Streitpunkt Wirbelsäulen-OP

Die Zahl der Wirbelsäulen-Operationen steigt seit Jahren, Ärzte und Kliniken profitieren finanziell. Wer sich gut informiert, kann einen Eingriff häufig abwenden

von Barbara Kandler-Schmitt, aktualisiert am 17.03.2016

Die Problemzone vieler Deutschen: der Rücken. Nicht immer ist eine OP nötig

W&B/Frank Widemann

Der Rückenschmerz ist ein riesiger Wirtschaftsfaktor. Kliniken, Belegpraxen, Arzneimittelhersteller, Physiotherapeuten, Rückenschulen, Fitness-Studios und Buchverlage machen mit dem Kreuz Geschäfte. Eine krisensichere Branche: Immerhin sind 85 Prozent der Deutschen irgendwann im Leben betroffen.

Laut dem aktuellen Krankenhaus-Report der Barmer Ersatzkasse erhöhte sich die Zahl der Klinikaufenthalte wegen Rückenleiden zwischen 2006 und 2014 um 50 Prozent. Im selben Zeitraum nahmen die Bandscheiben-Operationen um 12,2 Prozent zu. "Parallel dazu stieg auch die Anzahl der Dienstleister rund um das Thema Rückenschmerz", sagt Professor Peer Eysel, Direktor der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie an der Uniklinik Köln. Dieses Angebot sensibilisiere die Menschen für das Symptom, was wiederum die Nachfrage erhöhe für Therapien, Sportkurse, Pillen – und chirurgische Eingriffe.


Doch warum wurde ausgerechnet die Bandscheibe zur Zielscheibe für einträgliche Geschäftsideen? Laut Orthopäde Eysel liegt das zum Teil an den Betroffenen selbst: "Auch ältere Patienten haben heute hohe Ansprüche an Beweglichkeit und Lebensqualität." Sie wollen reisen, Sport treiben, sind nicht mehr bereit, Schmerzen zu tolerieren. Außerdem beobachtet Eysel bei vielen Patienten eine zunehmende Technikgläubigkeit: "In den Medien wird ja oft genug suggeriert, dass alles machbar ist."

Bei Rückenschmerzen wird zu oft operiert

Neue, schonendere OP-Methoden ermöglichen inzwischen tatsächlich Eingriffe, von denen Ärzte früher abgeraten hätten. Chirurgen dringen zunehmend in Grenzbereiche vor, operieren zum Teil sogar vorbeugend. Doch nicht alles, was möglich ist, macht auch Sinn. "Es werden Erwartungen an einen schnellen Behandlungserfolg geweckt, die nicht immer erfüllt werden können", sagt Dr. Hans-Jürgen Hesselschwerdt. Die Frage, ob bei Rückenschmerzen zu viel operiert werde, beantwortet der Chefarzt der Theresienklinik Bad Krozingen mit einem klaren "Ja".

Einer der Hauptgründe für diese Entwicklung ist Geld. Viele Operationen sichern die Wirtschaftlichkeit der Wirbelsäulenchirurgie-Abteilungen – von denen viele in den vergangenen Jahren überhaupt erst entstanden sind. Seit 1995 hat sich die Zahl der Neurochirurgen auf diesem Gebiet verdreifacht. "Die Politik will den Wettbewerb unter Kliniken fördern und zwingt sie damit, sich dem Markt anzupassen. Die Neueröffnung solcher Abteilungen ist da eine mögliche Option", sagt Hesselschwerdt.

Nicht nur minimal-invasive Eingriffe wie die Bandscheibenentfernung mittels Endoskop oder die mikrochirurgische Erweiterung des Wirbelkanals sind in der Folge häufiger geworden. Am meisten zugelegt haben große Operationen wie die Wirbelversteifung – laut Report seit 2006 um 150 Prozent. "Für die Kliniken sind sie besonders lukrativ", erklärt Hesselschwerdt.

Wirbelversteifung nur selten hilfreich

Eine Versteifung sollte genau überlegt sein. "Wer bereits seit Jahren chronische Rückenschmerzen hat, profitiert in der Regel nicht davon", sagt Eysel. Die OP sei nur bei einem instabilen Rückgrat sinnvoll, wenn Wirbel sich gegeneinander verschieben. Nachteil: Werden einzelne Wirbel versteift, nutzen sich benachbarte Bereiche manchmal stärker ab – was erneut zu Problemen führen kann.

