Rückenschmerzen: Was wirklich hilft

Kreuzschmerzen entstehen durch verschiedenste Ursachen. Krankengymnastik und Schmerzmittel sind zentrale Bestandteile der Therapie

von Dr. Christian Guht, aktualisiert am 23.04.2015

Kranke Wirbelsäule: Haltungsprobleme können Rückenschmerzen auslösen

Mauritius/SPL

Kreuzlahm war gestern. Moderne Rückenschmerztherapie hat es in sich: 30 Minuten Einzelübungen, danach noch Gruppengymnastik und Krafttraining, zwei- bis dreimal in der Woche – so sieht ein Behandlungsprogramm aus, das Professor Martin Alfuth letzten Herbst auf dem Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie vorgestellt hat.

„Ruhe- und Belastungsschmerz sowie Alltagseinschränkungen nahmen bei den Teilnehmern über ein halbes Jahr deutlich ab“, fasst der Therapiewissenschaftler von der Hochschule Niederrhein in Krefeld seine Ergebnisse zusammen. Derartige Übungen bilden einen wesentlichen Bestandteil der sogenannten multimodalen Therapie, wie sie bei andauerndem Rückenschmerz mittlerweile angewandt und laut ärztlichen Leitlinien empfohlen wird.

Rückenschmerzen entstehen in aller Regel durch vielfältige Einflüsse und sollten daher nicht nur medizinisch, sondern insbesondere physiotherapeutisch und psychologisch behandelt werden“, macht Alfuth deutlich.


Kreuzschmerzen sind Ausdruck verschiedener Probleme

Seit geraumer Zeit schon sind sich die Experten einig, dass Kreuzschmerzen ein Ausdruck ganz unterschiedlicher Probleme sein können, die von Schäden am Bewegungsapparat bis zu seelischen Konflikten reichen. Im Einzelfall kommt üblicherweise einiges davon zusammen.

„Wir gehen von einem biopsychosozialen Schmerzmechanismus aus“, sagt Dr. Hans-Christian Hogrefe, Chefarzt der Abteilung für Konservative Orthopädie an der Klinik Bad Bergzabern. So komplex der Schmerz entsteht, so wirkungsvoll könne man ihn mit dem breiten Ansatz aus Krankengymnastik, Verhaltensanpassung und Schmerzmedikamenten aber auch therapieren, wie der Mediziner ausführt: „Etwa 90 Prozent aller Patienten mir Kreuzschmerzen lassen sich so erfolgreich behandeln.

Zu viele Rückenoperationen

Trotz dieser – nicht ganz neuen – Erkenntnisse macht sich ein anderer Trend bemerkbar: Die Anzahl von Rückenoperationen hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt, wie Krankenkassen-Daten belegen und wie mittlerweile auch von ärztlichen Fachverbänden beklagt wird. Bei manchen Wirbelsäulenerkrankungen seien die gestiegenen OP-Zahlen zwar medizinisch plausibel, was aber nicht die hohe Gesamtzahl erkläre. „Der häufigste, unspezifische Rückenschmerz stellt überhaupt keine Indikation für eine Operation dar“, macht Hogrefe deutlich.

Diese Diagnose wird gestellt, wenn es zwar drückt und zieht im Kreuz, aber keine Hinweise vorliegen auf eine Verletzung der Wirbelsäule, auf eine akute Entzündung oder gar auf einen Tumor, der im Rücken „Raum fordert“.

Röntgenuntersuchung und MRT nicht immer nötig

Auch neurologische Symptome wie Missempfindungen oder Lähmungen, die durch Wirbelsäulenschäden erklärbar wären, gilt es abzuklären. „Dafür muss man den Patienten gut untersuchen“, sagt Professor Bernd Kladny, Chefarzt der Abteilung für Orthopädie und Unfallchirurgie an der Fachklinik Herzogenaurach. Einer Röntgen- oder Kernspinuntersuchung bedarf es bei unspezifischen Schmerzen hingegen nicht. Die ärztliche Leitlinie rät sogar ausdrücklich davon ab, ohne konkrete Hinweise auf eine aktuelle und lokale Schädigung eine „bildgebene Diagnostik“ durchzuführen.

Der Grund: Entdeckt werden dabei häufig Verschleißerscheinungen an der Wirbelsäule – auch Bandscheibenvorfälle –, die den Kreuzschmerz zwar erklären könnten, tatsächlich aber gar nichts damit zu tun haben müssen. Studien haben gezeigt, dass viele Bandscheibenvorfälle keine Probleme bereiten, während umgekehrt heftige Rückenschmerzen bei völlig unversehrter Wirbelsäule auftreten können. Ein Zusammenhang zwischen bloßem Schmerz und dem Befund eines Vorfalls lässt sich demnach nicht herstellen – was aber offenbar häufig gemacht wird und zur „Übertherapie“ führt: Patienten erhalten eine Behandlung – üblicherweise eine Operation –, die sie nicht benötigt hätten.

