Schmerzen im Gesäß/Kreuz: Ischiasbeschwerden

Schmerzen im Gesäß, Kreuz und/oder Bein, Missempfindungen, Muskelschwäche – das kann ein Ischiasproblem sein. Welche Ursachen infrage kommen

aktualisiert am 22.12.2016

Schmerzen im Kreuz und Gesäß: Hexenschuss? Ischias?

Thinkstock/iStockphoto

Kreuzschmerzen: Verwirrende Sprachvielfalt

Heillose Begriffsverwirrung beim Kreuzschmerz? Es scheint so. Da gibt es einmal die Lumbago (= akuter Kreuzschmerz, und auch nicht zu vergessen: der Hexenschuss), dann die Lumbalgie (= chronischer Kreuzschmerz) und schließlich das Lumbalsyndrom als Oberbegriff für beides. Wie kann das sein, wo strenggenommen doch jeder seinen einen Kreuzschmerz hat? Wenn zum Beispiel ein chronischer Kreuzschmerz akut aufflammt, ist die Dopplung tatsächlich möglich. Zudem sind Kreuzschmerzen oft vielschichtig und können sich in ihrem Verlauf ganz unterschiedlich äußern. Auch kann mitunter mehr als eine Ursache vorliegen.

Aber das ist noch nicht alles. So wissen Ärzte auch – und viele Leidgeplagte erfahren es –, was es mit einer Ischialgie oder Lumboschialgie (umgangssprachlich: "Ischias") auf sich hat: nämlich eine Art unangenehmer, stechender Hüft-Beinschmerz oder Kreuz-Hüft-Beinschmerz, der manchmal sogar mit Gefühlsstörungen oder Muskelschwäche am Bein oder Fuß einhergeht.


Letztlich liegt hier häufig ein Wurzelreizsyndrom alias lumbale Radikulopathie zugrunde: Wurzeln (lat. radix, Wurzel) von Rückenmarksnerven (Spinalnerven), die beidseits aus dem Rückenmark, anschließend aus dem entsprechenden Kanal in der Wirbelsäule und dann aus dieser hervortreten, nehmen Schaden. Dieser kann beispielsweise durch eine Einengung auf dem beschriebenen Weg entstehen.

Nach dem Durchtritt des Rückenmarksnerven durch das Nadelöhr an der Wirbelsäule bilden sich verschiedene Nervengeflechte, aus denen unter anderem die Beinnerven hervorgehen. Der Ischiasnerv, alias Gesäß- oder Hüftnerv, ist einer davon. Aber nicht irgendeiner, denn gilt als stärkster Nerv des Körpers – mit Nervenfasern für bedeutende Beinmuskeln. Auch für Gefühlswahrnehmungen insbesondere am Unterschenkel und Fuß ist der Ischiasnerv zuständig.


Ein Bandscheibenvorfall kann Ischiasbeschwerden verursachen (Schemazeichnung)

W&B/Szczesny

Die Ischias-Neuralgie mit ihren Kreuz-Hüft-Beinschmerzen beruht häufig, aber nicht nur, auf spezifischen Ursachen im Bereich von Kreuz oder Becken. Dazu mehr in der nachfolgenden Liste (das Kapitel "Schmerzen im Gesäß/Kreuz: Probleme der Muskeln und Bänder" geht insbesondere auf die nicht spezifischen Kreuzschmerzursachen ein).

Wie kommt es zur Ischiasreizung?

Hauptursachen von Wurzelreizungen des Ischiasnervs sind:

  • Bandscheibenvorfall und andere Ursachen von Ischiasbeschwerden
  • Verengung des Wirbelkanals im Bereich der Lendenwirbelsäule (lumbale Spinalkanalstenose; degenerative Veränderungen an der Wirbelsäule wie zum Beispiel verdickte Wirbelgelenke und Wirbelbänder)
  • Wirbelgleiten (Spondylolisthesis)
  • Verknöcherungen der Wirbelbänder (DISH, Abkürzung für diffuse idiopathische skelettale Hyperostose, auch Forestier-Krankheit)
  • Nervenwurzelentzündung (Radikulitis, beispielsweise im Zusammenhang mit Infektionen durch verschiedene Erreger)
  • Blutung im Rückenmarkskanal
  • Durchblutungsstörung
  • Tumoren, Metastasen, Wirbelbruch – auch infolge von Skelettkrankheiten wie Osteoporose

