Wie frei ist unser Wille wirklich?

Unsere Entscheidungen hängen von unseren bisherigen Erfahrungen ab. Philosophen und Forscher diskutieren, ob wir sie deshalb überhaupt als frei bezeichnen können

von Daniela Frank, aktualisiert am 04.03.2016

Verkabelt: Mithilfe einer EEG-Kappe können Forscher Hirnströme messen

iStock/ Annedde

Ist unser Wille frei? Über diese Frage streiten sich Philosophen und Wissenschaftler schon seit der Antike. Heute gleichen sie dazu Ergebnisse aus der Forschung regelmäßig mit unserem Alltagsverständnis ab: Wir verstehen uns im Grunde als freie Entscheider über unser Handeln. Daraus folgt auch, dass wir für unser Tun verantwortlich sind und auch verantwortlich gemacht werden können – zum Beispiel vor Gericht.

Hirnforschung: Entscheiden wir uns unbewusst?

Versuche in der Hirnforschung deuteten jedoch schon vor längerer Zeit darauf hin, dass unsere Entscheidungen offenbar von bestimmten Mechanismen im Gehirn abhängen. Ein Experiment des Wissenschaftlers Benjamin Libet sorgte in den 1980er-Jahren für Aufsehen: Die Versuchsteilnehmer sollten frei entscheiden, ob sie eine bestimmte Taste drücken oder nicht. Etwa 200 bis 300 Millisekunden vor der Handlung wurde dem Teilnehmer seine Entscheidung bewusst. Doch schon etwa eine halbe bis eine Sekunde vor der Handlung konnte Libet das sogenannte Bereitschaftspotenzial im Gehirn messen. Eine häufige Interpretation des Versuchs war: Er zeigt, dass eine Entscheidung möglicherweise unterbewusst schon längst gefällt ist, bevor sie uns bewusst wird.


Zweifel an der Freiheit des Willens kamen auf: Wenn unsere Erfahrungen und Prägungen mithilfe von Prozessen im Gehirn jeweils zwangsweise zu einer bestimmten Entscheidung führen, wie können wir dann sagen, dass wir frei entschieden haben? Eine solche Theorie verbinden wir im Allgemeinen nicht mit dem Begriff des freien Willens.

Entscheidungen sind teilweise vorhersagbar

20 Jahre nach Libet führte Professor John-Dylan Haynes vom Bernstein Center for Computational Neuroscience Berlin einen ähnlichen Versuch durch, bei dem sich Versuchsteilnehmer entscheiden sollten, ob sie eine Taste links oder eine rechts von sich drücken möchten. Bereits mehrere Sekunden vor der jeweiligen Handlung konnten die Forscher eine Aktivität im Gehirn messen, über die sie Rückschlüsse darauf ziehen konnten, welche Taste die Person drücken will: Sie konnten die Entscheidung zu etwa 60 Prozent vorhersagen – das ist mehr als zufällig. Haynes hält es allerdings für nicht verwunderlich, dass manche Entscheidungen längerfristig vorhersagbar sind. "Mit unserem Versuchsaufbau kann man nur einfache, selbstgetaktete Entscheidungen beobachten", sagt Haynes. "Reaktive Entscheidungen – wie zum Beispiel im Straßenverkehr – verhalten sich wahrscheinlich anders, können zum Beispiel viel kurzfristiger getroffen werden."

Vorhersagbar bedeutet nicht vorherbestimmt

Seine Ergebnisse unterstützten die Erkenntnisse von Libet zunächst. Haynes führte jedoch zusammen mit Kollegen 2015 ein weiteres Experiment durch. Die Forscher wollten prüfen, ob wir die Möglichkeit haben, eine bereits unbewusst getroffene Entscheidung noch rückgängig zu machen. Die Teilnehmer konnten sich entscheiden, mit dem Fuß einen Knopf zu drücken, sobald ein grüner Punkt leuchtete. Leuchtete ein roter Punkt, sollten sie den Knopf nicht mehr drücken. Sobald die Wissenschaftler bei einem Probanden das Bereitschaftspotenzial maßen, den Knopf zu drücken, schalteten sie auf Rot. "Wir stellten fest, dass die Probanden die Handlung dann noch für längere Zeit abbrechen konnten", sagt Haynes. "Erst durchschnittlich etwa 200 Millisekunden vor der Handlung gab es einen Point of no Return, ab dem die Handlung nicht mehr abgebrochen werden konnte." Dieser Zeitpunkt korreliere mit dem Bewusstwerden der Entscheidung.

