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Synästhesie: Wenn die Sinne sich vermischen

Bei Synästhesie verschwimmen die Grenzen zwischen den einzelnen Sinneswahrnehmungen. Geräusche können dann eine feste Form und Farbe haben.


Manche Synästhetiker hören Musik in Farbe

Welche Farbe hat ein Samstag? Wie hört sich ein Picasso an? Und wonach riecht "Yesterday" von den Beatles? Für die meisten Menschen machen diese Fragen wenig Sinn. Für Synästhetiker dagegen schon. Die Grenzen zwischen einzelnen Sinneswahrnehmungen sind bei ihnen zum Teil aufgehoben.

"Bei Synästhesie lösen bestimmte Reize zusätzliche Wahrnehmungen aus", erklärt die Biologin Janina Neufeld. Sie ist Mitglied der Arbeitsgruppe Synästhesieforschung an der Medizinischen Hochschule Hannover.


So aktiviert Musik bei einigen Synästhetikern nicht nur die Gehörzentren im Gehirn, sondern auch die fürs Sehen zuständigen Bereiche. Die Betroffenen können dann beispielsweise jedem Klang eine ganz bestimmte Farbe zuordnen. So etwas bezeichnet man als Farbenhören. Im Prinzip können alle Sinne miteinander gekoppelt sein. Das Farbenhören gehört aber zu den häufigeren Formen der Synästhesie. Klänge, Geräusche, aber auch gesprochene Wörter lösen dabei bestimmte Farbvorstellungen aus.

Unbegrenzt viele Möglichkeiten

Zahlen, Buchstaben und Wochentagen werden ebenfalls oft in einer bestimmten Farbe wahrgenommen. Der Samstag erscheint dann beispielsweise blau, der Buchstabe "A" hat immer die Farbe Rot. Auch Emotionen können synästhetische Sinneseindrücke auslösen.

Dabei nimmt jeder Synästhetiker die Umwelt anders wahr. Für den einen ist eine Zahl immer gelb, dem anderen erscheint sie grün. Im übrigen hat auch jeder Nicht-Synästhetiker seine eigene, subjektive Wahrnehmung. Niemand sieht, hört, schmeckt oder riecht genau dasselbe wie seine Mitmenschen.

Jeder Mensch hat feste Assoziationen. Oft hat man beispielsweise beim Hören seiner Lieblingsmusik bestimmte Bilder vor Augen. Dabei handelt es sich jedoch nicht um Synästhesie. Solche Vorstellungen sind nie völlig gleich, synästhetische Wahrnehmungen dagegen schon. Sie lassen sich auch nicht einfach abstellen oder ausschalten. Nur dann spricht man von einer genuinen Synästhesie.

Wie Synästhesie erlebt wird

Die Künstlerin Christine Söffing ist eine genuine Synästhetikerin: "Wenn ich Klänge, Stimmen oder Geräusche höre, habe ich eine klare Vorstellung davon, welche Farbe und Form sie haben und aus welchem Material sie bestehen", sagt sie. Das gleiche nimmt sie auch bei Gerüchen und Geschmäckern wahr.

Viele Menschen würden diese Eindrücke als Zusatzinformationen empfinden. Doch für Söffing sind sie normal und selbstverständlich. Sie kennt es nicht anders. Eine Synästhesie ist in der Regel angeboren. Viele Synästhetiker leben mit ihrer Veranlagung, ohne zu wissen, dass ihre Sinneswahrnehmung sich von anderen unterscheidet.

Die meiste Zeit nimmt Christine Söffing ihre synästhetischen Eindrücke auch gar nicht besonders wahr. "Nur in Ausnahmefällen, wenn ich zum Beispiel einen Klang mit einer besonders schönen Form höre, achte ich darauf", sagt sie.

