Zehn Meter hohe Wellen prallen gegen den Schiffsrumpf. Der Kreuzfahrtriese senkt sich, hebt sich, schaukelt auf der stürmischen See hin und her. An nahezu jedem Geländer, jedem Treppenabsatz und in jedem Aufzug hängen Spuckbeutel. Die Schiffsbesatzung weiß, was in solch brenzligen Situationen schnell passiert. Und tatsächlich: Zum Frühstück tauchen gerade einmal 400 von rund 1500 Passagieren auf. Der Rest nimmt mit der Kajüte vorlieb. Simone und Alexander Emmerich haben zum Glück keine Probleme mit der gefürchteten Seekrankheit. Sie gehören zu den 400 „Seebären“, die trotz starken Seegangs Rühreier mit Speck genießen.
Das junge Ehepaar aus dem hessischen Lautertal verbrachte gerade seine Flitterwochen auf einem Luxusliner, als sie vor der Küste Kolumbiens von einem Sturm überrascht wurden. Simone Emmerich erinnert sich noch gut an diesen Zwischenfall: „Wir mussten den nächsten Hafen anlaufen, weil dem Schiffsarzt die Medikamente gegen Seekrankheit ausgegangen waren!“
Die Seekrankheit, eine Form von Reiseübelkeit, vermasselt so manchem den Schiffstörn. Sie äußert sich unter anderem mit Schwindel, Übelkeit und Erbrechen. Der Grund: Schaukelt der Pott von Welle zu Welle, kommt das Gleichgewichtsorgan durcheinander und bewirkt, dass manche unfreiwillig „die Fische füttern“. Vorbeugend helfen Medikamente, die zum Beispiel Dimenhydrinat enthalten. Wer die Mittel etwa eine halbe Stunde vor dem Anker lichten einnimmt oder rechtzeitig, bevor der Kapitän hohen Seegang anmeldet, ist die nächsten Stunden geschützt. Einziger Nachteil: Solche Tabletten oder Kaugummis machen oft müde. Alternativ kauen manche Ingwerbonbons. Wer plötzlich fühlt, dass ihm schlecht wird, geht am besten ans Deck, atmet langsam ein und aus und fixiert einen Punkt am Horizont. Auch empfehlenswert: hinlegen. Und zwar vorzugsweise in der Mitte des Schiffs.
Die Seekrankheit hängt wie ein Damoklesschwert über jenen, die sich auf einem kleinen Expeditionsschiff in die Arktis oder Antarktis trauen. Denn diese Gegenden sind bekannt für ihre raue See. Außerdem gleicht ein Schiff überschaubarer Größe schweren Seegang nicht so gut aus wie ein 1000-Kabinen-Kreuzer. „Auf einem großen Kreuzfahrtschiff kommt die Seekrankheit aufgrund der Statik des Schiffes eher selten vor“, sagt auch der Schiffsarzt Dr. Ralph-Michael Schulte aus eigener Erfahrung. Es sei denn ein karibischer Sturm überrascht die Passagiere.
Wer den Nil auf einem nostalgischen Kahn erkundet, fürchtet eher den Fluch des Pharao. Sprich: Reisedurchfall. Touranbieter und Reiseführer warnen stets davor, ungeschältes Obst, Salat, Leitungswasser oder kalte Speisen anzurühren. Denn über kontaminierte Lebensmittel können Magen-Darm-Keime wie Escherichia coli oder Noroviren in den Verdauungstrakt gelangen. Die Toilette wird dann nicht selten zum Hauptaufenthaltsort der Reise. Wirkstoffe wie Loperamid sind bei infektiösen Duchfällen nur bedingt geeignet: Sie stoppen zwar die Diarrhoe, verhindern aber damit auch, dass der Erreger flott aus dem Darm befördert wird. Sie sollten daher nur kurzfristig eingesetzt werden. Das Wichtigste ist, ausreichend Wasser oder Tee zu trinken und verloren gegangene Elektrolyte zuzuführen. Letzteres gelingt etwa mit speziellen Elektrolytlösungen aus der Apotheke.