Neben den OP-Methoden wurde auch die Diagnostik verfeinert. Veränderungen werden früher erkannt. Für Eysel ein zweischneidiges Schwert: "Bei 50-Jährigen wird man immer degenerative Veränderungen an der Wirbelsäule finden." Bei Schmerzen würden Betroffene dann aufgrund dieses Befunds operiert, ohne zuvor die konservativen Möglichkeiten auszuschöpfen. "Zu viel Diagnostik birgt die Gefahr, übers Ziel hinauszuschießen", warnt der Experte.

Tatsächlich gibt es für einen operativen Eingriff nur wenige absolute Kriterien. Etwa wenn Nerven durch einen Bandscheibenvorfall stark gequetscht werden, der Betroffene unter Lähmungen und Taubheits­gefühlen leidet oder Darm und Blase den Dienst versagen. "Das passiert aber relativ selten", betont ­Eysel. In der Regel geben subjektive Kriterien wie die Erwartungshaltung des Patienten den Ausschlag. Und die Einstellung von Klinik und Arzt. "Leider werden Operationen heute beworben wie Autos oder Waschmaschinen", bemängelt Eysel. Er rät Betroffenen, vor der Entscheidung eine zweite Meinung einzuholen.

Konservative Maßnahmen ausschöpfen

Professor Michael Nerlich, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie, empfiehlt, vor einer OP alle anderen Maßnahmen auszuschöpfen: "Wird eine Physiotherapie lange und konsequent genug gemacht, ist sie in der Regel erfolgreich." So lasse sich die Wirbelsäule durch gut trainierte Rückenmuskeln stabilisieren. Doch dabei ist die Mitarbeit des Patienten gefragt. Und ob der Betroffene richtig und regelmäßig seine Übungen macht, lässt sich nicht so einfach feststellen. "Deshalb gibt es kaum aussagekräftige Studien zum Erfolg konservativer Maßnahmen", sagt Nerlich.

Außerdem sind sie nichts für Ungeduldige: Bis sich eine deutliche Besserung zeigt, können Monate vergehen. Deshalb wird die Kunst des Chirurgen oft zu früh nachgefragt. "Manche erwarten, dass wir ­ihnen den Schmerz einfach wegoperieren", sagt Nerlich. "Leider klappt das nicht immer." Vor allem Patienten mit chronischen Schmerzen nützt eine OP nur selten. Bei ihnen hat sich der Schmerz bereits verselbstständigt und besteht weiter, obwohl die eigentliche Ursache beseitigt wurde. "Deshalb sollten Beschwerden möglichst gar nicht erst chronisch werden", betont Nerlich. Bei akuten Rücken­­problemen sei Bewegung die beste Medizin, ergänzt durch Wärmebehandlungen, manuelle Therapie und Schmerzmittel. Diese sollten jedoch nicht über längere Zeit in Eigenregie genommen werden.

Informieren statt operieren

Mit der Initiative "Gemeinsam klug entscheiden" will die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesell­schaften künftig unnötige oder gar schädliche medizinische Leistungen vermeiden. "Wir wollen weg von der Reparaturmedizin und die Patienten mehr mit einbeziehen", sagt Orthopäde Nerlich. Ziel sei es, die Betroffenen über sämtliche Behandlungsmöglichkeiten zu informieren, damit sie gemeinsam mit dem Arzt eine Entscheidung treffen können.

Doch die "sprechende Medizin" wird in Deutschland bislang nicht angemessen vergütet, ausführliche Beratungsgespräche lohnen sich für Ärzte und Kliniken finanziell nicht. Dies zu ändern, könnte für die Träger der Gesundheitskosten durchaus lukrativ sein: In einer US-Studie senkte die umfassende Aufklärung von Bandscheibenpatienten die Zahl der Eingriffe im Vergleich zu einer Kon­troll­gruppe um 22 Prozent. Und das bei gleichem klinischen Ergebnis. Den Operierten ging es ­hinterher nicht besser oder schlechter als jenen, die sich nicht unters Messer gelegt hatten.


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Bildnachweis: W&B/Frank Widemann

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