Warum die Natur der Psyche guttut

Viele Menschen zieht es in der Freizeit in Stadtparks oder aufs Land. Sie möchten die Landschaft genießen – und bauen dabei ganz unbewusst Stress ab

von Maria Haas, aktualisiert am 25.07.2016

Diese Stille: Im Wald lässt sich gut abspannen

istock/stockfotoart

Vogelgezwitscher, Blätterrauschen, Wellenschlag. Helle Birkenwälder, dunkle Tannen, saftige Wiesen. Wärmende Sonnenstrahlen, kühlender Abendwind, duftender Waldboden. Naturgenuss. Dafür fahren gestresste Großstädter am Wochenende hinaus auf das Land oder freuen sich unter der Woche über die Grünanlage in der Nähe und die kleine Auszeit auf der Parkbank.

Spazierengehen und Wandern sind unspektakuläre Freizeitbeschäftigungen, aber ausgesprochen beliebt. Fast 40 Millionen Deutsche gehen regelmäßig oder zumindest gelegentlich wandern, ermittelte der Deutsche Wanderverband. Hauptbeweggrund: Natur und Landschaft genießen.

Aufenthalt in der Natur wirkt sich positiv auf Gesundheit aus

Dass ein Spaziergang im Park trübe Gedanken vertreiben kann, dass sich nach einer anstrengenden Bergwanderung wohlige Entspannung einstellt, haben viele schon erlebt. Doch die positive Wirkung des Aufenthalts in der Natur ist auch in zahlreichen Untersuchungen nachgewiesen. In einer US-amerikanischen Studie schnitten die Teilnehmer auf einer Wanderung in Kreativitätstests deutlich besser ab als vor der Tour. Britische Forscher stellten fest, dass sich bereits nach fünf Minuten im Grünen das Selbstwertgefühl verbessern kann. Besonders deutlich war der Effekt bei jungen und psychisch belasteten Menschen.

"Natur bietet Vielfalt, ohne uns zu ermüden, und Intensität, ohne uns zu überfordern", nennt der Ökopsychologe Professor Norbert Jung einen entscheidenden Grund für ihre wohltuende Wirkung. Sie offenbare ständig Neues und bleibe im Wandel doch konstant. "Diese Erfahrung gibt uns Halt", ist Jung überzeugt, der an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde lehrt. Intuitiv erfassen wir, dass Werden und Vergehen in der Natur auch unser Leben – als deren Teil – spiegeln, und erleben dies als tröstlich.


In welchen Landschaften sich Menschen wohlfühlen

Ob sanft geschwungene Hügel, weite Heide, das Meer oder die Berge – welche Landschaft wir als schön empfinden, hängt nicht nur von persönlichen Vorlieben ab. Zum Teil beeinflusst die Umgebung, in der wir aufgewachsen sind, ob uns in einem hellen Birkenwald oder auf einer blühenden Almwiese das Herz aufgeht. Frühe Eindrücke prägen unser Heimatgefühl und können Verlässlichkeit vermitteln.

Unabhängig davon weisen Landschaften, in denen Menschen sich meist besonders wohlfühlen, Gemeinsamkeiten auf. "Wir schätzen Übersichtlichkeit und mäßige Vielfalt", sagt Jung. Ein schöner Ausblick mit einer klaren Begrenzung durch einen Hügel oder eine Lichtung, umringt von Bäumen: Der überschaubare Raum schenkt ein Gefühl von Sicherheit. Evolutionsbiologen, die sich mit der Entwicklung des Menschen beschäftigen, sehen in dieser Vorliebe ein uraltes Erbe aus den frühen Tagen der Menschheit. Im offenen Raum ließen sich Feinde, aber auch Beutetiere gut erkennen. Gleichzeitig boten Baumgruppen oder Hügel Rückzugsmöglichkeiten und Schutz.

Parkanlagen laden zum Verweilen ein

Ein finsterer Wald mit dichtem Unterholz kann dagegen bedrohlich wirken. "Zu viel Wildnis macht mitunter Angst", sagt Dr. Thomas Claßen von der Universität Bielefeld. Allzu glatt und gerade sollte sich das Idyll aber auch nicht präsentieren. "Leicht geschwungene Wege empfinden wir als angenehm", weiß er. Der Geograph und Gesundheitswissenschaftler erforscht, wie sich Parkanlagen und Naherholungsgebiete auf das Befinden von Stadtbewohnern auswirken.

Wenn städtisches Grün leicht zugänglich ist und zum Verweilen einlädt, bietet es Raum für vieles, was dem Menschen guttut. Kinder können ihrem Entdeckerdrang nachgehen, Ameisen und Käfer beobachten, auf Bäume klettern oder sich verstecken.

Stresshormone werden abgebaut, Blutdruck sinkt

Dem plätschernden Bach lauschen oder in die ziehenden Wolken blicken: Dass der Mensch sich in der Natur entspannt, lässt sich messen. Der Spiegel an Stresshormonen, Blutdruck und Pulsschlag sinken. Der Park in der Nähe lädt aber auch zum nachbarschaftlichen Plausch ein. Schöne Wege durch Wiesen und Wald wecken Lust, sich zu bewegen – ob gehen, laufen oder Rad fahren.

All das bleibt nicht ohne Folgen, wie eine große Studie aus den Niederlanden belegt: Städter, die in einem grünen Umfeld leben, sind weniger stressanfällig und offener für soziale Kontakte, seltener einsam und isoliert. Sie müssen nicht so oft zum Arzt und fühlen sich insgesamt gesünder als Stadtbewohner, die von wenig Grün umgeben sind.



Bildnachweis: istock/stockfotoart

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