Schmerzen im Gesäß / Kreuz: Ischiasbeschwerden

Schmerzen im Gesäß, Kreuz und/oder Bein, Missempfindungen, Muskelschwäche – das kann ein Ischiasproblem sein. Welche Ursachen infrage kommen

aktualisiert am 04.11.2015

Bandscheibenvorfall (Schemazeichnung)

W&B/Szczesny

Verwirrende Sprachvielfalt

Chaos beim Kreuzschmerz? Es scheint so. Da gibt es einmal die Lumbago (= akuter Kreuzschmerz, und auch nicht zu vergessen: der Hexenschuss), dann die Lumbalgie (= chronischer Kreuzschmerz) und schließlich das Lumbalsyndrom als Oberbegriff für beides. Wie kann das sein, wo strenggenommen doch jeder seinen einen Kreuzschmerz hat? Wenn zum Beispiel ein chronischer Kreuzschmerz akut aufflammt, ist die Dopplung tatsächlich möglich. Zudem sind Kreuzschmerzen oft vielschichtig und können sich in ihrem Verlauf ganz unterschiedlich äußern. Auch kann mitunter mehr als eine Ursache vorliegen.

Zum anderen wissen Ärzte auch – und viele Leidgeplagte erfahren es –, was es mit einer Ischialgie oder Lumboschialgie (umgangssprachlich: "Ischias"), auf sich hat: nämlich eine Art unangenehmer, stechender Hüft-Beinschmerz oder Kreuz-Hüft-Beinschmerz, der manchmal sogar mit Gefühlsstörungen oder Muskelschwäche am Bein oder Fuß einhergeht.


Im Endeffekt liegt hier häufig ein Wurzelreizsyndrom alias lumbale Radikulopathie zugrunde: Wurzeln (lat. radix, Wurzel) von Rückenmarksnerven (Spinalnerven), die beidseits aus dem Rückenmark, dem entsprechenden Kanal in der Wirbelsäule und aus dieser hervortreten, erleiden einen Schaden, etwa durch eine Einengung.

Übrigens: Nach dem Durchtritt durch das Nadelöhr an der Wirbelsäule bilden sich verschiedene Nervengeflechte, aus denen unter anderem die Beinnerven hervorgehen. Der Ischiasnerv ist einer davon. Der Gesäß- oder Hüftnerv gilt als stärkster Nerv des Körpers – mit Nervenfasern für bedeutende Beinmuskeln, Stichworte: Fersengang, Zehenspitzenstand und vieles mehr. Auch für Gefühlswahrnehmungen insbesondere am Unterschenkel und Fuß ist der Ischiasnerv zuständig.

Und: Neben dem akuten (sweniger als sechs Wochen) und dem chronischen Kreuzschmerz (länger als drei Monate) gibt es noch einen Zwischenstand, nämlich den subakuten Kreuzschmerz (länger als sechs Wochen). Zudem können Kreuzschmerzen ganz allgemein unspezifisch (= nichtspezifisch) oder spezifisch sein.

Die "Ischias"-Neuralgie mit ihren Kreuz-Hüft-Beinschmerzen beruht häufig, aber nicht nur, auf spezifischen Ursachen im Bereich von Kreuz oder Becken. Dazu mehr in der nachfolgenden Liste (das Kapitel "Schmerzen im Gesäß / Kreuz: Probleme der Muskeln und Bänder" geht insbesondere auf die nichtspezifischen Kreuzschmerzursachen ein).

Wie kommt es zur Ischiasreizung?

