Wie Faszien vor Rückenschmerzen schützen

Liegt im Bindegewebe, den Faszien, die Lösung für die Volkskrankheit Rückenschmerz? Wie gezieltes Training hilft, Dauerschmerzen zu lösen

von Annett Zündorf, aktualisiert am 09.08.2016

Dehnen und Strecken: Hilft, Verklebungen der Rückenfaszien zu vermeiden

iStock/Ryan J. Lane

Irgendwann trifft es die meisten. 80 Prozent aller Menschen in Deutschland leiden einmal im Leben unter Rückenschmerz, 70 Prozent sogar einmal im Jahr.  Sehr oft erhalten die Patienten dann Physiotherapie: Es werden Muskeln bearbeitet, Triggerpunkte gedrückt und therapeutische Übungen absolviert. Alles in der Hoffnung, damit die Schmerzen wegzubekommen. Immer häufiger hören Patienten jetzt bei Physiotherapeuten auch folgenden Satz: "Das ist aber verklebt."

Verklebtes Bindegewebe

Was da verklebt, ist das Bindegewebe – Experten bezeichnen diese Strukturen als Faszien. Sie bilden eine weiße, fast durchsichtige Hülle, die um Muskeln und Organe liegt, sie laufen zwischen einzelnen Muskelfasern und unter der Haut. "Sie bestehen aus Kollagen, Wasser, Zucker und Eiweißen", erklärt Humanbiologe Dr. Robert Schleip. Er leitet das Faszien-Forschungs-Zentrum der Universität Ulm.


Alle Faszien bilden ein Netzwerk, welches sich durch den gesamten Körper zieht, ihm Struktur gibt. Muskelhüllen, Sehnen und beispielsweise die Schultergelenkkapsel sind aber keineswegs leblose Verpackungen. "Die Faszien sind ein reichhaltiges Sinnesorgan für die Körperwahrnehmung", sagt Schleip. Sie stecken voller Rezeptoren. Wie kleine Antennen registrieren diese, wie sich der Körper gerade bewegt – beispielsweise ob wir einen Arm weit von uns strecken oder nah am Körper halten – und reagieren auf Veränderungen im Gewebe.

Auslöser von Rückenschmerz schwer lokalisierbar

Die Entdeckung der Faszien verändert gerade die Vorstellung von Medizinern zur Entstehung von Rückenschmerzen. Bislang lassen sich nur 20 Prozent der Rückenschmerzen auf eine eindeutige Ursache zurückführen: Bei manchen Patienten haben sich Wirbelkörper entzündet, bei anderen sind Bandscheiben verrutscht oder die Wirbel sind so abgenutzt, dass Schmerzen entstehen.

Aber die große Mehrzahl der Patienten leidet unter sogenannten unspezifischen Rückenschmerzen. Diese stellen Mediziner vor ein Problem: Häufig kommen diese Patienten zum Arzt und werden zuerst einmal geröntgt. Tatsächlich finden sich auf den Bildern auch häufig Veränderungen an der Wirbelsäule. Aber unzählige Studien belegen, dass diese Veränderung häufig gar nichts mit den Beschwerden zu tun haben. Der Ausgangspunkt unspezifischer Rückenschmerzen ist bislang schwer auffindbar. Eine unbefriedigende Situation für Patienten und Ärzte.

Nach der Operation wieder Schmerzen

"Funktionelle Störungen in Muskeln und Weichteilen lassen sich mit bildgebenden Verfahren, wie Röntgen oder MRT nicht erkennen", sagt Professor Siegfried Mense von der medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg, der seit vielen Jahren zur Entstehung von Rückenschmerzen forscht. Er findet, dass bei unspezifischen Rückenschmerzen zu schnell und zu viel operiert wird. "Da werden manchmal normale Altersprozesse operiert. Die Erfolgsquote ist deshalb nicht sehr gut." Selbst wenn es eine nachweisbare Veränderung an der Wirbelsäule gibt, muss eine Operation nicht unbedingt notwendig sein.

Fakt ist: Bis zu 80 Prozent aller Bandscheibenoperationen beseitigen nicht die Ursache des Schmerzes. 40 Prozent der Operierten haben nach spätestens einem Jahr wieder Schmerzen.

