Depressionen, Burn-out, Angststörungen oder persönliche Krisen können eine psychotherapeutische Behandlung notwendig machen. Das Problem, überhaupt einen freien Platz bei einem Therapeuten zu ergattern, ist das eine. Schwierig gestaltet sich auch die Frage, welches Verfahren das richtige für einen ist.
Fünf therapeutische Verfahren sind wissenschaftlich anerkannt: Verhaltenstherapie, analytische und tiefenpsychologische Psychotherapie sowie Gesprächspsychotherapie und systemische Therapie. Allerdings werden nur die ersten drei von den gesetzlichen Krankenkassen bezuschusst. „Jeder Therapeut hat ein bestimmtes Verfahren als Schwerpunkt“, sagt Dr. Nikolaus Melcop, Präsident der Psychotherapeutenkammer (PTK) Bayern. Die meisten beziehen aber Elemente anderer Verfahren in die Praxis mit ein.
Welches Verfahren soll ich wählen?
Ein objektives, verallgemeinerbares Entscheidungskriterium gibt es nicht. Welche Therapieform sich jeweils eignet, hängt von den individuellen Voraussetzungen des Betroffenen ab, von der psychischen Problematik, vom Leidensdruck. Wichtig sind aber auch die Interessen und persönlichen Neigungen des Patienten: Möchte er seine Vergangenheit aufarbeiten oder in erster Linie die Probleme im Hier und Jetzt bekämpfen? Will er mit aktiven Übungen im Alltag arbeiten oder soll das Gespräch in der Therapeutenpraxis das Zentrum der Behandlung sein? Ein Kriterium ist aber nicht nur das Schwerpunktverfahren des Therapeuten, sondern auch auf welche psychischen Erkrankungen er spezialisiert ist.
„Der Beziehungsaspekt ist ebenfalls wichtig“, sagt Melcop. Das bedeutet: Kommen Patient und Therapeut überhaupt miteinander klar? Ein Vertrauensverhältnis zwischen beiden ist Voraussetzung für einen Erfolg. Stimmt die Chemie nicht, macht ein Wechsel Sinn. Patienten haben das Recht auf Probetermine. Sie dienen dem gegenseitigen Kennenlernen und der Festlegung auf ein Therapieziel. Die gesetzlichen Kassen zahlen bis zu fünf dieser Sitzungen, bei der analytischen Psychotherapie bis zu acht. Voraussetzung ist aber, dass der Therapeut über eine Kassenzulassung verfügt. Die Probesitzungen können bei unterschiedlichen Behandlern stattfinden.
Eines müssen sich Patienten vor Therapiebeginn noch bewusst machen: Der Therapeut ist kein Arzt, der einem ein Medikament verabreicht und man wird wieder gesund. Für den Heilungserfolg muss der Behandelte selbst aktiv mitarbeiten, vor allem an sich selbst. Das gilt für alle Verfahren. Deshalb sollte man sich schon vorab überlegen, welche Ziele man in der Therapie überhaupt erreichen möchte.
Verhaltenstherapie
Bei der Verhaltenstherapie steht weniger die Vergangenheit, sondern das gegenwärtige Erleben und Verhalten des Patienten im Mittelpunkt der Behandlung. Aktuelle Leiden beruhen zum Teil auf eingefahrenen Vorstellungen und Reaktionsmuster, die die Betroffenen im Laufe des Lebens herausgebildet haben. Diese sind jedoch auch mit therapeutischer Hilfe veränderbar. Dazu analysieren Therapeut und Patient gemeinsam das Problem und erarbeiten Veränderungsmodelle. Wer beispielsweise unter einer Phobie leidet, soll im Laufe einer Verhaltenstherapie lernen, mit seinen Ängsten besser umzugehen. Das geschieht meist in Form von kleinen Alltagsaufgaben, die der Therapeut dem Patienten zwischen den Sitzungen aufgibt. Dazu ist eine hohe Eigenmotivation und die Bereitschaft, im Alltag aktiv an der Lösung der eigenen Probleme zu arbeiten, notwendig.
Analytische Psychotherapie
Dieses Verfahren geht auf Sigmund Freud zurück, den Begründer der Psychoanalyse. Es geht davon aus, dass der Mensch in der Kindheit und im Laufe seiner Entwicklung bestimmte Prägungen erfährt und entsprechend mit Herausforderungen oder Konflikten umgeht. Psychische Erkrankungen können das Resultat nicht bewältigter Entwicklungsschritte, aber auch innerer Konflikte oder traumatischer Erlebnisse sein. Der Therapeut nimmt bei der Behandlung eine neutrale Rolle ein. Seine Aufgabe besteht darin, dem Patienten das Verdrängte bewusst zu machen. Das geschieht meist mit der Methode der freien Assoziation. „Der Patient liegt typischerweise auf einer Couch, der Therapeut sitzt außerhalb seines Blickfeldes hinter ihm“, erklärt Dr. Bruno Waldvogel, Therapeut und Psychoanalytiker in München. Die Sitzungen verlaufen offen, der Patient erzählt, was ihm gerade einfällt. Auf diese Weise wiederholen sich während der Therapie typische Denk- und Beziehungsmuster des Patienten. Sie werden so für ihn und den Therapeuten bewusst erlebbar und können bearbeitet werden. Auf Patientenseite erfordert das Verfahren eine hohe Bereitschaft, in sich selbst hineinzusehen und die eigenen Gefühle zu beschreiben. Sitzungen finden etwa zwei- bis viermal pro Woche statt.
Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie
Wie bei der Psychoanalyse, aus der es sich entwickelt hat, richtet sich beim tiefenpsychologischen Verfahren der Blick auf das unbewusste Erleben und Verhalten des Patienten. Denn nicht gelöste innere Konflikten oder Traumata bestehen bis in die Gegenwart fort und verursachen dort die psychischen Leiden. Das Wort „tief“ hat eine doppelte Bedeutung: Es bezieht sich sowohl auf die zeitliche Dimension als auch auf die Tiefe der psychischen Prozesse. Doch obwohl die Ursache für psychische Leiden in der Vergangenheit vermutet wird, steht diese nicht per se bei der Behandlung im Vordergrund. Trotz des gleichen theoretischen Hintergrunds gibt es einige Unterschiede zwischen den Verfahren. „Der Therapeut gestaltet bei der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie das Gespräch aktiver, lenkt das Gespräch auf bestimmte Problembereiche und ihre Hintergründe“, sagt Waldvogel. Zudem sitzen er und der Patient sich meist gegenüber und haben Blickkontakt. Auch das Ziel der Therapie ist ein anderes: Während die analytische Psychotherapie eher auf eine ganzheitliche Veränderung problematischer Muster abzielt, konzentriert sich der tiefenpsychologische Ansatz auf die Lösung der konkreten Problemstellungen. Sitzungen finden etwa einmal pro Woche statt.
Gesprächspsychotherapie
Dieses Verfahren – auch klientenzentrierte Psychotherapie genannt – geht davon aus, dass jeder Mensch eine Tendenz zu einer positiven Entwicklung hin besitzt, wenn die natürlichen Wachstumskräfte nicht von außen in ihrer Entfaltung gestört werden. Charakteristisch für das Verfahren ist eine enge Beziehung zwischen Patient und Therapeut und ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen beiden, damit sie im Dialog die Probleme klären können. Zudem sollte der Betroffene bereit sein sich selbst zu erforschen, um sich neu kennen und schätzen zu lernen. Auf Therapeutenseite ist Empathie, Wertschätzung für die Person des Patienten und Authentizität wichtig. „Der Psychotherapeut bringt seine eigenen Gefühle mit in das Verfahren ein und teilt diese seinem Gegenüber offen mit“, erklärt Professor Klaus Heinerth. Der Münchner Therapeut hat sich auf die Gesprächspsychotherapie spezialisiert. Ausgangspunkt der Behandlung ist die aktuelle Lebenssituation des Betroffenen. Nur bei Bedarf erforschen die Beteiligten auch die Vergangenheit des Patienten. Die Gesprächspsychotherapie ist wissenschaftlich anerkannt, nicht aber von den gesetzlichen Krankenkassen zugelassen.
Systemische Psychotherapie
Unter diesen Begriff fällt eine Vielzahl von therapeutischen Verfahren, die unabhängig voneinander entstanden sind. Dementsprechend gibt es keinen einheitlichen Therapieablauf. Gemeinsam ist den Verfahren allerdings, dass nicht nur der Patient im Mittelpunkt steht, sondern sein gesamtes Umfeld einbezogen wird, beispielsweise seine Familie und andere wichtige Bezugspersonen. Daher auch der Name „systemisch“. Die Ursache für psychische Probleme vermuten systemische Ansätze in gestörten Beziehungs- und Kommunikationsstrukturen zwischen den beteiligten Personen. Der Therapeut sucht mit dem Patienten die Verhaltensweisen zu optimieren. Dabei kommen unterschiedliche Methoden zum Einsatz. Neben Einzelgesprächen sind Fragen in der gemeinsamen Runde häufig, bei denen Beteiligte ihre Sicht über den Stand der Beziehungen darlegen und diese zur Diskussion stellen. Ziel ist es, die Probleme durch bereits bestehende, aber versteckte Ressourcen und Fähigkeiten des Patienten zu lösen. Systemisch arbeiten lässt sich in Einzel-, Paar-, Familien- und Gruppentherapien. Die systemische Psychotherapie ist seit Dezember 2008 in Deutschland wissenschaftlich anerkannt, die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten jedoch nicht. In der Regel fallen weniger Sitzungen an als bei anderen Verfahren.
Stephan Soutschek / www.apotheken-umschau.de;
26.10.2011
Bildnachweis: istock/lisafx
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