Haynes sieht damit die Interpretation des Libet-Experiments als widerlegt. "Wir müssen jetzt schließen: Nur, weil etwas vorhersagbar ist, heißt es nicht, dass es vorherbestimmt ist", sagt er. Man könne sich das analog zu einer Reihe Dominosteine vorstellen: Wirft man den ersten Stein um, fällt unter normalen Umständen auch der letzte Stein um – allerdings ist ein Eingreifen noch möglich.

Freier Wille: Die zwei wichtigsten Positionen

Heißt das jetzt, dass der Wille frei ist oder nicht? Dazu gibt es immer noch sehr unterschiedliche Positionen. "Trotz meiner letzten Ergebnisse glaube ich, dass es in dem von mir verstandenen Sinne keinen freien Willen gibt", sagt Haynes. "Die Interpretation des Libet-Experiments war ein schlechtes Argument gegen den freien Willen und ich glaube, dass es bessere gibt." Haynes gehört zu den sogenannten Deterministen: "Die Hirnaktivität unterliegt genauso den Naturgesetzen wie etwa Prozesse in unserem Herz oder unserer Leber. Der Wille ist meiner Ansicht nach kausal determiniert, obwohl ein Eingreifen in die Kausalkette möglich ist."

Der Philosoph Professor Michael Pauen hält dagegen: "Es ist nicht so, dass Naturgesetze unser Handeln regeln und bestimmen, sondern sie beschreiben es bloß." Jeder Wissenschaftler würde das unterschreiben – viele Menschen glaubten aber ersteres.

Pauen vertritt eine Gegenposition zu Haynes, den sogenannten Kompatibilismus. Er postuliert, dass der Wille kausal determiniert und trotzdem frei sein kann – beides zugleich. Aber ist das nicht ein Widerspruch? "Unsere Intuition hängt oft davon ab, wie wir gefragt werden", sagt Pauen. Deshalb fragt er andersherum: Wenn wir davon ausgehen, dass wir eine Entscheidung, die von unseren Erfahrungen und Überzeugungen bestimmt ist, für nicht frei halten – was wäre dann eine freie Entscheidung? Sie wäre unabhängig von unserem Vorwissen, also komplett zufällig. "Das ist ganz bestimmt nicht das, was wir unter einer freien Entscheidung verstehen", sagt Pauen. "Entscheiden tun wir ja typischerweise auf der Basis von Informationen."

Wir gehen normalerweise davon aus, dass wir selbstbestimmt handeln können, also einen freien Willen haben. Diesen grenzen wir ab zu Entscheidungen, die der Betreffende nicht unter Kontrolle hatte, zum Beispiel, weil er unter Drogeneinfluss stand oder psychisch krank ist.

Jede Sichtweise hat ihre Haken

"Wenn man wie die Deterministen die Konsequenz zieht, dass Menschen nie verantwortlich handeln, kann man diese Unterscheidung nicht mehr treffen", sagt Pauen. Unsere Gesellschaft müsste ihr Rechtssystem und viele andere Mechanismen überdenken. Dass dieser Schritt nötig ist, glaubt aber auch Haynes nicht. "Man könnte für diese Zwecke zwischen Entscheidungen unterscheiden, die sich in verschiedenen Hirnregionen gebildet haben. Einige davon sind impulsiv, über andere hat der Betreffende bewusster nachgedacht. Daraus kann eine unterschiedliche Interpretation seines Handelns folgen."

Pauen hält diese Lösung für umständlich: "Man müsste dann einen neuen Begriff für verantwortliches Handeln erfinden, aber das wäre ja unpraktisch. Stattdessen kann man einfach den Begriff des freien Willens weiter verwenden und die Unterscheidung wie bisher treffen."

