Spinalkanalstenose: Nicht gleich operieren

Eingeschnürtes Nervengewebe im Lendenbereich kann heftig schmerzen. Dennoch ist nicht immer eine OP nötig. Welche Alternativen es gibt

von Dr. Christian Guht, aktualisiert am 29.02.2016

Birte Gehrmann im Einsatz: Physiotherapie mobilisiert die Wirbelsäule

W&B/Sarah Rubensdörffer

Beim Fahrradfahren tut es komischerweise fast gar nicht weh. Wenn Dr. Sven Eicker diesen Satz von einem Patienten mit chronischen Rückenschmerzen hört, schwant ihm die Ursache des Problems bereits. "Wem der gebeugte ­­Rücken Linderung verschafft, der leidet vermutlich an einer Spinalkanal­­stenose", erklärt der Neurochirurg vom Hamburger Uniklinikum Eppendorf. Hinter dem medizinischen Fachbegriff verbirgt sich eine Enge des Wirbelkanals, in dem Nerven zum Becken und zu den Beinen verlaufen.

Die Einschnürung entsteht durch Verschleiß. Mit den Jahren verlieren unsere Bandscheiben an Wasser und Elastizität. Dadurch wird auch der Abstand zwischen den Wirbelkörpern kleiner. Die Wirbelsäule sinkt nach und nach in sich zusammen und wird instabiler. Um seine Achse zu festigen, baut der Körper dann zusätzlichen Knochen an. Doch dieser verengt den Wirbelkanal – zusammen mit anderen anatomischen Veränderungen.


Dr. Sven Eicker ist leitender Arzt für Wirbelsäulenchirurgie am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf

W&B/Sarah Rubensdörffer

Immer häufiger greifen Chirurgen in diesen Fällen zum Skalpell: Die Anzahl entlastender Eingriffe hat sich in nur zehn Jahren verdreifacht. "Es muss aber längst nicht jeder Betroffene operiert werden", sagt Experte Eicker. Manchmal schon deshalb, weil andere Ursachen die Beschwerden auslösen.

Andere Ursachen ausschließen

Wenn Beine beim Gehen schmerzen, können auch verengte Gefäße dahinterstecken. Ebenso wie Bandscheibenvorfälle, Gelenkverschleiß oder Osteoporose. Immerhin jeder vierte ältere Mensch mit Spinalkanalstenose hat zusätzlich eines der genannten Leiden. Die Diagnose Stenose erscheint Fachmann Eicker vor allem plausibel, wenn es dem Patienten besser geht, sobald er sich vorbeugt.

Beschwerden hingegen verursacht  eine Stenose normalerweise bei Belastung: Läuft der Betroffene eine gewisse Strecke, nimmt der Schmerz im Kreuz zu und strahlt auch in die Beine. Derart Geplagte legen häufig Gehpausen ein, um den Schmerz abklingen zu lassen. Auf Dauer machen sich zudem Nervenschädigungen bemerkbar: Reflexe lassen nach, Reize wie Berührung oder Temperatur werden weniger gut wahrgenommen.

Ob eine OP nötig ist, machen Ärzte unter anderem von den Beschwerden abhängig. "Zunächst sollte man bei ­einer Spinalkanalstenose der Lendenwirbelsäule immer eine nichtoperative Behandlung versuchen", rät Eicker. Nur bei schweren akuten Symptomen, etwa Lähmungen, sollte ein Eingriff nicht hinausgezögert werden.


Physiotherapie als Alternative

Schmerz- und Physiotherapie können das anatomische Grundproblem zwar nicht beheben, wohl aber die Symp­tome merklich mindern. "Durch krankengymnastische Übungen lässt sich die Wirbelsäule wieder beweglicher machen", erklärt Birte Gehrmann, die als Physiotherapeutin am Athleticum der Uniklinik Eppendorf arbeitet. Ein weiterer wichtiger Ansatz: Rücken- und Bauchmuskulatur kräftigen, um so den Rücken wieder zu stabilisieren.

"Oft läuft es früher oder später aber doch auf eine Operation hinaus", sagt Oberarzt Eicker – vor allem wenn Beinschmerzen im Vordergrund stehen. Als Entscheidungshilfe diene dann die Länge der Strecke, die der Patient schmerzfrei gehen kann.

Ob diese aber bei unter tausend oder unter hundert Metern als nicht mehr tolerabel gilt, hängt auch von der Gesamtkonstitution des Betroffenen ab, so Eicker. Und von dessen eigenen Ansprüchen. Auch wie aufwendig der Eingriff ausfallen soll, müssen Patient und Arzt im Einzelfall abwägen. Unter Umständen kann es nämlich die Wirbelsäule weiter destabilisieren, wenn alle Alterungserscheinungen rückgängig gemacht werden.

Bänder und Knochen entfernen

Eine mögliche OP-Methode: Um die Engstelle zu weiten, werden Teile von Bändern und Knochen entfernt. Dabei versuchen die Ärzte, Muskeln und Gelenke möglichst wenig zu verletzen. Ist die Wirbelsäule sehr instabil, muss der Operateur sie manchmal stellenweise versteifen. "Letztendlich lässt sich das Problem oft nur mechanisch lösen", so Eicker. Doch ob und in welchem Umfang operiert wird, müsse für jeden Fall gut überlegt sein.



Bildnachweis: W&B/Sarah Rubensdörffer, W&B/Sarah Rubensdörffer

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