Thema: Psychologie

Wie kommt man mit einem Narzissten klar?

Ich, ich, ich. Narzissten glauben, dass sich die Welt nur um sie dreht. Tipps, wie man sich Egomanen gegenüber am besten verhält

von Sonja Gibis, aktualisiert am 26.02.2016

"Ich seh' toll aus": Narzissten lieben es, Selfies von sich zu machen

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"Wanderer wegen Selfie-Stange vom Blitz erschlagen." Hinter der Meldung aus Wales vom vergangenen Sommer steht ein tragischer Unfall. Dennoch muss der Leser unwillkürlich lächeln. Das digitale Selbstporträt – mittlerweile gerne auch mit einer Stange samt Handyhalterung aufgenommen – ist das moderne Symbol des Narzissmus. Und der fordert offenbar bereits erste Todesopfer.

Kaum eine Diagnose ist so in die Umgangssprache eingesickert wie die Selbstliebe des griechischen Jünglings Narziss, der in sein Spiegelbild vernarrt war. Selbstdarsteller im Internet, Egomanen auf der Chefetage, Rampensäue in Reality-Shows: Wohin man blickt, überall fühlt man sich von Narzissten umstellt. Leidet unsere Gesellschaft an einer kollektiven Persönlichkeitsstörung? Narzissmus-Experte Professor Claas-Hinrich Lammers bezweifelt das.


Selbstvertrauen stärkt die Psyche

"Viele Eigenschaften, die man heute gern narzisstisch nennt, sind durchaus gesund", erklärt der Chefarzt für Psychiatrie am Asklepios-Klinikum Nord in Hamburg. So macht Selbstvertrauen psychisch stabil. Wer die Schuld für einen Misserfolg eher bei anderen sucht, steckt Rückschläge besser weg. Manche mag so ein Verhalten nerven. "Doch nicht jeder, der stört, ist auch gestört", sagt Lammers. Sogar der narzisstische Dauer-Poster auf Facebook – laut Lammers selbst nur ein Mythos. Studien stellten fest: Personen, die im Netz viele Fotos von sich veröffentlichen, sind nicht selbstvernarrter als andere.

Doch macht bekanntlich die Dosis das Gift – oder in diesem Fall den psychischen Defekt. Der Übergang zum Krankhaften ist fließend. Bei Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung wächst sich die Eigenliebe zur Ich-Sucht aus. Der pathologische Narzisst hält sich für großartig, ohne Großartiges zu leisten. Sein Inneres ist angefüllt mit Fantasien von grenzenlosem Erfolg, von Macht und Schönheit. Dabei ist ihm Empathie völlig fremd. Die Menschen um ihn herum erfüllen vor allem einen Zweck: ihm zu spiegeln, wie grandios er ist.

Psychologen kennen allerdings auch den Narzissten im Schafspelz. Dieser verdeckte, verletzliche Typ gibt sich bescheiden, wirkt unsicher. Innerlich lebt er ebenso in dem Wahn, einzigartig und überragend zu sein.


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"Narzissmus ist eine Maske"

Generell stimmen bei Narzissten Gefühlswelt und Selbstbild nicht überein. Egal ob sie ihr gigantisches Ego ungeniert der Außenwelt präsentieren oder es verborgen zelebrieren – dahinter stecken verletzte Kinderseelen, die nach Anerkennung hungern. "Narzissmus ist eine Maske", sagt Experte Lammers. Die Fantasien von Großartigkeit sollen die inneren Brüche kitten, genauso wie die Bestätigung, nach der der Narzisst lechzt.

Deshalb kann er eines nicht ertragen: Kritik. So leidenschaftlich er andere abwertet, so empfindlich ist er selbst. Sticht jemand in sein aufgeblähtes Ego, platzt er. Der oberflächliche Charme weicht Aggression und Bösartigkeit. Wer es mit einer stark narzisstischen Person zu tun hat, bekommt das zu spüren. Zum Beispiel am Arbeitsplatz.