Info: Neben dem akuten (weniger als sechs Wochen) und dem chronischen Kreuzschmerz (länger als drei Monate) gibt es noch einen Zwischenstand, nämlich den subakuten Kreuzschmerz (länger als sechs Wochen). Zudem können Kreuzschmerzen ganz allgemein nicht spezifisch (= unspezifisch) oder spezifisch sein. Eine wichtige Einteilung, die sich auch in den meisten Fachpublikationen findet. Dabei steht vereinfacht gesagt nicht spezifisch für überlastungsbedingte funktionelle Ursachen und spezifisch für organbezogene strukturelle Ursachen.


Nachfolgend noch weitere Informationen zu den oben gelisteten Krankheiten.

Schmerzursache Bandscheibenvorfall

Verlagertes Bandscheibengewebe ist die Ursache schlechthin von Ischialgien. In der Tat: Bandscheibenvorfälle betreffen am häufigsten die Lendenwirbelsäule, daselbst insbesondere die Etagen vierter/fünfter Lendenwirbel (LWK 4/5) oder fünfter Lendenwirbel/erster Kreuzbeinwirbel (LWK 5/SWK 1). Voraussetzung: eine Degeneration der Bandscheiben. Sie beginnt schon sehr frühzeitig im Leben, da das Gewebe nach und nach weniger Wasser bindet, an Elastizität wie auch Festigkeit verliert und den ständigen Druckbelastungen im Kreuz nicht mehr so gut gewachsen ist.

Es gibt verschiedene Schweregrade des Vorfalls, je nachdem, ob der Bandscheibenkern letztlich noch innerhalb des umgebenden, nur leicht rissigen Faserrings in der Bandscheibe bleibt und sich deren Rand nur vorwölbt (Protrusion) oder ob er durch einen Riss heraustritt (Prolaps). Manchmal trennt er sich vollständig ab (Sequester). Die Größe des Vorfalls sagt nichts über die Beschwerden aus. Was genau passiert, lesen Sie im Ratgeber "Bandscheibenvorfall".

Bei starker Arthrose der kleinen Wirbelgelenke verdicken diese sich häufig, Wirbelbänder können infolge von Verschleiß verkalken und verplumpen. Mitunter kommt es dadurch zu einer Verengung im Wirbelkanal und zu ischiasartigen Beschwerden (siehe unten: Spinalkanalstenose).

Andere Ursachen von Ischiasbeschwerden

Im Verlauf des Nervs selbst – im Hüft-, Gesäß- und Oberschenkelbereich oder weiter unten am Bein – da hat sich der Nerv längt in zwei Nervenäste aufgeteilt – können ebenfalls Schmerzen auftreten. Mögliche Ursachen sind zum Beispiel Verletzungen, Hüftoperationen oder Injektionen in die Muskulatur. Mit Kreuzschmerzen hat dies je nach Ort der Schädigung allerdings wenig(er) zu tun. Wird ein Hautast des Ischiasnervs getroffen, zum Beispiel bei einer oberflächlichen Spritze, können einschießende, brennende Schmerzen und Missempfindungen, später Taubheitsgefühle, auftreten.

Bei Verletzung eines Muskelastes ist eine Lähmung entsprechender Muskeln die Folge. Allmähliche Beschwerden können sich durch Ablagerung eines direkt neben dem Nerv eingespritzten Medikamentes entwickeln. Über weitere mögliche Probleme bei Spritzen ins Gesäß mehr im Kapitel "Schmerzen im Gesäß/Kreuz: Abszess, Fistel", und über ischiasähnliche Beschwerden wiederum im Kapitel "Schmerzen im Gesäß/Kreuz: Muskeln und Bänder".

Engpass im Wirbelkanal: Spinalkanalstenose

Auch bei einer Verengung des Wirbelkanals im Kreuzbereich (lumbale Spinalkanalstenose) können ischiasähnliche Beschwerden auftreten. Allerdings äußern sie sich je nach Ursache – und hier gibt es neben den oben genannten Verdickungen am Wirbelkanal noch andere krankhafte Veränderungen – unterschiedlich. Zunehmende Schmerzen und Ermüdbarkeit der Beine beim Gehen gehören häufig zu den Anzeichen. Der Ratgeber "Lumbale Spinalkanalstenose" beschreibt sie näher.