Der innere Monitor

Die meisten Synästhetiker nehmen ihre Eindrücke wie vor einem inneren Monitor im Kopf wahr. "Man spricht hier von der Gruppe der Assoziatonssynästhetiker", sagt Janina Neufeld. Daneben gibt es noch die Projektionssynästhetiker. Sie projizieren ihre zusätzlichen Wahrnehmungen direkt auf den Gegenstand, der diese auslöst. Die Zahl neun an der Tafel hat dann etwa einen blauen Hintergrund oder ist von einem bläulichen Schimmer umgeben. Auch das ist bei jedem Synästhetiker anders.

Das breite Spektrum macht es der Wissenschaft schwer, das Phänomen zu erforschen. Wie viele Menschen überhaupt betroffen sind, ist nicht eindeutig geklärt. Vermutlich kommt Synästhesie häufiger vor, als man lange Zeit annahm. "Nach einer neueren Schätzung sind etwa vier Prozent der Bevölkerung Synästhetiker", so Neufeld.

Wie ensteht Synästhesie?

Wie Synästhesie entsteht, kann bislang ebenfalls nur vermutet werden. "Es gibt Belege dafür, dass die Gehirne von Säuglingen stärker vernetzt sind als bei Erwachsenen", erklärt Janina Neufeld. Erst im Laufe der Zeit löst sich ein Teil dieser Verbindungen und die Spezialisierungen zwischen den Gehirnregionen bilden sich deutlicher heraus.

Bei Synästhetikern sind möglicherweise mehr Verbindungen zwischen den Wahrnehmungszentren erhalten. Eine andere Theorie lautet, dass sie die vorhandenen neuronalen Bahnen einfach auf eine andere Weise nutzen als der Durchschnitt. Die Gehirnforschung erhofft sich hier von zukünftigen Untersuchungen mehr Aufklärung.


Sind Sie Synästhetiker?

Synästhesie tritt oft gehäuft innerhalb von Familien auf. Wahrscheinlich spielt deshalb Vererbung eine große Rolle bei der Entstehung. Doch die Gene scheinen nicht allein verantwortlich zu sein. So kann bei eineiigen Zwillingen, die ja exakt die selben Erbanlagen besitzen, der eine Synästhetiker sein, der andere dagegen nicht.

Kreativer und intelligenter?

Mit Synästhesie wird eine Vielzahl von Eigenschaften verbunden. Wissenschaftlich bewiesen sind die wenigsten. So sollen Menschen mit synästhetischer Veranlagung überdurchschnittliche Gedächtnisleistungen zeigen, da sie sich beispielsweise über Farbzuordnungen leichter Zahlenfolgen merken können. Studien kommen allerdings zu einem zwiespältigen Ergebnis. Bei einer Studie hatten Synästhetiker bei Gedächtnisaufgaben keinen Vorteil, bei einer anderen nur in bestimmten Bereichen. "Im Einzelfall kann Synästhesie zu besseren kognitiven Leistungen führen, doch verallgemeinern lässt sich das nicht", folgert Neufeld.

Ähnlich sieht es mit der Behauptung aus, Menschen mit Synästhesie seien überdurchschnittlich kreativ. Zwar ergreifen sie überdurchschnittlich oft einen kreativen Beruf ergreifen, doch letzten Endes ist die Vielfalt unter Synästhetikern einfach zu groß, um solche Aussage zu pauschalisieren.

Jede Wahrnehmung ist subjektiv

Auf jeden Fall ist Synästhesie keine Krankheit. Sie kann sogar das Leben bereichern. "Die meisten Menschen gehen wie selbstverständlich davon aus, dass alle dasselbe wahrnehmen wie sie", sagt Christine Söffing. "Synästhetiker wissen, dass das nicht der Fall ist. Man lernt mehr Rücksicht auf andere Meinungen zu nehmen."



Stephan Soutschek / www.apotheken-umschau.de; 15.06.2011, aktualisiert am 20.06.2011
Bildnachweis: iStock/Alex Bond, ZoneCreative

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