Häufige Ursache: Verspannte Rückenmuskeln

„In den meisten Fällen schmerzt die verspannte Rückenmuskulatur“, stellt Hans-Christian Hogrefe fest. Die verschiedenen Muskelschichten bilden ein Stellglied: Verändern sich Statik und Mechanik des Rückgrats nur leicht, etwa weil Zwischenwirbelgelenke verschlissen sind, versucht die Muskulatur dagegenzuhalten.

Das kann zu Verhärtungen führen, die wehtun und ihrerseits die Stabilität des kommunizierenden Systems schwächen. Wie stark solche Prozesse als Schmerzen wahrnehmbar werden, steuert außerdem maßgeblich das Nervensystem. Stress und Unzufriedenheit vermindern die Filterleistung von Gehirn und Rückenmark und erhöhen so die Schmerzempfindlichkeit.

„Von psychischen Einflüssen hängt oft ganz entscheidend ab, ob die Schmerzen chronisch werden“, sagt Hogrefe. Sind sie nach sechs bis zwölf Wochen nicht abgeklungen, sollten die Schmerzen „multimodal“ bekämpft werden – das heißt, nicht allein mit Arzneimitteln, sondern unterstützt durch Bewegungs- und Verhaltenstherapie.

Schmerzmittel sind nur ein Teil der Therapie

„Medikamente sind wichtig, um überhaupt ohne Schmerz trainieren zu können“, sagt Hogrefe. Die Mittel sollten mit Bedacht, aber auch nicht zu defensiv zum Einsatz kommen. Bei der Bewegungstherapie gehe es darum, den Geplagten wieder zu mobilisieren und seinen Bewegungsapparat möglichst schmerzfrei einzustellen. „Dafür muss die Muskulatur erst einmal neu wahrgenommen und dann gezielt gekräftigt werden“, erklärt Professor Alfuth. Das leisten verschiedene Übungen, die es fortzuführen gilt, um neuen Schmerzen vorzubeugen. Aber auch die Seele profitiert. „Es befreit Patienten in jeder Hinsicht, wenn sie ihre Mobilität wieder erfahren“, berichtet Alfuth. Daneben sei eine Verhaltenstherapie hilfreich, um den Umgang mit Schmerzen zu erleichtern und Gewohnheiten abzulegen, die dem Rücken schaden.

Operation manchmal sinnvoll

„Operationen sind trotz solcher Möglichkeiten in einigen Fällen dennoch sinnvoll“, sagt Bernd Kladny. Schmerzen, die dem Verlauf von Nerven folgen oder sogar von dazu passenden neurologischen Ausfällen begleitet werden, wiesen auf eine Druckschädigung hin, die sich operativ beheben lasse. Bandscheibenvorfälle oder auch eine Verengung des Wirbelkanals können solche Hindernisse bilden. „Ob man die operiert, hängt vom Ausmaß der daraus resultierenden Ausfälle ab“, sagt Kladny. Ein zwingender Anlass zur Operation besteht allerdings nur bei umfangreichen Lähmungen und bei neurologischen Störungen von Blase und Darm.

Voreilige Eingriffe hingegen bergen Risiken: Zum einen kann Narbengewebe neue Schmerzen auslösen. Zum anderen beeinflusst Passivität die Schmerzverarbeitung langfristig ungünstig. Wer hingegen aktiv wird, kann erleben, dem Schmerz nicht hilflos
ausgeliefert zu sein.


Vier leichte Übungen, die Schmerzen vorbeugen

  • Übungen für die Bandscheibe
    W&B/Szczesny

    Die Spannung halten

    Bei dieser Übung soll ein Liegestütz auf den Unterarmen für einige Sekunden gehalten werden. Das kräftigt die Rücken- und Bauchmuskeln. Letztere stabilisieren den Rumpf ebenfalls und entlasten so den Rücken.

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  • Übungen für die Bandscheibe
    W&B/Szczesny

    Die Balance finden

    Leichte Kniebeugen machen. Dabei im Schulterbereich einen Stab halten, damit der Rücken in aufrechter Position bleibt. Die Übung soll die Wahrnehmung für rückenschonende Bewegungsabläufe schärfen.

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  • Übungen für die Bandscheibe
    W&B/Szczesny

    Den Rumpf einstellen

    Der Übende liegt mit einer kleinen Unterlage im Lendenwirbelbereich auf dem Rücken und hebt abwechselnd die Beine. Die Bewegung kommt aus der Oberschenkel- und Hüftmuskulatur, die für die Haltearbeit des Rumpfes eng mit den Rückenmuskeln zusammenarbeitet.

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  • Übungen für die Bandscheibe
    W&B/Szczesny

    Den Rücken stabilisieren

    In den Vierfüßlerstand gehen und einen Arm gemeinsam mit dem Bein der anderen Körperseite heben. Die Position kurz halten, danach die Bewegung mit dem anderen Arm und Bein wiederholen.

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Bildnachweis: Mauritius/SPL, W&B/Szczesny

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