Was ist Wirbelgleiten?

Lockert sich ein Wirbelsäulensegment, so kann sich der Wirbelkörper – der klotzige Teil des Wirbels – mit der darüberliegenden Wirbelsäule in unterschiedlichem Maße nach vorne verlagern (Wirbelgleiten, Spondylolisthese). Im Bereich der betroffenen Wirbel kann eine Stufe entstehen. Ist die Lendenetage betroffen, kommt es verstärkt zu einem Hohlkreuz und dadurch zu schmerzhaften Muskelverspannungen. Außen im Kreuz kann eine kleine Grube sichtbar sein.
Verschiedene Ursachen können zu Instabilität an der Wirbelsäule führen. Infrage kommen zum Beispiel Fehlbildungen wie ein Spalt in den Wirbelbögen, seltener ungewöhnlich lange oder zu dünne Wirbelbögen, Verletzungen, Skeletterkrankungen. Bei einer angeborenen Fehlbildung des Wirbelbogens kann Wirbelgleiten schon im Kindesalter auftreten. Ist stärkerer Verschleiß an der Bandscheibe die Ursache, sprechen Ärzte meist von Pseudospondylolisthese.

Eine geschrumpfte Bandscheibe ist buchstäblich ein naheliegender Grund. Bei Pseudowirbelgleiten sind die Beschwerden mitunter ausgeprägter als bei echtem Wirbelgleiten: Es treten hartnäckige Schmerzen im Kreuz und Nervenstörungen, unter anderem "Ischias"-Symptome, auf. Ärzte kennen vier Spondylolisthese-Schweregrade "nach Meyerding".

Der Ratgeber "Wirbelgleiten" informiert Sie ausführlicher darüber.

Verknöcherung von Wirbelbändern (DISH)

Hier versteifen Teile der Wirbelsäule – häufiger der Brustwirbelsäule, mitunter auch des Lendenwirbelbereiches – durch vermehrte Knochenbildung. Eine Entzündung wie zum Beispiel bei der Bechterew-Krankheit (siehe Kapitel "Schmerzen im Gesäß/Kreuz: Bechterew & Co.") liegt jedoch nicht vor.

Die Versteifung führt zu einem Gefühl der Steifheit im Rücken, vor allem morgens, die Beweglichkeit, zum Beispiel bei der Neigung der Wirbelsäule zur Seite, lässt nach, und es kommt zu Muskelschmerzen. Wenn die Knochenanbauten den Wirbelkanal einengen, sind auch Ischiasbeschwerden möglich. Meist liegen zugleich Stoffwechselstörungen wie ein Typ-2-Diabetes, Übergewicht, Fettstoffwechselstörungen oder eine erhöhte Harnsäure im Blut vor. DISH (Erklärung der Abkürzung in der Liste ganz oben), auch Morbus Forestier (Forestier-Krankheit), betrifft häufiger Männer als Frauen und eher ältere Menschen. Es ist wichtig, begleitende Stoffwechsel- und Gewichtsprobleme in den Griff zu bekommen, um die Wirbelsäule zu entlasten. Ärzte setzen ansonsten Schmerzmittel und Physiotherapie ein. Bei Komplikationen wie Wirbelbrüchen sind häufig chirurgische Maßnahmen notwendig.

Radikulitis: Nervenwurzelentzündung

Eine entzündete Nervenwurzel heißt fachsprachlich Radikulitis. Verantwortlich können unter anderem Erreger wie Borrelien – das Krankheitsbild heißt Neuro-Borreliose – oder Herpes-Zoster-Viren sein. Selten kann eine bakterielle Wirbelentzündung, eine Spondylodiszitis, die benachbarte Nervenwurzel in Mitleidenschaft ziehen.

Blutung, Durchblutungsstörung, Tumor

Diese Ursachen von Wurzelschädigungen (Radikulopathien) mit der Folge von Ischiasschmerzen sind hier nur der Vollständigkeit halber gelistet. Zu einer Blutung kann es unter anderem im Bereich der Rückenmarkshäute oder der Rückenmarksader kommen. Das Gefäß kann unter bestimmten Voraussetzungen aber auch verstopfen (Thrombose oder Embolie), es kommt dann statt einer Blutung zu einer Durchblutungsstörung in der hochempfindlichen Nervenwurzel oder auch des Rückenmarks.

