Warum sind wir so gierig?

Habgier hat einen denkbar schlechten Ruf – und ist doch recht verbreitet. Wo beginnt die Gier? Was hinter dieser fragwürdigen Eigenschaft steckt

von Ingrid Kupczik, aktualisiert am 10.10.2014

Mehr, mehr, mehr: Die Gier steckt uns wohl in den Genen

Getty Images/Imagesource Photodisc

Das "Vertrauen" lag auf der Straße, direkt vor der Frankfurter Katharinenkirche: In Großbuchstaben, geformt aus 54.000 Ein-Cent-Stücken. Wie lange würde die Skulptur dort liegen bleiben, wann würde die Gier der Passanten siegen? Der Raubbau begann 14,5 Stunden nach Fertigstellung des Wortes, nachts um 2 Uhr 30. Eine Stunde später war auch der letzte Cent "Vertrauen" weg.

Die Kunstaktion mit dem Titel "Gier frisst …" sollte anschließend auch in anderen deutschen Großstädten für Aufmerksamkeit sorgen. Weil sie, je nach Gemütslage, belustigt, verwirrt oder beschämt – in jedem Fall aber einen Nerv trifft. Gier, das ist die Charakterschwäche von millionenschweren Steuerhinterziehern, skrupellosen Geschäftemachern, diätenerhöhenden Abgeordneten – oder der Nachbarn, die im Geld schwimmen, sich jedes Jahr ein neues Auto kaufen und trotzdem jammern, wie teuer heutzutage das Hauspersonal ist. Aber ich selbst? Kein bisschen. Höchstens clever!


Rücksichtsloser Konsum: Gier ist im Trend

Was steckt hinter der Gier? Sind wir nicht alle ein bisschen gierig? Habgier sei keinem Menschen fremd, sagt die Tübinger Psychologin und Theologin Dr. Beate Weingardt und Buchautorin zu diesem Thema. "Besorgniserregend ist aber die wachsende gesellschaftliche Akzeptanz." Habenwollen ist im Trend, Gier hat viele Zielobjekte: Erlebnisse, Reisen, Einfluss, Karriere. Sie tobt sich tagtäglich aus bei der Schnäppchenjagd, aber auch beim Sammeln von "Freunden" auf Facebook & Co.

Das Anhäufen ohne Maß und Verstand ist salonfähig. Mäßigung? Wie altmodisch! "Nimm drei, bezahle zwei", lockt der Werbespruch. "Letztlich appellieren alle Schnäppchen-Angebote an die Gier", sagt Psychologin Weingardt. "Gier ist der Wunsch, so viel wie möglich für mich zu haben – auch auf Kosten anderer."

"Viele Menschen verschwenden unglaublich viel Zeit darauf, herauszufinden, wo es einen Konsumartikel am günstigsten gibt. Aber über die Art und Weise, wie der Preis zustande kommt, und ob womöglich andere Menschen dafür einen hohen Preis zahlen müssen, machen sie sich keine Gedanken." Ebenso wenig wie über Sinn und Zweck des eigenen Verhaltens.

Mehr Schuhe, das neueste Smartphone: Ist das wirklich nötig?

Brauche ich wirklich die 20 Paar Schuhe in meiner Kommode? Und, als neueste Ergänzung, die schicken High Heels aus dem Schaufenster mit dem verführerischen "Reduziert"-Schild? Muss das Smartphone jährlich ersetzt werden, weil die nächste Version auf den Markt kommt? Und warum "bedienten" sich nachts vor der Frankfurter Katharinenkirche auch Passanten in Abendgarderobe beim "Vertrauen" und steckten sich die Cent-Stücke in ihre Sakko-Taschen?

"Bei der Gier fehlt typischerweise die Frage, ob man es nötig habe", erklärt Beate Weingardt. Genau diese aber sei notwendig, um zu den wesentlichen Fragen des Lebens vorzudringen: Welche Ziele habe ich? Was macht mich wirklich glücklich?