Hauptursachen von Wurzelreizungen des Ischiasnervs sind:

  • Bandscheibenvorfall und andere degenerative Veränderungen an der Wirbelsäule (etwa verdickte Wirbelgelenke und Wirbelbänder)
  • Andere Ischiasbeschwerden 
  • Verengung des Wirbelkanals im Bereich der Lendenwirbelsäule (lumbale Spinalkanalstenose)
  • Wirbelgleiten
  • Verknöcherungen der Wirbelbänder (DISH, Abkürzung für diffuse idiopathische skelettale Hyperostose, auch Forestier-Krankheit)
  • Nervenwurzelentzündung (Radikulitis, beispielsweise im Zusammenhang mit Infektionen durch verschiedene Erreger)
  • Blutung im Rückenmarkskanal
  • Durchblutungsstörung
  • Tumoren, Metastasen, Wirbelbruch – auch infolge von Skelettkrankheiten wie Osteoporose

Bandscheibenvorfall

Verlagertes Bandscheibengewebe ist die Ursache schlechthin von Ischialgien. In der Tat: Bandscheibenvorfälle betreffen am häufigsten die Lendenwirbelsäule, daselbst insbesondere die Etagen vierter/fünfter Lendenwirbel (LWK 4/5) oder fünfter Lendenwirbel/erster Kreuzbeinwirbel (LWK 5/SWK 1). Die Degeneration der Bandscheiben beginnt schon sehr frühzeitig im Leben, da das Gewebe nach und nach weniger Wasser bindet, an Elastizität wie auch Festigkeit verliert und den erheblichen Druckbelastungen im Kreuz nicht mehr so gut gewachsen ist.


Es gibt verschiedene Schweregrade des Vorfalls, je nachdem, ob der Bandscheibenkern letztlich noch innerhab des umgebenden, nur leicht rissigen Faserrings in der Bandscheibe bleibt und sich deren Rand nur vorwölbt (Protrusion) oder ob er durch einen Riss hindurch heraustritt (Prolaps). Manchmal trennt er sich vollständig ab (Sequester). Die Größe des Vorfalls sagt nichts über die Beschwerden aus. Was genau passiert, lesen Sie im Ratgeber "Bandscheibenvorfall".

Bei starker Arthrose der kleinen Wirbelgelenke verdicken diese sich häufig, Wirbelbänder können infolge von Verschleiß verkalken und verplumpen. Mitunter kommt es dadurch zu einer Verengung im Wirbelkanal und zu ischiasartigen Beschwerden (siehe unten: Spinalkanalstenose).

Andere Ischiasbeschwerden

Im Verlauf des Nervs selbst – im Hüft-, Gesäß- und Oberschenkelbereich oder weiter unten am Bein – da hat sich der Nerv längt in zwei Nervenäste aufgeteilt – können ebenfalls Schmerzen auftreten. Mögliche Ursachen sind zum Beispiel Verletzungen, Hüftoperationen oder Injektionen in die Muskulatur. Mit Kreuzschmerzen hat dies je nach Ort der Schädigung allerdings wenig(er) zu tun. Wird etwa ein Hautast des Ischiasnervs getroffen, zum Beispiel bei einer oberflächlichen Spritze, können einschießende, brennende Schmerzen und Missempfindungen, später Taubheitsgefühle, auftreten.

Bei Verletzung eines Muskelastes ist eine Lähmung entsprechender Muskeln die Folge. Allmähliche Beschwerden können sich durch Ablagerung eines direkt neben dem Nerv eingespritzten Medikamentes entwickeln. Über weitere mögliche Probleme bei Spritzen ins Gesäß mehr im Kapitel "Schmerzen im Gesäß / Kreuz: Abszess, Fistel", und über ischiasähnliche Beschwerden wiederum im Kapitel "Schmerzen im Gesäß / Kreuz: Muskeln und Bänder".

Engpass im Wirbelkanal

Auch bei einer Verengung des Wirbelkanals im Kreuzbereich (lumbale Spinalkanalstenose) können ischiasähnliche Beschwerden auftreten. Allerdings äußern sie sich je nach Ursache – und hier gibt es mehrere – teilweise anders. Zunehmende Schmerzen und Ermüdbarkeit der Beine beim Gehen gehören häufig zu den Anzeichen. Der Ratgeber "Lumbale Spinalkanalstenose" beschreibt sie näher.

Was ist Wirbelgleiten?