Diskussion bisher ohne konkretes Ergebnis

Die beiden Pole, an denen sich Haynes und Pauen bewegen, bestehen in der Diskussion um den freien Willen schon von Anfang an. Lange Zeit gab es aber einen theologischen Hintergrund. Bereits kurz nach Entstehung des Christentums argumentierten beispielsweise die Gnostiker: Es gibt so viel Schlechtes in der Welt – aber weil Gott die Welt erschaffen hat, ist der Mensch für das Schlechte nicht verantwortlich. "Unter anderem Augustinus nahm damals schon eine kompatibilistische Position ein", erklärt Pauen. "Er sagte: Selbst, wenn Gott alles geschaffen hat, kann der Mensch für seine Handlungen verantwortlich gemacht werden, denn er hat einen freien Willen."

Ist die Diskussion seitdem also gar nicht weitergekommen? "Doch, auf jeden Fall", sagt Pauen. Versuche von Wissenschaftlern wie Haynes brächten immer genauere Erkenntnisse zu den Vorgängen, wie wir Entscheidungen treffen. Dadurch gewinnt die Diskussion an Information, die Argumente werden immer klarer.


Berühmte Philosophen zur Freiheit des Willens:

  • Aristoteles, Nikomachische Ethik, 1113a: "Da also Gegenstand der Willenswahl etwas von uns Abhängiges ist, das wir mit Überlegung begehren, so ist auch die Willenswahl ein überlegtes Begehren von etwas, was in unserer Macht steht. Denn insofern wir uns vorher aufgrund der Überlegung ein Urteil gebildet haben, begehren wir mit Überlegung."


    1/5

  • Thomas von Aquin, Summa theologiae: "Der Mensch jedoch handelt mit Urteil. Denn er urteilt durch die Erkenntniskraft, daß etwas zu fliehen oder zu erstreben ist. Weil aber dieses Urteil nicht aus einem naturhaften Instinkt in einer einzelnen Handlungsmöglichkeit erfolgt, sondern aus einem Vergleich der Vernunft (ex collatione quadam rationis), so handelt er mit freiem Urteil und hat die Fähigkeit, sich auf Verschiedenes hinzuwenden (potens in diversa ferri)."


    2/5

  • René Descartes, Vierte Meditation: "Der Wille allein oder die Willens freiheit ist es, die ich als so groß erkenne, daß ich sie mir gar nicht größer vorstellen kann. (...)Um frei zu sein, brauche ich nämlich keineswegs nach beiden Seiten in gleicher Weise hinzuneigen. Im Gegenteil! Je mehr ich mich der einen Seite zuneige (...) um so freier wähle ich diese Seite. Sähe ich immerdar, was wahr und gut ist, ich würde niemals schwanken, wie ich zu urteilen oder zu wählen habe! Ich würde völlig frei, aber niemals indifferent sein!"


    3/5

  • Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, S. 429: "Die Freiheit der Willkür ist jene Unabhängigkeit ihrer Bestimmung durch sinnliche Antriebe. Dies ist der negative Begriff derselben. Der positive ist: das Vermögen der reinen Vernunft, für sich selbst praktisch zu sein. (...) Als Erscheinung ist das Handeln naturgesetzlich bestimmt, als Ding an sich ist der Wille frei, unabhängig vom Einflusse der Sinnlichkeit, so daß er seine Wirkungen in der Sinnenwelt »von selbst« anfängt, ohne daß die Handlung in ihm selbst anfängt."


    4/5

  • George Edward Moore, Grundprobleme der Ethik, S. 154: "Es ist daher ganz gewiß, 1. daß wir oft anders gehandelt haben würden, wenn wir uns dazu entschieden hätten; 2. daß wir uns in ähnlicher Weise oft anders entschieden haben würden, wenn wir uns entschieden hätten, uns so zu entscheiden; und 3. daß uns fast immer eine andere Entscheidung möglich war, in dem Sinn, daß niemand von uns mit Sicherheit wissen konnte, ob er sich nicht so entscheiden würde. Diese drei Dinge sind allesamt Tatsachen und sind allesamt mit dem Kausalprinzip vereinbar."


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