Fast jeder kennt das gemeine Zwicken und Ziehen im Rücken. Seit Jahren nehmen Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems – vor allem Rückenschmerzen – einen Spitzenplatz in den Berichten der Krankenkassen ein. Sie gehören zu den häufigsten und zugleich teuersten Gesundheitsproblemen. „Ohne heftige Warnzeichen wie Rückenschmerzen schaffen wir es kaum, uns Zeit zur Regeneration zuzugestehen. Denn ständig geht es darum, im Alltag zu funktionieren“, sagt der Orthopäde Dr. Günter Niessen aus Berlin. „Wir selbst kommen dabei zu kurz.“
Wenn Erholungsphasen fehlen, weil der Termindruck uns von Aufgabe zu Aufgabe hetzt, trinken wir seltener und bewegen uns zu wenig. Wer viel vor dem Computer sitzt, verkrampft häufig unbewusst die Schultern und streckt dabei den Nacken vor. Auf Dauer verspannt und verhärtet dadurch die Muskulatur. Schmerzen im unteren Rücken und im Nackenbereich folgen.
Auch in der Freizeit löst oft eine Verpflichtung die andere ab. Wer völlig verplant ist, dem fehlt Raum für Muße. Bei sogenannten nichtspezifischen Kreuzschmerzen, für die der Arzt also keine bestimmten körperlichen Ursachen feststellen kann, spielen neben organischen Bedingungen auch psychische und soziale eine bedeutende Rolle.
Deshalb sollte jeder die ersten Anzeichen als Warnsignal verstehen und gleichzeitig als Aufforderung, innezuhalten und sich mehr um sich zu kümmern. „Jeder Betroffene sollte wissen, dass er selbst etwas gegen sein Leiden tun kann“, betont Niessen. Bettruhe ist meist das falsche Mittel, ebenso die oft gewünschte Massage.
Guten Erfolg verspricht dagegen, sich mehr zu bewegen – das weisen auch Studien nach. Methoden wie die progressive Muskelrelaxation können helfen, die Spannung der Muskeln zu senken. Achtzig Prozent aller akuten Rückenschmerzen verschwinden innerhalb von vier Tagen bis zwei Wochen. Nehmen sie allerdings zu oder strahlen sie vom Rücken in Arme oder Beine aus, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Das Gleiche gilt, wenn sich Taubheitsgefühle oder Schwäche einstellen.
Rücken-Übungen
Gymnastik
Aufrecht stehen, die Füße schulterbreit auseinander, die Knie etwas angewinkelt. „Langsam weiter in die Knie gehen, dabei Bauch- und Gesäßmuskeln anspannen, den Oberkörper mit geradem Rücken leicht vorbeugen, Arme bis in die Fingerspitzen gestreckt nach hinten unten ziehen“, erklärt die Physiotherapeutin Imke Gerlach-Roggatz aus Icking bei München. In der Position bis zehn zählen, zurückgehen und locker lassen. Zehnmal wiederholen. Variation: Nehmen Sie nun die Arme nach vorne oben. Handflächen aneinanderlegen und ebenfalls mit gespanntem Körper in die Knie gehen. Zehnmal wiederholen.
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Mit leicht angewinkelten Beinen auf eine Matte legen, der Kopf ruht auf einer gefalteten Decke. „Beobachten Sie Ihren ruhigen Atem, und rollen Sie dabei mit dem Becken langsam vor und zurück“, empfiehlt der Feldenkraislehrer Sebastian Mayer aus München. Legen Sie dazu den Kopf in die gefalteten Hände, Ellbogen nahe zusammen, und heben Sie ihn nur wenig. Die Idee dahinter: Der Nacken wird lang und kann locker bleiben.
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Feldenkrais
Sie sitzen mit der rechten Gesäßhälfte auf einem Stuhl, die rechte Hand fasst die Lehne, die linke ruht auf dem Scheitel. Rücken rund machen, während Sie das Kinn langsam zum Brustbein sinken lassen und gleichzeitig das linke Knie hochziehen. Heben Sie dann vom Brustbein aus den Kopf wieder nach oben, während das linke Bein nach unten und hinten gleitet, bis das Knie beinahe den Fußboden berührt. Machen Sie diese Übung fünfmal, und wechseln Sie dann die Seite.