Lockert sich ein Wirbelsäulensegment, so kann sich der Wirbelkörper – der klotzige Teil des Wirbels – mit der darüberliegenden Wirbelsäule in unterschiedlichem Maße nach vorne verlagern (Wirbelgleiten, Spondylolisthese). Im Bereich der betroffenen Wirbel kann eine Stufe entstehen. Ist die Lendenetage betroffen, kommt es verstärkt zu einem Hohlkreuz und dadurch zu schmerzhaften Muskelverspannungen.

Verschiedene Ursachen können zu Instabilität an der Wirbelsäule führen. Infrage kommen zum Beispiel Fehlbildungen wie ein Spalt in den Wirbelbögen, seltener ungewöhnlich lange Wirbelbögen, Verletzungen, Skeletterkrankungen. Bei einer angeborenen Fehlbildung des Wirbelbogens kann Wirbelgleiten schon im Kindesalter auftreten. Ist stärkerer Verschleiß die Ursache, sprechen Ärzte meist von Pseudospondylolisthese.

Eine geschrumpfte Bandscheibe ist ein buchstäblich naheliegender Grund. Bei Pseudowirbelgleiten sind die Beschwerden mitunter ausgeprägter als bei echtem Wirbelgleiten: Es treten hartnäckige Schmerzen im Kreuz und Nervenstörungen, unter anderem "Ischias"-Symptome, auf. Ärzte kennen vier Spondylolisthese-Schweregrade ("nach Meyerding").

Der Ratgeber "Wirbelgleiten" informiert Sie ausführlicher darüber.

Verknöcherung von Wirbelbändern (DISH)

Hier versteifen Teile der Wirbelsäule – häufiger der Brustwirbelsäule, mitunter auch des Lendenwirbelbereiches – durch vermehrte Knochenbildung. Eine Entzündung wie zum Beispiel bei der Bechterew-Krankheit (siehe Kapitel "Schmerzen im Gesäß/Kreuz: Bechterew & Co.") liegt jedoch nicht vor.

Die Versteifung führt zu einem Gefühl der Steifheit im Rücken, vor allem morgens, die Beweglichkeit, zum Beispiel bei der Neigung der Wirbelsäule zur Seite, lässt nach, und es kommt zu Muskelschmerzen. Wenn die Knochenanbauten den Wirbelkanal einengen, sind auch Ischiasbeschwerden möglich. Meist liegen zugleich Stoffwechselstörungen wie ein Typ-2-Diabetes, Übergewicht, Fettstoffwechselstörungen oder eine erhöhte Harnsäure im Blut vor. DISH, auch Morbus Forestier (Forestier-Krankheit), betrifft häufiger Männer als Frauen und eher ältere Menschen. Es ist absolut wichtig, begleitende Stoffwechsel- und Gewichtsprobleme in den Griff zu bekommen, um die Wirbelsäule zu entlasten. Ärzte setzen ansonsten Schmerzmittel und Physiotherapie ein. Bei Komplikationen wie Wirbelbrüchen sind häufig chirurgische Maßnahmen notwendig.

Radikulitis

Eine entzündete Nervenwurzel heißt medizinisch Radikulitis. Verantwortlich können unter anderem Erreger wie Borrelien (Neuro-Borreliose) oder Herpes-Zoster-Viren sein. Selten kann eine bakterielle Wirbelentzündung (Spondylodiszitis) die benachbarte Nervenwurzel in Mitleidenschaft ziehen.

Blutung, Durchblutungsstörung, Tumor

Diese Ursachen von Wurzelschädigungen (Radikulopathien) mit der Folge von (Lumbo-)Ischialgien sind hier nur der Vollständigkeit halber gelistet. Zu einer Blutung kann es unter anderem im Bereich der Rückenmarkshäute oder der Rückenmarksader (Arterie) kommen. Das Gefäß kann unter bestimmten Voraussetzungen aber auch verstopfen (Thrombose oder Embolie), es kommt dann statt einer Blutung zu einer Durchblutungsstörung in der hochempfindlichen Nervenwurzel (oder auch des Rückenmarks).