Kritik gut verpacken

Professor Rainer Sachse, Leiter des Instituts für Psychologische Psychotherapie in Bochum, hat sich intensiv damit befasst, wie man mit solchen Chefs und Kollegen klarkommt. Ein Tipp, wenn man Kritik äußern will: den Narzissten füttern. Und zwar mit Lob und Anerkennung. Dabei könne man gar nicht dick genug auftragen. "Ein Narzisst wird niemals satt", sagt Sachse. Und Fehler, die man ansprechen möchte, sollte man als kleine Versehen darstellen.

Wird man trotzdem Opfer eines Wutausbruchs, hilft es gelassen zu bleiben und sich zu sagen: "Ich bin nicht persönlich gemeint. Er kann nicht anders." Schließlich ist die Arroganz eines selbstherrlichen Chefs nur Fassade. Je größer die Selbstzweifel, desto größer das Bedürfnis, andere fertigzumachen. Das generelle Rezept im Umgang mit einem Narzissten heißt: Akzeptanz. Ihn ändern, zur Einsicht bringen, einen Kontakt herstellen – alles sinnlose Versuche.

Narzissten tun sich mit Beziehungen schwer

Fast überflüssig zu erwähnen, dass ein Narzisst nicht der ideale Busenfreund ist. Echte Nähe macht ihm Angst, Beziehungen bleiben oberflächlich – auch weil andere schnell auf Abstand gehen. Professor Mitja Back, Psychologe an der Uni Münster, hat untersucht, wie Narzissten wirken: Bei flüchtigen Bekanntschaften kommen sie gut an, erscheinen witzig, charmant, schillernd. Die Sympathie weicht aber bald der Ablehnung.

Psychotherapeut Sachse will den Narzissten in Sachen Freundschaft dennoch nicht verloren geben – zumindest wenn er nicht stark gestört ist. "Das sind teils interessante, humorvolle Menschen", betont der Experte. Nur sollte man nicht gerade im selben Beruf arbeiten, um Hahnenkämpfe zu vermeiden. Wichtig ist zudem: von Anfang an klare Grenzen setzen. Sonst saugt der Narzisst einen aus. Die emotionale Ausbeutung ist auch das größte Problem in einer Partnerschaft mit einem Narzissten. Dennoch kann solch eine Beziehung länger stabil bleiben – vor allem wenn der andere Partner unsicher an dem Narzissten klammert und so unaufhörlich dessen Ego streichelt.

Herausforderung für Therapeuten

Oft kommt aber der Tag, an dem etwa die geduckte Ehefrau sagt: "Na, du toller Hecht? Ab jetzt kannst du alleine toll sein." Dann ist es nicht selten der Narzisst, der in eine Krise rutscht. Bei Misserfolg bröckelt das Gefühl der eigenen Größe, ein schwarzes Loch lauert. Manche fliehen in die Sucht oder begehen sogar Suizid.

In so einer Situation landet auch ein Egomane mal in der Praxis eines Psychologen. Allerdings nicht, um sich von seinem Narzissmus heilen zu lassen. Für den Therapeuten ist dieser Patient eine Herausforderung. "Manche versuchen es mit Konfrontation", sagt Psychiater Lammers. Doch das erträgt das empfindliche Ego nicht. Schnell ist für den Narzissten klar: Der Therapeut taugt nichts.

Die Behandlung kann nach Lammers’ langjähriger Erfahrung aber Erfolg haben, wenn es dem Therapeuten gelingt, Nähe herzustellen. Das geht nur über Sympathie. "Man muss Narzissten mögen", sagt der Psychiater. Hat man gelernt, die Verletzlichkeit hinter der Maske zu sehen, gelinge das durchaus. Hat der Narzisst Vertrauen gefasst, kann auch er dazulernen – zum Beispiel etwas über seine wahren Bedürfnisse. Denn letztlich will auch er, dass man ihn mag und akzeptiert. Selbst wenn er nichts Großartiges leistet.


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