Schilddrüse: Was sind heiße und kalte Knoten?

Laut Schätzungen haben fast ein Drittel der Deutschen Knoten in der Schilddrüse. Wann sie gefährlich werden können und warum manchmal eine Behandlung nötig ist

von Dr. Martina Melzer, aktualisiert am 16.03.2015

Besteht der Verdacht auf einen Knoten in der Schilddrüse, tasten Arzt oder Ärztin unter anderem das Organ ab

Mauritius/BSIP/BOISSONNET

Die Schilddrüse ist ein winziges Organ, das im Körper eine große Rolle spielt. Sie bildet Hormone, die in zahlreiche Körperfunktionen eingreifen. So beeinflussen die Hormone zum Beispiel unsere Verdauung, unseren Schlaf, die Psyche, das Herz und den Fettstoffwechsel.

Gerät die Schilddrüse aus dem Takt, kann sich dies daher auf viele Vorgänge im Organismus auswirken. Schilddrüsenerkrankungen kommen ziemlich häufig vor, sie gelten sogar als Volkskrankheit. Neben einem Kropf sowie einer Über- oder Unterfunktion gehören Knoten in der Schilddrüse zu den typischen Problemen. "Schätzungen zufolge haben mindestens 30 Prozent der Deutschen Schilddrüsenknoten", erläutert Professor Jochen Kußmann, Schilddrüsenspezialist am Endokrinen Zentrum der Schön Klinik Hamburg Eilbek.


Die Schilddrüse im Szintigramm: Links unten im Bild sieht man einen kalten Knoten

Your Photo Today/Astier

Warum werden die Knoten als heiß oder kalt bezeichnet?

Es gibt kalte und warme beziehungsweise heiße Knoten. Kalte Knoten sind Schilddrüsenbereiche, die nur noch wenige oder gar keine Hormone mehr bilden. Heiße Knoten sind dagegen Areale, die aktiver als andere Bereiche der Schilddrüse sind und mehr Hormone produzieren. Die Bezeichnungen "heiß" und "kalt" haben nichts mit Temperaturveränderungen zu tun. Es handelt sich vielmehr darum, wie sich die Knoten in der sogenannten Szintigrafie verhalten.

Mit diesem Diagnoseverfahren kann der Arzt die Aktivität der Schilddrüse beurteilen. Der Patient bekommt eine schwach radioaktive Substanz verabreicht, die sich wie Jod verhält. Die Schilddrüsenzellen nehmen den Stoff auf. Im sogenannten Szintigramm wird die schmetterlingsförmige Schilddrüse abgebildet. "Ist ein Schilddrüsenbereich aktiver als das restliche Gewebe und bildet mehr Hormone, dann nimmt er mehr radioaktive Substanz auf", erklärt Kußmann. Auf dem meist farbigen Bild erscheint dieses Areal in warmen Farbtönen (orange bis rot) und wird als "heißer" Knoten bezeichnet. Schilddrüsengewebe, das weniger aktiv oder ganz funktionslos ist, nimmt nicht so viel radioaktive Substanz wie die umliegenden Bereiche auf. Im Szintigramm sieht es hell beziehungsweise blau oder violett aus – ein "kalter" Knoten.

Die Szintigrafie kommt unter anderem zum Einsatz, wenn der Patient Beschwerden hat, die auf eine gestörte Funktion der Schilddrüse hindeuten. Auch wenn ein Bluttest Hinweise auf Schilddrüsenprobleme liefert oder im Schilddrüsen-Ultraschall Knoten sichtbar sind, schließt sich oft eine Szintigrafie an.

Heiße Knoten durch Jodmangel

Heiße Knoten können zum Beispiel durch einen Jodmangel entstehen. Bekommt die Schilddrüse auf Dauer zu wenig Jod, bildet sie weniger Schilddrüsenhormone. Wachstumsfaktoren regen die Zellen dazu an, ihre Aktivität zu steigern und das Jod effektiver zu verwerten. Geschieht dies nur in einem Schilddrüsenbereich, liegt ein Knoten vor. Zum Teil verselbständigen sich solche Knoten und bilden ungehemmt Hormone, es kommt zum autonomen Adenom. "Heiße Knoten führen häufig zu einer Schilddrüsenüberfunktion", sagt Experte Kußmann.

