgung im Allgemeinen sicherstellen. Weniger zu empfehlen sind bezüglich der Jodversorgung tiefgekühlte Produkte und gekochter Fisch. Auch die konsequente Verwendung von jodiertem Speisesalz hilft, eventuelle Defizite auszugleichen sowie Kröpfen und Knoten vorzubeugen. In der Schweiz etwa wurde Jodsalz bereits in den 1930er-Jahren zum Regelsalz gemacht. Seitdem ist die Häufigkeit von Knoten dort von 30 auf drei Prozent gesunken. Allerdings müssen nicht nur die Privathaushalte, sondern auch die Nahrungsmittelindustrie, Bäcker und Metzger dazu angehalten werden, jodiertes Speisesalz zu verarbeiten.
Für wen sind Jodidtabletten aus der Apotheke zu empfehlen?
Schwangere und Stillende sind oft unterversorgt und sollten deshalb vorbeugend Jodidtabletten einnehmen. Auch bei familiär belasteten Jugendlichen kann das in der Pubertät sinnvoll sein. Allerdings muss der Arzt zuvor eine Überfunktion ausschließen. Grundsätzlich sollte man Jodidtabletten nie auf eigene Faust, sondern nur nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt einnehmen.
Macht es eigentlich Sinn, nach einem Reaktorunfall vorbeugend Jodtabletten einzunehmen?
Bei einem schweren Unfall in einem Kernkraftwerk kann radioaktives Jod freigesetzt werden, das sich in der Schilddrüse anreichert und zu Organschäden und Krebs führen kann. Hoch dosierte Jodidtabletten verhindern dies, weil eine mit Jod gesättigte Schilddrüse weniger oder gar kein radioaktives Jod aufnimmt. Diese „Jodblockade“ sollte jedoch nur nach ausdrücklicher behördlicher Aufforderung und nur bei Kindern, Jugendlichen, jüngeren Erwachsenen und Schwangeren erfolgen. Über 45-Jährigen empfehlen wir das nicht. Sie leiden oft an einer verborgenen Überfunktion, die bei Einnahme größerer Jodmengen ausbrechen würde.
Welche Dosis ist erforderlich?
Die Notfalltabletten enthalten 65 Milligramm Kaliumjodid. Bei Einnahme der für Erwachsenen empfohlenen Menge von zwei Tabletten bedeutet dies das Tausendfache der zur Vorbeugung eines Kropfs üblichen Dosis. In Deutschland sind sie nicht in der Apotheke erhältlich, sondern werden im Ernstfall über Behörden und Zentrallager verteilt. Die Aufnahme von radioaktivem Jod lässt sich aber auch durch niedrig dosierte Tabletten langfristig um das Zwei- bis Dreifache senken.
Barbara Kandler-Schmitt / Apotheken Umschau;
15.08.2011, aktualisiert am 15.08.2011
Bildnachweis: W&B/Bert Bostelmann, Jupiter Images GmbH/Thinkstock
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