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Auf einer Matte oder Decke liegen, die Stirn am Boden und die Zehen nach hinten gestreckt. Die Beine und das Gesäß leicht anspannen, die Atmung fließen lassen. Dann die Hände seitlich des Brustkorbs aufsetzen. „Nun mit leichtem Druck in Richtung der Füße vom Brustkorb aus ein wenig vorne anheben“, erläutert der Orthopäde und Yogalehrer Dr. Günter Niessen aus Berlin. Die Hände nur leicht zu Hilfe nehmen. Bei der Übung bleiben der Kopf und der Nacken in einer Linie. Entspannen. Achtmal.
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Pilates
Legen Sie sich auf einer Pilatesrolle oder einer Decke auf den Rücken. Arme seitlich, Handflächen nach unten am Boden. Die Beine Richtung Brust ziehen. „Die Knie befinden sich in einer Linie über der Hüfte“, erklärt die Pilateslehrerin Verena Geweniger aus Darmstadt. Mit der Ausatmung die Bauchdecke einziehen, einen Fuß Richtung Boden senken – nur so tief, wie Sie den Rücken auf der Rolle lassen können. Mit dem Einatmen wieder heben und in die Ausgangsstellung zurückführen. Fuß wechseln. Fünf- bis zehnmal.
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Damit Rückengeplagte rasch wieder ein schmerzfreies Leben führen können, hilft neben regelmäßiger Bewegung auch Wärme. „Heizkissen im Rücken und auf dem Bauch wirken gut“, sagt der Apotheker Dr. Christian Belgardt aus Berlin. Körnerkissen, Wärmflasche und spezielle Wärmeauflagen für den Rücken erfüllen denselben Zweck. Pflanzliche und synthetische Wärmesalben und -pflaster fördern die Hautdurchblutung und nehmen die Schmerzen. „Da solche Mittel jedoch die Haut reizen können, frage ich die Patienten, wie empfindlich diese reagiert“, erläutert Belgardt. Kurzzeitig eingesetzte Schmerzmedikamente lassen normale Bewegungen zu, manchmal helfen auch pflanzliche und synthetische Entzündungshemmer.
Um den Rücken fit zu halten, sollte der gewählte Sport zum Lebensstil passen und Spaß machen. Wer tagsüber viel sitzt, tut sich Gutes, wenn er abends spazieren geht, schwimmt, läuft, joggt oder walkt. Vornübergebeugtes Radfahren empfiehlt Experte Niessen weniger. „Das passt besser zu jemandem, der tagsüber steht, wie eine Verkäuferin.“
Bewegungsarten aus dem Fernen Osten wie Tai-Chi, Qigong, Yoga, aber auch Feldenkrais haben sich als sehr rückenfreundlich erwiesen. Pilates sowie spezielles Kraft- und Rückentraining gelten ebenfalls als ideal (siehe Übungen). „Es geht darum, den Alltag auszubalancieren und sich in der Bewegung einen Aus-gleich zum Beruf zu schaffen“, sagt Niessen.
Damit der Rücken schmerzfrei bleibt, genügen zwei Trainingseinheiten pro Woche. Wer es schafft, dreimal dafür Zeit freizuschaufeln, baut nicht nur Kraft, sondern auch Stabilität auf. „Wenn wir die langen Muskelstränge im Rücken ebenso wie die tiefen kurzen Bauch- und Rückenmuskeln kräftigen, lohnt sich das. Denn es beugt Schmerzen vor, das ist nachgewiesen. Und es lindert sie“, sagt Niessen. Um Kreuzweh zu vermeiden, erscheint es auch sinnvoll, die Arbeitsabläufe und die Körperhaltung öfter zu überprüfen. Vielleicht können Sie im Stehen telefonieren, den Papierkorb außer Reichweite aufstellen, das Kopieren selbst in die Hand nehmen. Schon das mobilisiert die Wirbelsäule. Aber probieren Sie doch gleich die abgebildeten Rücken-Übungen aus, und finden Sie heraus, welche Ihnen gefällt.
Christine Wolfrum / Apotheken Umschau;
24.06.2011
Bildnachweis: W&B/Christine Schneider
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