Wie sich Bauch und Psyche beeinflussen

Wer an einem Reizdarm leidet, fühlt sich oft nicht ernst genommen. Doch es gibt Therapien, die helfen können

von Barbara Kandler-Schmitt, aktualisiert am 18.02.2016

Reizdarm ist kein Wehwehchen. Betroffene leiden mitunter sehr

ddp Images/Eskymaks

Stress, Ärger, Angst? Da geht es auf der Daten-Autobahn zwischen Kopf und Bauch heiß her: Stresshormone aktivieren die Nerven- und Immunzellen in der Darmwand. Die Muskulatur verkrampft sich. Die Darmnerven funken Schmerz- und Dehnungsreize an das Gehirn. Dieses registriert ein allgemeines Unwohlsein und entscheidet, dass es wohl besser wäre, eine Toilette aufzusuchen.

Überaktives Bauchhirn kann zu Reizdarm führen

Über Nervenfasern, Botenstoffe und Immunzellen stehen Psyche und Darm in regem Austausch. Einerseits aktivieren Ärger und Stress die Darmtätigkeit, andererseits rufen Verdauungsstörungen schlechte Stimmung hervor. Neuere Studien weisen zudem darauf hin, dass auch die Zusammensetzung unserer Darmflora Einfluss auf die Psyche hat.

Kommunikationszentrale ist das "Bauchhirn" – ein Netzwerk aus Mil­lionen von Nervenzellen, das die Verdauung selbstständig steuert. Über die Nervenfasern der Darm-Hirn-Achse liefert es stän­dig Informationen an das limbische System im Gehirn, wo die Gefühle verarbeitet werden. Doch wenn das Bauchhirn zu "mitteilsam" wird, leiden die Betroffenen unter Bauchschmerzen, Krämpfen, Blähungen, Durchfall oder Verstopfung. Ein Phänomen, das als Reizdarmsyndrom bezeichnet wird.


"Das Reizdarmsyndrom hat viele ­organische Ursachen mit definierten Störungen im Darm oder Gehirn", erläutert Professor Michael Schemann vom Lehrstuhl für Humanbiologie an der Technischen Universität München. ­­"Einige Patienten haben in der Darmschleimhaut unterschwellige Entzündungen." Die Entzündungszellen dort setzen Botenstoffe wie Serotonin, His­tamin und Proteasen frei, welche die Nervenzellen des Darmhirns und der Darm-Hirn-Achse sensibilisieren und die Schmerzempfindlichkeit im Verdauungstrakt erhöhen.

Betroffene fühlen sich trotz des hohen Leidensdrucks oft nicht ernst genommen. "Leider haben wir in Kliniken und Praxen noch keine geeigneten Instrumente und Biomarker, um die in der Grundlagenforschung festgestellten feinen Veränderungen nachzu­weisen und spezifisch behandeln zu können", bedauert Professor Thomas Frieling, Internist und Neurogastroenterologe am Helios-Klinikum Krefeld.


"Reizdarm ist nicht gleich Reizdarm"

Die Ursachen können ganz unterschiedlich sein: "Reizdarm ist nicht gleich Reizdarm", betont Frieling. So reagieren einige Patienten empfind­licher auf äußere Einflüsse und sind ängstlicher. "Hier wird eine verän­derte zentrale Reizverarbeitung im Gehirn vermutet", sagt er. "Dies bedeutet aber nicht, dass eine psychische Erkrankung vorliegt." Andere Betroffene weisen, oft nach Magen-Darm-Infekten, eine unterschwel­lige Entzündung mit vermehrten Immunzellen in der Darmwand auf, was Blähungen und Stuhlveränderun­gen verursachen kann. Wieder andere reagieren auf Nahrungsbestandteile mit einer Unverträglichkeit.

Viele Betroffene versuchen, ihre Beschwerden erst einmal in Eigen­regie zu behandeln. Roland Schmitt, Apotheker aus Nürnberg, empfiehlt dann zunächst pflanzliche Arzneimittel: "Kombinationspräparate und Magen-Darm-Tees lindern Krämpfe sowie Blähungen und regulieren die Bewegungen der Darmmuskulatur." Halten die Beschwerden länger an oder kommen Gewichtsabnahme und Fieber dazu, rät er zu einem Arzt­besuch: "Ernste Erkrankungen müssen ausgeschlossen werden."

Die Kunst des Arztes ist es, im Einzelfall die Ursache herauszufinden. "Um Krebserkrankungen, Entzündungen und Infektionen auszuschließen, sollten alle Patienten eine Darmspiegelung machen lassen und Frauen gynäkologisch untersucht werden", sagt Frieling. Vor allem bei Durchfall müsse gleich zu Beginn eine intensive Diagnostik erfolgen.

Derzeit können Ärzte nur die Symptome lindern. "Eine Wunderpille ­gegen Reizdarm wird es nie geben", ist Frieling sicher. Bei seinen Patienten probiert er deshalb verschiedene Therapiestrategien aus und beobachtet, was ihnen am besten hilft.

Klinisch lassen sich die Betroffenen je nach vorherrschenden Symptomen in den Schmerz-, Bläh-, Verstopfungs- oder Durchfalltyp einteilen. Stehen Blähungen im Vordergrund, sind Entschäumer, pflanzliche Mittel und Pro­­biotika einen Versuch wert. "Manchmal siedeln sich Dickdarmbakterien im Dünndarm an. Sie erzeugen durch die Vergärung von Kohlenhydraten Blähungen und können mit Antibiotika behandelt werden", schildert Frieling. Bei Schmerzen lassen sich krampflösende Mittel, Phytotherapeutika und Probiotika einsetzen. "Niedrig dosierte Anti­depressiva normalisieren das bei einigen Patienten verstärkte Schmerzempfinden", erklärt er.

Stress ist schlecht – auch für den Darm

Wie bei anderen organischen Erkrankungen empfehlen Ärzte eine gesunde Lebensführung mit Gewichts­reduktion, Bewegung und ausgewogener Ernährung. Apotheker Schmitt rät seinen Kunden zudem, Stress abzubauen und sich regelmäßig zu entspannen. Professor Paul Enck, Psychophysiologe am Univer­si­täts­klinikum Tübingen, bestätigt: "Zwar verursacht Stress kein Reizdarm­syndrom, er kann aber wie Depres­sionen und Ängste das Krankeitsbild verschlechtern." Psychotherapeutische Maßnahmen seien Untersuchungen zufolge ebenso wirksam wie Medikamente. Enck betont: "Der Patient muss allerdings dazu bereit sein."


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