Warum wir Freunde brauchen

Freundschaften sind ein Glücksfaktor, sie stärken unsere Gesundheit und unser Selbstwertgefühl. Aber sie brauchen Pflege

von Ingrid Kupczik, aktualisiert am 14.03.2016

Beste Freundinnen: "Mit Dir kann ich über alles reden"

Plainpicture / Lisa Krechting

Mit guten Freunden kann man Pferde stehlen und durch dick und dünn gehen. Sie sind: Seelenverwandte, Leidensgenossen, Kummerkasten, Ratgeber und noch viel mehr. Manche Freundschaften sind kurz, aber heftig. Andere halten beinahe ein Leben lang, überstehen Entfernungen, Scheidungen, Neuanfänge.

Was genau sind die Zutaten einer guten Freundschaft? Nach Ansicht der Berliner Psychologin Dr. Ann Elisabeth Auhagen gibt es nur wenige eindeutige Merkmale, denn "jede Freundschaft kann so gestaltet werden, wie es die Beteiligten möchten." Freiwilligkeit ist ein Basisfaktor: Im Gegensatz zu Verwandten, Nachbarn oder Kollegen darf man sich seine Freunde aussuchen. Positives Erleben ist ebenfalls ein Merkmal: Freunde tun uns einfach gut.

"Freundschaft ist eine Seele in zwei Körpern"

"Eine echte Freundschaft hat die Qualität einer Liebesbeziehung, und manchmal geht sie sogar darüber hinaus", sagt Dr. Wolfgang Krüger, Psychotherapeut aus Berlin und Buchautor zu diesem Thema. Man teile die schönsten, aber auch die schwierigsten Momente des Lebens. Der griechische Philosoph Aristoteles hat es so formuliert: "Freundschaft, das ist eine Seele in zwei Körpern."


Solche Tiefenbeziehungen sind kostbar und rar: Studien zufolge kommen die Deutschen im Schnitt auf drei bis fünf "enge" Freunde. Wenn überhaupt. 15 Prozent gaben kürzlich in einer Umfrage an, dass sie keinen einzigen wahren Freund besitzen. Betroffen sind nicht nur junge, sondern gerade auch ältere Menschen. Weil über die Jahre der Kontakt abriss; weil die engsten Freunde nicht mehr am Leben sind. Manche hatten in ihrem Leben keinen Menschen außerhalb der Familie, dem sie sich voll anvertrauen mochten. "Früher wurden persönliche Themen als Privatsache betrachtet. Nach außen beispielsweise über familiäre Probleme zu sprechen, galt als Verrat", erklärt der Berliner Psychologe.

Freundschaften oft eher oberflächlich

Männer tun sich teilweise offenbar besonders schwer, engere Freundschaften einzugehen. Zwei Drittel geben an, keinen Freund zu haben, mit dem sie über alles reden könnten. "Die meisten öffnen sich nur innerhalb der Paarbeziehung." Man hat Kumpel, Vereinskollegen, ganz gute Freunde, mit denen man Themen, Interessen, Einstellungen und den Spaß teilt. Man redet über Börse, Bundesliga, Beruf – und besonders gern aber über das, was man gut gemacht hat. "Männer wollen auch in der Freundschaft Helden sein", sagt der Berliner Psychologe. "Da ist stets eine gewisse Rivalität im Spiel."

Bei den Frauen stehe meist die Solidarität im Vordergrund: Man tauscht sich aus über das, was gerade nicht so gut läuft, bestätigt sich in leidvoller Erfahrung, spendet Trost. "Die Offenheit, mit der persönliche Dinge besprochen werden, ist in den letzten 30 Jahren noch deutlich gewachsen", sagt Krüger. 70 Prozent der Frauen sprechen heute mit der engen Freundin über ihre Partnerschaft, 50 Prozent über Sexualität. Erziehungsprobleme, Versagensängste, Trennungsphantasien, Wechseljahresbeschwerden – es gibt kaum noch Tabuthemen.

Früher hieß es: Frauen brauchen keine Freundinnen

"Frauen schöpfen das Potenzial der Freundschaft gut aus", konstatiert Krüger. Dabei hatte man seit der Antike den Frauen die Fähigkeit zu Freundschaft weitgehend abgesprochen. Noch bis in die 1960er-Jahre behaupteten Wissenschaftler, dass die Frau, da sie in die Welt der Familie eingebunden sei, keine Vereinsamung und Vereinzelung empfinde – und somit auch kein Bedürfnis nach Freundschaft.

Die Auswirkungen von Freundschaft auf Seele und Körper sind erst seit relativ kurzer Zeit Gegenstand der Forschung. Freunde können demnach ein echter Glücks- und Gesundheitsfaktor sein. Ihre Anwesenheit dämpft die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol, stellten beispielsweise Freiburger Forscher fest. Beim Gedanken an einen Freund erscheint uns ein Berg weniger steil, ergab eine britische Studie. Versuchspersonen mit Freunden fühlen sich einer kanadischen Untersuchung zufolge weniger gestresst und gesünder als Altersgenossen, die keine haben. Außerdem stärken Freunde wohl das Selbstwertgefühl, sie geben uns das Gefühl, in der eigenen Identität anerkannt und bestätigt zu werden.

270 Freunde auf Facebook: Sind die echt?

Ob diese Wirkung auch von den 270 Facebook-Freunden ausgeht, die deutsche Jugendliche im Schnitt anhäufen, ist nicht hinreichend erforscht. Facebook-Gründer Marc Zuckerberg stellte vorsorglich klar: "Wer glaubt, dass jeder Facebook-Kontakt ein Freund ist, der weiß nicht, was Freundschaft bedeutet."

Doch auch wer ihren Wert kennt, behandelt sie bisweilen stiefmütterlich. In bestimmten Lebensphasen, wenn Beruf oder Familie die volle Zeit und Aufmerksamkeit beanspruchen, landen selbst "beste Freunde" in der Kategorie "ferner liefen". Es sei aber wichtig, "auch in diesen Phasen Zeit für unsere Freunde zu reservieren, beispielsweise an einem Abend in der Woche", rät Krüger. Freundschaft müsse immer wieder belebt werden, sonst trockne sie aus. Sie nähre sich vom Interesse aneinander. "Wir sollten uns gegenseitig viel mehr Fragen stellen." Bist du glücklich? Welche Pläne hast du? Wie kann ich dir helfen, sie zu erfüllen?

"Zeig mir doch mal ein Fotoalbum von früher", hat der Psychotherapeut kürzlich einen guten Freund gebeten, den er seit 30 Jahren kennt und mit dem er sich jede Woche trifft. Es wurde ein langer Abend. "Ich habe festgestellt, dass ich so gut wie nichts von seiner Kindheit wusste, und Dinge erfahren, die mir diesen Menschen noch viel näher bringen."



Bildnachweis: Plainpicture / Lisa Krechting

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