Stets das Schlimmste im Sinn
Leichte Schübe ebbten von selbst ab, andere erst im Untersuchungszimmer eines Arztes. „Die ersten Jahre ging es meist um Krebs, später auch um anderes wie Herzrhythmusstörungen oder multiple Sklerose.“ Alle Erkrankungen hatten gemein, dass sie ernsthaft oder sogar potenziell tödlich waren. „Das ist typisch. Kein Hypochonder hat Angst vor einem Schnupfen“, erklärt Psychologin Gropalis.
Bei Lukas Hein begannen die Krankheitsängste im Sommer 2002. Wie Christina Schröder will er seinen richtigen Namen nicht öffentlich nennen. „Es fing damit an, dass ich dachte, ich hätte Hodenkrebs“, erzählt der 31-Jährige. Grund war eine Verhärtung am Hodensack. Im Internet las er, das könne ein Anzeichen für Krebs sein, und verbrachte das Wochenende grübelnd. Am Sonntagnachmittag hielt er die Unruhe nicht mehr aus und fuhr in die Universitätsklinik Münster. „Dort wurde extra ein Arzt angerufen, der mich abtastete und einen Ultraschall machte.“ Die Diagnose: eine harmlose Kalkablagerung.
Der Arzt nahm eine Gewebeprobe, zur Sicherheit. „Ich dachte: Akut Hodenkrebs habe ich zwar nicht, aber da ist etwas, das man beobachten muss.“ In der Folge ließ Hein sich regelmäßig untersuchen. Als der Urologe auch beim vierten Termin keinen Tumor bei ihm fand, ging er zu einem anderen, der ebenfalls nichts feststellte. „Erst danach war ich sicher, dass ich wirklich keinen Krebs habe.“
Was Außenstehende schwer verstehen, ist der Kern der Hypochondrie. „Bei Hypochondern lässt die Angst vor einer Krankheit nicht nach, auch wenn der Kopf eigentlich überzeugt sein müsste“, sagt Maria Gropalis. Die Betroffenen suchen in Medizinforen, recherchieren in Ratgebern und versichern sich schließlich bei Ärzten – in der Hoffnung, sie könnten die unangenehmen Ängste dadurch unterdrücken. Typisch ist auch das ständige Untersuchen des eigenen Körpers: Haben sich die Muttermale verändert? Sind die Lymphdrüsen geschwollen? Dabei bringt die ständige Selbstbeobachtung, die eigentlich die Angst unterdrücken soll, oft neue „Symptome“ zum Vorschein: „Ich war vor Jahren mal längere Zeit müde. Das deutete für mich klar darauf hin, dass ich Leukämie habe – als wenn es keine anderen Gründe für Müdigkeit gäbe“, erinnert sich Christina Schröder.
Das Internet sei in dieser Hinsicht ein Problem, sagt Birgit Mauler, leitende Psychologin der Christoph-Dornier-Klinik in Münster. „Wer ein unspezifisches Symptom eingibt, landet schon nach ein paar Klicks bei schweren Krankheiten. Man neigt dazu, sich erst mal das Spektakulärste anzusehen – schon weil man das Schlimmste ausschließen will.“ Studien zeigen, dass medizinisch uninformierte Patienten Ferndiagnosen aus dem Internet sehr ernst nehmen. „Trotzdem kann man nicht sagen, das Internet ‚macht‘ Hypochonder. Es verstärkt höchstens die Anlagen dazu“, sagt Mauler.
Die Gründe für den Ausbruch der Krankheit sind vielfältig. Man kommt nicht als Hypochonder zur Welt – darin sind sich die Experten einig, auch wenn einige Zwillingsstudien genetische Gründe nicht ausschließen. „Aber es gibt Risikofaktoren“, erklärt Birgit Mauler. So bekommen Menschen, die auch in anderer Beziehung eher furchtsam sind, häufiger Krankheitsängste. Schlimme Erfahrungen in der Kindheit, Todesfälle und schwere Krankheiten in der Familie können Hypochondrie auslösen. „Es müssen aber keine tragischen Ereignisse sein“, sagt Mauler. „Auch wer als Kind überbehütet erzogen wurde, neigt eher zu Angst vor Krankheiten.“