Auslösend können hier zahlreiche Krankheiten sein, von Gefäßstörungen infolge eines Diabetes über Gefäßentzündungen bis hin zu Krankheiten des Herzens oder der Hauptschlagader, etwa ein Aortenaneurysma. Auch ein Tumor vor Ort kann die Nervenwurzel beengen oder die Blutzufuhr drosseln.

"Ischias": Welche Symptome gibt es?

Schmerzen bei Wurzelreizungen folgen einem ganz bestimmten Ausbreitungsmuster. Schmerzen im Kreuz können bei Wurzelreizung häufig durch Husten, Niesen, Pressen und Beugen der Wirbelsäule nach vorne verstärkt werden. Vom Kreuz aus können sie außerdem in die Hüfte oder ins Gesäß und in einer Art Streifen auf der Haut vorne und seitlich oder mehr hinten am Bein ausstrahlen – bis zur Wade oder in den Fuß.

Mitunter stehen Knieschmerzen im Vordergrund. Auch Missempfindungen wie Kribbeln und Taubheitsgefühl am Bein können einem bestimmten Muster folgen. Die Beschwerden  betreffen im Allgemeinen eine Körperseite.

Manchmal kommt es auch zu einer Muskelschwäche, seltener zu einer Lähmung am Bein. Beispielsweise kann das Heranführen des Oberschenkels oder die Beugung in der Hüfte erschwert sein. Oder das Heben (Fersenstand) und Drehen des Fußes nach innen und außen oder Senken des Fußes (Voraussetzung für den Zehenstand) klappt nicht richtig. Das heißt letztlich, dass es zu Gehstörungen kommt.

Je nach zugrundeliegender Ursache können vielfältige Beschwerden auftreten, etwa andere neurologische Störungen, Gewichtsverlust, Fieber, starke örtliche Schmerzen am Rücken, eventuell eine äußerlich sichtbare Schwellung.

Diagnose bei Lumboischialgie

Über die Basisdiagnostik hinaus (siehe Kapitel "Schmerzen im Gesäß / Kreuz: Diagnose") wird der Arzt bei anhaltenden, starken oder sich verstärkenden Beschwerden, deutlichen Taubheitsgefühlen oder gar Lähmungen umgehend weitere Diagnoseschritte veranlassen. Dazu gehören vor allem eine gründliche neurologische Untersuchung und davon abhängig weitere Maßnahmen, etwa Röntgenaufnahmen und / oder eine Magnetresonanztomografie (MRT, Kernspintomografie) der Wirbelsäule, gegebenenfalls auch Laboranalysen.

Dabei geht es darum, eine mechanische Behinderung, eine Infektion oder sonstige krankhafte Veränderungen im Bereich einer beengten Nervenwurzel schnellstmöglich zu erkennen und die geeignete Therapie einzuleiten. Möglicherweise muss der Betroffene in einer Klinik weiterbehandelt werden.

"Ischias": Welche Therapie hilft

So vielfältig die Beschwerden sind, so individuell ist die Behandlung von Ischiasbeschwerden. Sie richtet sich streng nach der Diagnose. Häufig klingen die Schmerzen nach einer konservativen Schmerzbehandlung ab. Manchmal wenden Ärzte eine Injektionstherapie an. Dabei bringen sie zum Beispiel ein örtlich betäubendes Mittel in unterschiedlicher Technik an eine gereizte Nervenwurzel heran.

Bei deutlichen oder zunehmenden Anzeichen einer Nervenschädigung ist ein operativer Eingriff notwendig. Mehr über Ursachen, Diagnose und Therapie bei Lumboischialgie können Sie unter "Hexenschuss" und als Gesamtüberblick einschließlich Bandscheibenvorfall unter "Rückenschmerzen" nachlesen.

Wird bei Gesäß- oder Beinbeschwerden ein Zusammenhang mit einer Spritze vermutet, sollte unverzüglich der behandelnde Arzt hinzugezogen werden. Er kennt den Patienten in aller Regel, kann die Situation einschätzen und entsprechende Maßnahmen treffen.

 



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Bildnachweis: W&B/Szczesny
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