Menschen, die nahe am Meer leben, wie grönländische Inuit, Norweger und Japaner, erkranken seltener an chronisch entzündlichem Rheuma als Binnenlandbewohner, und Vegetarier sind besser gegen diese Krankheit gefeit als Fleischesser. Bei dem Leiden greift das Immunsystem körpereigenes Gewebe an und schädigt es. Schwellungen, Rötungen und Schmerzen sind typische Symptome. Forscher vermuten seit Langem, dass fisch- und pflanzenreiche Kost vor Rheuma schützt. Nun konnten erstmals Zusammenhänge belegt werden.
Dabei spielen zwei Fettsäuren unserer Nahrung, die beide nur in Tieren vorkommen, eine maßgebliche Rolle. Die entzündungsfördernde Arachidonsäure findet sich vor allem in Landtieren und deren Produkten wie Eiern und Milch. Als entzündungshemmende Substanz identifizierten Wissenschaftler die Fischölfettsäure, die beispielsweise in fettreichen Seefischen wie Makrele und Hering steckt. „Interessant dabei ist, dass sich diese Fettsäuren bis auf eine Doppelbindung sehr ähnlich sind.
Die Tabelle zeigt, in welchen Lebensmitteln viel Arachidonsäure enthalten ist und in welchen reichlich Fischölfettsäure
Doch dieser kleine Unterschied ist für die gegensätzliche Wirkung verantwortlich“, erklärt Rheumatologe Professor Olaf Adam von der Universität München. Zwar nehmen Arachidonsäure und Fischölfettsäure wegen ihrer Ähnlichkeit denselben Stoffwechselweg in unserem Körper, aber sie konkurrieren dabei, indem sie sich gegenseitig hemmen. Diesen Wettstreit sollten Menschen mit chronisch entzündlichem Rheuma für sich nutzen.
In einigen Arztpraxen gibt es bereits Ernährungsberater oder Diätassistentinnen, die eng mit dem Mediziner zusammenarbeiten – wie etwa bei dem Rheumatologen Dr. Reinhard Hein aus Nienburg. Er empfiehlt, dass die Patienten zunächst mindestens eine Woche lang weiter so essen sollten, wie sie das üblicherweise tun. „Dabei schreiben sie genau auf, was sie verspeisen oder was sie trinken.“ Anschließend wertet eine Ernährungsberaterin das Protokoll aus und bespricht es mit dem Patienten. Beim nächsten Treffen berät sie den Kranken. Denn eine Umstellung funktioniert nur, wenn sie mit den individuellen Essensvorlieben des Rheumakranken zusammenpasst.
„Normalerweise zeigt sich, dass zu viel Fleisch und Wurst, zu viel verarbeitete Lebensmittel wie Backwaren und Fertiggerichte und zu wenig unverarbeitete Nahrung wie frisches Gemüse, Salat und Obst auf den Tisch kommen“, berichtet Hein. Dabei braucht ein Mensch mit chronisch entzündlichem Rheuma besonders viel pflanzliche Kost, um Oxidationsprozesse, die beim Umbau der Fettsäuren stattfinden, günstig zu beeinflussen.
Das geschieht mithilfe der darin enthaltenen sekundären Pflanzenstoffe, etwa Phenole, Flavonoide und Vitamine. In diesem speziellen Fall benötigt der Körper vor allem die fettlöslichen Vitamine E und D, E aber auch das wasserlösliche Vitamin C. Mineralstoffe, insbesondere Kalzium, Selen und Zink, sind ebenso unerlässlich. Am günstigsten sind farbenreiche Gemüsesorten wie Paprika, Tomaten und Erbsen, denn sie enthalten die wertvollen Stoffe besonders reichlich. Das gilt ebenso für Früchte der Saison. Wer dagegen viel Fleisch isst, läuft zusätzlich Gefahr, seinem Körper das für den Aufbau der Knochen unerlässliche Kalzium zu entziehen.
Schweineleber enthält mit 870 Milligramm pro 100 Gramm besonders viel Arachidonsäure. Fleisch von wild lebenden Tieren oder Pflanzenfressern enthält weniger davon. „Gerade Rheumapatienten, die schon durch die Entzündungsprozesse im Körper und ihr notwendiges Kortisonmedikament von Osteoporose bedroht sind, sollten deshalb auf kalziumreiche Nahrung und ausreichend Vitamin D achten“, betont Adam.
Alle tierischen Fette – ob Butter, Sahne, Milch – enthalten Arachidonsäure. Um die gesunden Teile der Milch zu bekommen – etwa Kalzium und Eiweiß –, sollten Rheumatiker daher fettreduzierte Produkte wählen. Mit einem halben Liter fettreduzierter Milch pro Tag oder entsprechend Quark, Joghurt oder Buttermilch können sie einer Osteoporose vorbeugen. Bewegung an der frischen Luft sorgt dafür, dass der Körper ausreichend Vitamin D produziert. Wenn das nicht möglich ist, sollte der Erkrankte eine zusätzliche Zufuhr erwägen.
Zwei Mahlzeiten pro Woche mit fettem Fisch besetzen im Organismus die Wege des Gegenspielers Arachidonsäure. Ähnlich wie Fischölfettsäure wirken manche Pflanzenöle, etwa Lein- oder Walnussöl. Nüsse, besonders Walnüsse, dürfen ebenfalls nicht fehlen. Sie enthalten eine Vielzahl an Vitaminen und Mineralstoffen sowie wichtige Fettsäuren. Da die Umstellung jedem Einzelnen andere Probleme macht, folgt nach einiger Zeit des Einübens ein weiterer Termin bei Dr. Hein. Hier kommt zur Sprache, was im Alltag mit der Ernährung noch nicht wirklich funktioniert. Gemeinsam sucht man nach Lösungen.
„Bei Patienten, denen es gelingt, die Ernährungsform zu verändern und zu verbessern, sehen wir, dass die Medikamente günstiger wirken und sie weniger Kortison und Schmerzmittel brauchen“, sagt Hein. Olaf Adam konnte in einer Langzeitstudie zeigen, dass eine veränderte Ernährung die Entzündung bei Rheumapatienten hemmte. „Eigentlich hätte man nach zehn Jahren eine Verschlechterung der Gelenksituation erwartet. Das ist bei Autoimmunerkrankungen der Normalfall.“ Der Wissenschaftler weiter: „Fast alle Teilnehmer hatten nach zehn Jahren einen viel besseren Verlauf ihrer Erkrankung als prognostiziert.“
Sich gesund zu ernähren ist noch aus einem weiteren Grund wichtig: Wer an chronisch entzündlichem Rheuma leidet, hat ein deutlich erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Schlaganfall und Herzinfarkt. Hein: „Wer seine Ernährung optimiert, reduziert gleichzeitig das Risiko einer Arterienverkalkung.“
Christine Wolfrum / Apotheken Umschau;
07.06.2010, aktualisiert am 09.12.2010
Bildnachweis: Stockfood Munich GmbH, iStock/skynesher
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