Hauptursache Bewegungsmangel

Forscher sind sich einig – die Ursachen unspezifischer Rückenschmerzen liegen woanders. Die meisten Menschen bewegen sich viel zu wenig. Ein großer Teil sitzt vor dem Computer am Schreibtisch, starrt auf den Bildschirm und schiebt die Maus hin und her. Dabei sind die Schultern hochgezogen, die Muskeln wie in einem Schraubstock in der gleichen Stellung gespannt. Sie kontrahieren ständig minimal, um die Position halten zu können. Schaut einem der Chef über die Schulter oder droht ein Abgabetermin, steigt der Spannungsgrad der Muskeln weiter. Sie beginnen zu schmerzen.

Die Erklärung dafür ist einfach: "Muskeln sind nicht für kleine wiederholte Bewegungen gemacht", erklärt Mense. Sie wollen sich in alle Richtungen dehnen, strecken und zusammenziehen. Auch wenn es noch nicht genau erforscht ist – wahrscheinlich werden durch unzureichende Muskelaktivität auch die Faszien steif und unbeweglich.

Viele offene Forschungsfragen

Privatdozent Dr. Christoph Anders ist Pathophysiologe und Spezialist für die Rumpfmuskulatur am Uniklinikum Jena. Er untersucht Patienten mit chronischen Rückenschmerzen. Sie werden mit Elektroden verkabelt, rennen auf einem Laufband oder schwingen einen elastischen Stab. Währenddessen misst Anders die Spannung der einzelnen Muskeln. Er versucht zu verstehen, wie die Rumpfmuskulatur funktioniert. "Immer wieder hört man, ein starker Rücken kenne keinen Schmerz, aber noch sind viele Fragen ungeklärt." Beispielsweise sind Schmerzen manchmal kein Kraftproblem, sondern eines der Abstimmung, der Koordination zwischen Körperpartien. "So hilft ein starker Rücken alleine wenig, wenn der Bauch nicht ebenso stark ist und den Rumpf im Gleichgewicht hält."

Starre Faszien, starre Muskeln

Seine Messungen zeigen, dass die Muskeln von Schmerzpatienten anders reagieren als die Gesunder. Noch ist unklar, warum das so ist. Aber auch Anders sucht die Erklärung bei den Faszien. Möglicherweise sei das Zusammenspiel von Faszie und Muskel gestört. "Stellen Sie sich vor, dass sie in einer Zwangshaltung ihren Muskel immer wieder anspannen. Dabei schwillt er an. Aber die Faszie um den Muskel ist fest", erklärt Anders. Dadurch steigt der Druck im Muskelinneren. Er wird kaum noch durchblutet und kaum noch mit Sauerstoff und dem Muskelnährstoff "ATP" versorgt. Ohne ATP kann sich ein kontrahierter Muskel nicht entspannen. "Es entsteht eine Verhärtung im Muskel, die wie die Totenstarre ihre Ursache im Energiemangel hat", verdeutlicht Anders. Ließe sich der Komplex aus Muskel und Faszie wieder aktivieren, könnte sich auch der Muskel wieder entspannen. In seinem nächsten Projekt will er diesen Zusammenhang untersuchen.

Auch bei anderen Forschern gerät die These, dass überwiegend falsch belastete oder untrainierte Muskeln sowie abgenutzte Bandscheiben Rückenschmerzen verursachen, ins Abseits. Zunehmend mehr halten es für eine Tatsache, dass die Faszien eine entscheidende Rolle spielen. "Sie ergänzen das bisherige Modell", sagt Mense. Welche Rolle sie im einzelnen spielen und wie sie am günstigsten beeinflusst werden können, wird gerade erforscht.