Das Problem bei einer Magen-Darm-Infektion: Sie kann sich auf einem Schiff schnell ausbreiten. Schulte, im normalen Leben Gerichtsmediziner und Neurologe in Gemmrigheim, kennt das aus 28 Jahren Kreuzfahrterfahrung nur zu gut: „Reisende haben an Bord engen Kontakt zu anderen Passagieren, zudem halten sie sich oft nicht an hygienische Vorsichtsmaßnahmen.“ Im Gegensatz zu US-amerikanischen Touristen würden sich Europäer etwa nicht automatisch die Hände desinfizieren – obwohl genügend Handbrausen und Desinfektionsmittel zur Verfügung stünden. Viele benützen keine Greifzangen am Büffet, sondern langen mit der Hand zu. Wer Durchfall hat, sollte eigentlich in der Kabine bleiben, den Kontakt zu anderen meiden. Doch wer will das schon im Urlaub. Die Durchfallerreger freut solch ignorantes Verhalten. Sie finden leicht das nächste Opfer.
Neben Magen-Darm-Problemen passiert es an Bord recht häufig, dass jemand eine Erkältung oder Blasenentzündung bekommt oder sich verletzt. Wichtig ist in jedem Fall, nicht blind auf die medizinische Ausstattung des schwimmenden Hotels zu vertrauen. Schiffsarzt Schulte musste schon mit einer minimalen Notfallausrüstung klar kommen. Andererseits erblickte er auch modernste Schiffshospitäler, die mit Röntgenapparaturen, Ultraschallgeräten und mobilen Intensivstationen ausstaffiert waren. „Generell gilt: Je größer das Schiff, desto mehr medizinisches Equipment an Bord“, weiß der Mediziner.
Wer eine Kreuzfahrt plant, sollte daher eine gut sortierte Reiseapotheke einpacken. Was gehört hinein? Auf jeden Fall je ein Mittel gegen Seekrankheit, Durchfall und Schmerzen. Ein Sonnenschutzmittel mit hohem Lichtschutzfaktor darf nicht fehlen, da die UV-Belastung auf See sehr intensiv ist. Weil es an der Reling bisweilen etwas rutschig zugeht, gehören auch Pflaster, sterile Kompressen und Mullverbände in die Reiseapotheke.
Wer dauerhaft Medikamente einnimmt, muss sie unbedingt in ausreichender Menge mitnehmen. „Ich empfehle, das Anderthalbfache der normalerweise benötigten Menge einzupacken“, rät Schulte. Wer also zehn Tage unterwegs ist, sollte sich für zwei Wochen eindecken. Die Hintergründe: Deutsche Arzneimittel sind nicht automatisch auch im Ausland erhältlich. Medikamente können dort anders zusammengesetzt sein. Oder das Schiff befindet sich auf hoher See, weitab von Apotheken oder Krankenhäusern. Im Frühjahr 2010 saßen zum Beispiel Passagiere vor Island fest. Einigen gingen die Medikamente aus, die Crew konnte – trotz aller Mühe – keinen Ersatz beschaffen. Schuld war der Asche spuckende Vulkan.
Der Kreuzfahrtexperte rät außerdem, dass Passagiere alle Medikamente auflisten, die sie regelmäßig benötigen. Dazu das genaue Therapieschema sowie wichtige Befunde einer chronischen Krankheit. Ein Diabetiker- oder bei der Einnahme von Blutgerinnungshemmern ein Antikoagulantienpass darf ebenfalls nicht fehlen. Die Arzneimittelnamen sollten nicht nur auf deutsch, sondern mit ihrer international gültigen Bezeichnung aufgeschrieben werden. Anhand dieser Informationen kann ein Schiffsarzt im Notfall schnell eingreifen.
Wer alle potenziellen „Zwischenfälle“ einkalkuliert hat, kann – ganz wie die Emmerichs – die schönen Seiten einer Kreuzfahrt genießen. „Auf unser Karibiktour haben wir es uns so richtig gut gehen lassen und ausgespannt“, sagt Simone Emmerich.
Dr. Martina Melzer / www.apotheken-umschau.de;
05.08.2010, aktualisiert am 29.06.2011
Bildnachweis: Fotolia/Sergio Jerez/2010, Fotolia/Jason Row/2010
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