Kalte Knoten können als Folge einer Zyste oder einer Entzündung in der Schilddrüse auftreten. In sehr seltenen Fällen können sich diese Knoten bösartig verändern, woraus sich Schilddrüsenkrebs entwickelt. "Pro Jahr erkranken in Deutschland aber nur zirka 6000 Menschen neu an einem Schilddrüsentumor", beruhigt Kußmann. Und dies kann verschiedene Ursachen haben, die noch nicht eindeutig geklärt sind.

Rufen Schilddrüsenknoten Symptome hervor?

Solange die Schilddrüse noch normal arbeitet, bekommen Betroffene oft nichts von den Knoten mit. Wenn sich jedoch das Organ vergrößert, kann es von außen sichtbar werden. Am Hals bildet sich ein Kropf. Er kann auf die Luftröhre drücken und so das Schlucken erschweren, zu einem "Kloßgefühl" im Hals führen oder zu Heiserkeit. Kommt es durch den oder die Knoten zu einer Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse, kann sich dies durch typische Symptome äußern. Arbeitet die Schilddrüse zu intensiv, schwitzt der Patient oft stark, er kann zu Durchfall neigen, gereizt sein und ungewollt abnehmen. Funktioniert die kleine Drüse nur eingeschränkt, kann es zu ständiger Müdigkeit kommen, der Betroffene friert unter Umständen, hat Verstopfung, ist depressiv.

Bereiten kalte oder heiße Knoten Probleme, müssen sie behandelt werden. Jochen Kußmann, selbst endokriner Chirurg, nennt die drei Möglichkeiten: eine Behandlung mit Medikamenten, eine sogenannte Radiojodtherapie oder eine Operation. Welches Verfahren sich am besten eignet, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Teilweise werden die Methoden auch kombiniert. Eine Studie verschiedener deutscher Fachgesellschaften hat ergeben, dass Patienten hierzulande nicht immer die optimale Behandlung erhalten. Kußmann plädiert deshalb: "Wer eine Schilddrüsenerkrankung hat, sollte in ein darauf spezialisiertes Zentrum gehen." Idealerweise arbeiten dort verschiedene Fachärzte zusammen, die sich mit je einer der Therapiemethoden besonders gut auskennen.


Unser Experte: Professor Jochen Kußmann

W&B/Steven Haberland

Unser Experte: Professor Jochen Kußmann, Chefarzt der Klinik für Endokrine Chirurgie, Schön Klinik Hamburg Eilbek



Schilddrüse

rechter Seitenlappen Isthmus Kehlkopf Luftröhre linker
Seitenlappen
Pyramidenlappen Pyramidenlappen Schildknorpel Isthmus Rechte Halsschlagader Innere rechte
Hals-/Drosselvene
Läppchen mit Follikeln

Das Schilddrüsengewebe wird durch Bindegewebshäutchen in unterschiedlich große Läppchen untergliedert. In diesen Bindegewebshäutchen verlaufen sehr viele Blutgefäße, um die starke Durchblutung der Drüse, die direkt aus der Halsschlagader mit sauerstoffreichem Blut versorgt wird, sicherzustellen. Das verbrauchte Blut wird unter anderem über die linke und rechte Hals- bzw. Drosselvene wieder abgeführt. Die Bildung und Speicherung der Schilddrüsenhormone Thyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3) erfolgt in kleinen bläschenförmigen Follikeln.

Der Isthmus (gr. schmaler Zugang) verbindet die Seitenlappen miteinander. Nur bei etwa jedem fünften Menschen befindet sich hier noch ein weiterer Lappen, der nach oben zum Schildknorpel zieht und als Pyramidenlappen bezeichnet wird.

In den Läppchen der Schilddrüse liegen die hormonproduzierenden Zellen. Den Hauptteil des Schilddrüsengewebes bilden so genannte Follikel, ungleichmäßig gestaltete Bläschen, die die beiden jodhaltigen Schilddrüsenhormone Thyroxin und Trijodthyronin bilden und speichern. Das Hormon Kalzitonin wird dagegen von C-Zellen gebildet, die eingestreut zwischen den Follikeln liegen. Es reguliert zusammen mit anderen Hormonen den Kalziumhaushalt des Körpers mit dem Ziel, den Kalziumspiegel im Gewebe konstant zu halten: Bei Bedarf wird Kalzium vermehrt in den Knochen eingebaut und damit der Kalziumspiegel im Blut gesenkt oder über die Niere vermehrt ausgeschieden. Gegenspieler des Kalzitonins ist das Parathormon aus den Nebenschilddrüsen, das Kalzium aus den Knochen freisetzt und dadurch den Kalziumspiegel im Blut erhöht.

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