Auslösend können hier zahlreiche Krankheiten sein, von Gefäßstörungen infolge eines Diabetes über Gefäßentzündungen bis hin zu Krankheiten des Herzens oder der Hauptschlagader, etwa ein Aortenaneurysma. Auch ein Tumor vor Ort kann mitunter eine Nervenwurzel beengen oder die Blutzufuhr drosseln.

"Ischias": Was sind die Symptome?

Schmerzen bei Wurzelreizungen folgen einem ganz bestimmten Ausbreitungsmuster. Häufig verstärken sie sich durch Husten, Niesen, Pressen und Beugen der Wirbelsäule nach vorne kurz, aber heftig. Vom Kreuz aus können sie außerdem in die Hüfte oder ins Gesäß und in einer Art Streifen auf der Haut vorne und seitlich oder mehr hinten am Bein ausstrahlen – bis zur Wade oder in den Fuß.

Mitunter stehen Knieschmerzen im Vordergrund. Auch Missempfindungen wie Kribbeln und Taubheitsgefühl am Bein können einem bestimmten Muster folgen. Die Beschwerden betreffen im Allgemeinen eine Körperseite.

Manchmal kommt es auch zu einer Muskelschwäche, seltener zu einer Lähmung am Bein. Beispielsweise kann das Heranführen des Oberschenkels oder die Beugung in der Hüfte erschwert sein. Oder das Heben (Fersenstand) und Drehen des Fußes nach innen und außen oder Senken des Fußes (Voraussetzung für den Zehenstand) klappt nicht richtig. Das heißt letztlich, dass es zu Gehstörungen kommt.

Je nach zugrundeliegender Ursache können vielfältige Beschwerden auftreten: andere neurologische Störungen, Gewichtsverlust, Fieber, starke örtliche Schmerzen am Rücken, eventuell eine äußerlich sichtbare Schwellung.

Diagnose bei Lumboischialgie

Über die Basisdiagnostik hinaus (siehe Kapitel "Schmerzen im Gesäß/Kreuz: Diagnose") wird der Arzt bei anhaltenden, starken oder sich verstärkenden Beschwerden, deutlichen Taubheitsgefühlen oder gar Lähmungen umgehend weitere Diagnoseschritte veranlassen. Dazu gehören vor allem eine gründliche neurologische Untersuchung und davon abhängig Maßnahmen wie Röntgenaufnahmen und/oder eine Magnetresonanztomografie (MRT, Kernspintomografie) der Wirbelsäule, gegebenenfalls auch Laboranalysen.

Dabei geht es darum, eine mechanische Behinderung, eine Infektion oder sonstige krankhafte Veränderungen im Bereich einer beengten Nervenwurzel schnellstmöglich zu erkennen und die geeignete Therapie einzuleiten. Möglicherweise muss der Betroffene in einer Klinik weiterbehandelt werden.

Ischiasschmerz: Welche Therapie hilft

So vielfältig die Beschwerden sind, so individuell ist die Behandlung von Ischiasbeschwerden. Sie richtet sich gezielt nach der Diagnose. Häufig klingen die Schmerzen nach einer konservativen Schmerzbehandlung ab. Manchmal wenden Ärzte eine Injektionstherapie an. Dabei bringen sie zum Beispiel ein örtlich betäubendes Mittel in unterschiedlicher Technik an eine gereizte Nervenwurzel heran.

Bei deutlichen oder zunehmenden Anzeichen einer Nervenschädigung ist ein operativer Eingriff notwendig. Mehr über Ursachen, Diagnose und Therapie bei Lumboischialgie können Sie unter "Hexenschuss" und als Gesamtüberblick einschließlich Bandscheibenvorfall unter "Rückenschmerzen" nachlesen.

Wird bei Gesäß- oder Beinbeschwerden ein Zusammenhang mit einer Spritze vermutet, sollte unverzüglich der behandelnde Arzt hinzugezogen werden. Er kennt den Patienten in aller Regel, kann die Situation einschätzen und entsprechende Maßnahmen treffen.



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