Seit Jahren rätseln Mediziner über die Ursachen des Reizdarmsyndroms, das mit chronischen Verdauungsbeschwerden wie Blähungen, Bauchschmerzen und -krämpfen, Durchfall oder Verstopfung einhergeht. Betroffene haben einen hohen Leidensdruck, da ihre Lebensqualität stark eingeschränkt ist. Eindeutige Ursachen der Erkrankung lassen sich nicht finden, und so vertrösten Ärzte die Patienten häufig mit der Diagnose „psychosomatisch“. Medikamentöse Therapien beschränken sich bisher darauf, die Symptome einigermaßen einzudämmen.
Jetzt sind Wissenschaftler einen kleinen Schritt weitergekommen. Untersuchungen haben gezeigt, dass Darminfektionen mit Salmonellen noch Jahre später für ein Reizdarmsyndrom verantwortlich sein könnten. Schätzungen zufolge, die auf einer international angelegten Internet-Umfrage unter Patienten beruhen, gehen etwa 18 Prozent aller Reizdarmerkrankungen weltweit auf eine Salmonellen-Infektion zurück.
„Wir haben daraufhin Patienten beobachtet, die früher nachweislich einmal eine schwere bakterielle Darminfektion überstanden haben“, sagt Professor Dr. Paul Enck, Forschungsleiter der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Tübingen. Das Ergebnis: Jeder Zehnte von ihnen klagte später über chronische Reizdarmbeschwerden. Krank machende Keime wurden bei keinem Patienten mehr nachgewiesen.
Vor allem schwerere Infektionen wie Salmonellosen stehen im Verdacht, solche Spätfolgen nach sich zu ziehen. „Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein, weil viele Fälle gar nicht erfasst werden“, vermutet Enck, der von jährlich etwa 300.000 Salmonellen-Infektionen in Deutschland ausgeht. Aus Angst vor einer Quarantäne würden viele Patienten nicht zum Arzt gehen. Um weitere Erkenntnisse zu erhalten, möchte er Patienten mit einer Salmonellen-Infektion gezielt ansprechen und über eine Internetseite informieren (www.postinfectious-ibs.eu; www.apotheken-umschau.de übernimmt keine Haftung für die Inhalte externer Internetseiten). Ein Fragebogen könnte zusätzlich wichtige Daten liefern, die den Wissenschaftlern helfen, mehr über das Reizdarmsyndrom zu erfahren.
Auch Forscher um den Humanbiologen Professor Michael Schemann haben neue Erkenntnisse über die schwer greifbare Erkrankung gewonnen. Das Team der Technischen Universität München konnte nachweisen, dass winzige, durch bildgebende Verfahren nicht erkennbare Entzündungen in der Darmschleimhaut Reizdarmsymptome hervorrufen. Dass solche Mikroentzündungen bei vielen Patienten vorhanden sind, war bekannt. Die Münchner zeigten aber, dass die dadurch freigesetzten körpereigenen Stoffe, welche die Entzündung aufrechterhalten – sogenannte Entzündungsmediatoren –, tatsächlich funktionelle Änderungen hervorrufen. „Diese spiegeln sich in einer Aktivierung der Darmnerven wider“, sagt Schemann. Um den Mechanismus nachzuweisen, haben die Münchner Forscher Proben der Darmschleimhaut von Patienten im Labor untersucht und die Mediatoren extrahiert. Anschließend wurden diese auf Gewebeproben mit Darmnerven von Gesunden aufgebracht. Ergebnis: Alle Proben zeigten eine Nervensensibilisierung. „Das war der Nachweis, dass die organische Störung auch eine funktionelle Auswirkung hat“, erklärt Schemann.
Da die verantwortlichen Entzündungsmediatoren von Mastzellen freigesetzt werden, vermuteten die Forscher, dass sich mithilfe entsprechender Medikamente eine Besserung bei den Patienten erzielen ließe. Eine Untersuchung Amsterdamer Wissenschaftler, die eng mit den Münchnern zusammenarbeiten, weist in diese Richtung: Ein antiallergischer Wirkstoff, ein sogenannter Mastzellstabilisator, verringerte bei einem Großteil von Testpatienten die Beschwerden.
Schemann und seine Kollegen wollen jetzt herausfinden, über welche Mechanismen die Nerven durch die Botenstoffe aktiviert werden und welche Rezeptoren dabei eine Rolle spielen. Dann könne man ganz gezielt Medikamente dagegen entwickeln. Allzu große Erwartungen dämpft Schemann jedoch: „Es wird vermutlich kein Medikament geben, das allen Patienten gleichermaßen hilft. Dazu ist die Erkrankung zu vielschichtig.“
Christian Krumm / Apotheken Umschau;
21.01.2011, aktualisiert am 06.05.2011
Bildnachweis: Thinkstock/Hemera
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