Habgier gehört zu den sieben Todsünden, für Apostel Paulus war sie die "Wurzel allen Übels". Habgier ist die Kehrseite des Geizes, bis ins 18. Jahrhundert waren beide Begriffe gleichbedeutend. Ein Internet-Blog liefert zur aktuellen Unterscheidung folgende Definition: "Gier ist das Verlangen nach etwas, das man noch nicht hat. Geiz hält das bereits Vorhandene zusammen."

Und woher kommt die Gier? Das Einsammeln und Horten steckt uns offenbar in den Genen, in der Frühgeschichte des Menschen konnte es das Überleben sichern. Forscher der Universität Harvard wollen sogar eine spezielle Gen-Variante ausfindig gemacht haben, die die menschliche Neigung zu Gier und Geiz verstärkt.


Der Wunsch nach Anerkennung

"Die irrationale Habgier der Moderne ist weit verbreitet, weil mit ihrer Hilfe viele Bedürfnisse befriedigt werden können, insbesondere der Wunsch nach Zugehörigkeit in einer Gruppe und nach Anerkennung", betont die Tübinger Psychologin Weingardt. Dahinter verberge sich oft ein schwaches Selbstbewusstsein.

Das Anhäufen von Werten, ob materiell oder symbolisch in Form von Macht, Status oder der Sammlung "wichtiger" Bekanntschaften, soll die Wertschätzung durch andere erhöhen, den Selbstwert stabilisieren – und oft auch eine innere Leere füllen. Die Sache hat aber einen Haken: "Die Anerkennung, die man durch ‚Haben‘ bekommt, ist auf Sand gebaut, da sie nur so lange anhält, wie man etwas zu bieten hat", sagt Weingardt. Die damit verbundene Hoffnung auf Lebenszufriedenheit und Glück lasse sich am Ende nicht erfüllen.

Geld ist das ideale Zielobjekt der Gier

Gier macht nicht satt, sie fordert ständig neue Nahrung – vor allem wenn wir uns nach oben vergleichen. "Rivalität spielt bei Gier eine wichtige Rolle", bestätigt Dr. Ulrike Lechner, Professorin für Wirtschaftsinformatik an der Universität der Bundeswehr München. Sie verweist auf Studien, bei denen Testpersonen sehr gern 100.000 Euro verdienen wollten, sofern alle anderen Probanden nur die Hälfte erhielten. Doch 200.000 Euro würden sie ablehnen, wenn die anderen 300.000 bekämen.

"Wenn es aber nicht ums Geld, sondern um Urlaub ging, entschieden sie sich für die Alternative, die ihnen mehr Urlaub sicherte, unabhängig von Vergleichspersonen", berichtet Lechner. "Neid und Rivalität sind deutlich stärker an Geld geknüpft als an Urlaubstage." Denn Geld ist das perfekte Zielobjekt der Gier. Es dient der Befriedigung vieler Bedürfnisse: Geltung, Status, Wohlbefinden, Sicherheit und so weiter.

Hat Gier auch gute Seiten? Ohne sie gäbe es keinen wirtschaftlichen Konkurrenzdruck, keine Weiterentwicklung, keinen Wohlstand, betonen Wirtschaftsexperten. Der schottische Ökonom Adam Smith wies schon im 18. Jahrhundert darauf hin, dass nicht das Wohlwollen, sondern der Egoismus des Bäckers oder Brauers dafür sorge, dass wir unser Brot und Bier bekommen.

Der eigenen Gier gegensteuern

Psychologin Beate Weingardt empfiehlt, sich der eigenen Gier bewusst zu werden und zu prüfen: Wie viel mache ich eigentlich, nur um mich selbst oder in den Augen anderer wertvoll zu fühlen? Und überhaupt: Was macht mich wertvoll? Neue Schuhe, 1000 Freunde auf Facebook, das neue Auto? Oder echte, verlässliche Freunde. Menschen, die mich vermissen würden, die sich um mich kümmern.

Apropos. Bei jenen Jugendlichen, die tief in der Nacht vor der Frankfurter Katharinenkirche die bereits arg gefledderte Geldskulptur "Vertrauen" weitgehend abräumten, war Gier nicht im Spiel. Die Aufzeichnung der Kamera zeigte: Sie halfen dabei einem Obdachlosen.



Bildnachweis: Getty Images/Imagesource Photodisc

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