Bewegliche Schichten nach dem Modell der Faszien-Forscher: Normalerweise gleiten Faszienschichten und Muskeln wie Balletttänzer aneinander vorbei. Verkleben die Schichten, steigt das Schmerzrisiko

W&B/Jörg Neisel

Faszienverklebung frühzeitig lösen

Normalerweise gleiten die verschiedenen Faszienschichten und die Muskeln wie elegante Balletttänzer aneinander vorbei. Ist man verklebt, gleitet nichts mehr. "Stellen Sie sich das wie beim Schuhe zubinden vor. Eigentlich rutscht das Hemd über den Rücken nach oben. Ist man verschwitzt, klebt es fest", erklärt Schleip. Solche Verklebungen können ganz leicht sein – dann werden sie bei regelmäßiger Bewegung wieder abgebaut. Aber je länger Faszien bewegungslos verharren, desto stärker verkleben sie entweder mit der darunterliegenden Muskulatur oder benachbarten Faszienhüllen.   
Vermutlich beides. Ist der Prozess noch nicht besonders weit fortgeschritten, können Therapeuten die Verklebungen oft noch lösen. Aber irgendwann lassen sich die Schichten nur noch mit einem Skalpell trennen. Ein amerikanischer Chirurg versuchte dies bereits vor etwa 50 Jahren mit Erfolg. Nun läuft eine Studie an einer deutschen Klinik. "Dort wird erforscht, ob beziehungsweise wann bei starken Rückenschmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule die chirurgische Behandlung der Lendenfaszie sinnvoller als eine Bandscheiben-Operation ist", sagt Schleip. Die Ergebnisse der Studie bleiben abzuwarten.

Die meisten Patienten mit unspezifischen Rückenschmerzen profitieren jedoch ohnehin besonders von mehr Bewegung im Allgemeinen oder gezielten Bewegungs-Therapien. Denn Faszien sind plastisch. Sie enthalten kontraktile Zellen, die sich genau wie Muskeln zusammenziehen und entspannen können – nur viel, viel langsamer. Ob Fehlhaltungen oder Trainingsanreize: Schon nach wenigen Wochen in einer bestimmten Haltung, beginnen sie sich zu verändern. Deshalb können Faszien mit dem Muskel oder dem Gewebe der Umgebung verkleben, aber genauso kann dieser Prozess durch Aktivität wieder rückgängig gemacht werden. Zumindest so lange, wie die Verklebung noch nicht komplett ist.

Unzählige Stellen, die Schmerzen spüren

Auf der Suche nach den Ursachen von Schmerzen im unteren Rücken gelang der Arbeitsgruppe von Siegfried Mense ein entscheidender Schritt zum besseren Verständnis. Die Forscher hatten in Versuchen mit Ratten festgestellt, dass die Rückenfaszien der Ursprung von Rückenschmerz sein können, und dass Schmerzmittel die Rezeptoren, die Wahrnehmungsantennen, in diesen Faszien stark erregen. Andere Arbeitsgruppen haben gesunden Menschen dasselbe Schmerzmittel in die Haut, die Muskeln und in die Faszienhülle injiziert. Am meisten Schmerzen verspürten die Teilnehmer, wenn das Schmerzmittel in die Faszie gespritzt wurde. "Das liegt daran, das die Faszie voller kleiner Nervenenden ist", erklärt Mense. Diese so genannten Nozizeptoren registrieren feinste Veränderungen im Gewebe und melden sie ans Gehirn. Dort werden sie als Schmerz interpretiert.

Lebensstil bleibt entscheidend

Ist unspezifischer Rückenschmerz also eigentlich ein Faszienschmerz? So weit möchte Mense nicht gehen. "Wir sagen, die Faszie kann entscheidend beitragen", formuliert er vorsichtig. Christoph Anders ist ebenfalls überzeugt: "Die Faszien sind ein weiterer Baustein, mit denen wir besser verstehen, wie unspezifischer Rückenschmerz entsteht."
Über die beste Therapie gegen Rückenschmerzen besteht jedoch bei den Experten kein Zweifel: Bewegen, bewegen, bewegen. "Jedes Gelenk und jeder Muskel muss man einmal am Tag ordentlich durchbewegt werden", ist Mense überzeugt. "Ihr Lebensstil hat Auswirkungen darauf, wie viele schmerzfreie Tage Sie in Zukunft haben werden", wird Schleip deutlich. Vor allem Übungen, die den gesamten Körper dehnen, stimulieren die Faszien. Doch ob man dazu lieber auf einer Matte turnt, durch den Wald joggt oder an einer Wand klettert, ist erst einmal egal. Hauptsache bewegen!



Bildnachweis: iStock/Ryan J. Lane, W&B/Jörg Neisel

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