Wann ist Coaching sinnvoll?

Wer private oder berufliche Schwierigkeiten hat, holt sich gerne Unterstützung bei einem Coach. Was die individuelle Beratung nützt

von Juliane Gutmann, aktualisiert am 30.04.2015

Ein Coach kann in Gruppen- oder Einzelgesprächen bei beruflichen Problemen helfen

Image Source Limited/Maskot

Zu schüchtern, zu ungeduldig, zu schnell gestresst: Niemand ist hundertprozentig mit sich zufrieden. Sogenannte Coaching-Angebote versprechen persönliche Weiterentwicklung gegen Geld. Je nach Zielsetzung soll das Selbstbewusstsein gestärkt, die Durchsetzungskraft geschult oder die Kommunikations­fähigkeit optimiert werden. Leere Versprechungen oder doch mehr?

Eine unübersichtliche Branche

In manchen Situationen kann ein Coaching sinnvoll sein. In vielen Fällen halten die Angebote jedoch nicht, was sie versprechen. Interessenten sollten deshalb die Inhalte wie auch die Qualifikation des Trainers genau überprüfen. Noch wichtiger: Hinterfragen Sie, weshalb Sie sich überhaupt dafür interessieren. Denn manchmal sind die Hoffnungen unrealistisch. "Es gibt zwar keine verlässlichen Zahlen, aber das Angebot an Coachings ist in den vergangenen 15 Jahren massiv angewachsen", sagt Michael Ziegelmayer, Vizepräsident des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen.

Was treibt Menschen dazu, sich bei einem Coach Lebensrat einzuholen? "Neben hohem Leistungsdruck ist das wohl vor allem vermehrte Unsicherheit in der privaten und beruflichen Lebenswelt", meint Ziegelmayer. Viele Menschen haben demnach Probleme, mit veränderten Lebensumständen umzugehen. Bastian Roet vom Berufsverband der deutschen Soziologinnen und Soziologen nennt ebenfalls fehlende verlässliche Konstanten im Leben als Hauptmotiv.


Eine objektive Sicht auf Probleme

"Heute gibt es weniger Sicherheit für den Arbeitsplatz, mehr Stress im Job, fragilere Partnerschaften und höhere Scheidungsraten", sagt Soziologe Roet. In einer komplizierten Welt verlassen sich Menschen gerne auf Fachleute, die im Gegensatz zu Freunden oder Familienmitgliedern einen objektiven Blick auf Probleme haben. Hier versprechen Coachings Hilfe bei unterschiedlichen Themen. In Einzelsitzungen oder Gruppenseminaren werden Verhaltensweisen analysiert, trainiert und neue Ziele definiert.

Dazu zählen beispielsweise eine bessere Organisationsfähigkeit, mehr Selbstbewusstsein oder eine positivere Ausstrahlung. "Gegen den Versuch, etwas dazuzu­lernen und den Horizont zu ­erweitern, ist nichts einzuwenden", meint der Psychologe Michael Ziegelmayer. "Wer sich aber durch Coaching an eine Norm anpassen will, die dem eigenen Wesen widerspricht, tut sich nichts Gutes." Sich über längere Zeit an etwas anzupassen, was nicht zur eigenen Persönlichkeit passt, kann die Psyche belasten und krank machen.

Vorsicht vor unseriösen Angeboten

Viele Veränderungen sind gar nicht möglich. Zum Beispiel lässt sich aus einem introvertierten Menschen kein Entertainer machen. Die Persönlichkeit als Kern des Individuums ist schon relativ früh mit rund vier Jahren weitgehend festgelegt, erklärt Ziegelmayer. Zwar kann man auch danach noch ­dazulernen und Strategien entwickeln, um mit verschiedenen Situationen umzugehen. "Eine wirkliche Verän­derung der Persönlichkeit ist aber nur sehr selten und unter großer Anstrengung möglich" – vor allem nicht innerhalb weniger Tage. Manche Techniken, wie etwa im Bereich der Konfliktlösung, lassen sich dagegen bereits in kurzer Zeit erlernen.

Wer ein Problem angehen will und sich für ein Coaching entscheidet, sollte berücksichtigen, dass die Berufsbezeichnung "Coach" nicht geschützt ist und jeder sich so nennen darf. Deshalb gilt es, die Angebote zu prüfen: Der Trainer muss seine Qualifikationen offenlegen sowie Fachkenntnisse aus der Psychologie und dem jeweiligen sozialen oder betrieblichen Bereich mitbringen. Zudem sollte er möglichst nur einen Schwerpunkt setzen. "Daher Vorsicht bei unkonkreten Angeboten wie ‚Wir optimieren Ihre Persönlichkeit‘", warnt Ziegelmayer. "Man kann nur einen Schwerpunkt sinnvoll bearbeiten."

Keine zu hohen Erwartungen

Nützlich kann ein Coaching beispielsweise sein, wenn sich die berufliche Tätigkeit verändert und man fachlich oder persönlich vor neuen Herausforderungen steht. Ein Coach kann dann begleiten und beraten. Auf jeden Fall sollte ein konkretes Problem bestehen, wie zum Beispiel die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf. Verhaltensweisen zu ändern ist möglich, wenn auch nur in begrenztem Umfang. "Anders die Persönlichkeit an sich. Sie lässt sich nicht beliebig verändern", sagt Ziegelmayer.

Zu unterschiedlich ist der Charakter jedes Einzelnen, als dass es ein generelles Rezept geben könnte. Auch bei krankhaften Zuständen wie Depression, Burn-out oder Schlafstörun­gen ist ein Coach der falsche Ansprechpartner. Hier sollte der Weg zum Arzt oder Psychotherapeuten führen. Zu hohe Erwartungen dürfen also nicht an ein Coaching gestellt werden. Wer sich allerdings nicht rundum ­erneuern möchte, sondern nur ein paar schlechte Gewohnheiten loswerden oder sein Organisationstalent schulen will, kann es damit versuchen.



Bildnachweis: Image Source Limited/Maskot

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