Über die Last der Entscheidungsfreiheit

Mit 50 eine Yogaschule eröffnen, ein Jahr lang die Welt bereisen: Unsere beruflichen und privaten Optionen sind heute beinahe grenzenlos. Warum das auch belasten kann

von Tanja Pöpperl, aktualisiert am 19.01.2016

Die Qual der Wahl: Selbstbestimmt über Dinge entscheiden

Corbis/Freya

Schon beim Weckerklingeln geht es los: Wir könnten noch mal für fünf Minuten die Schlummertaste drücken – oder gleich aufstehen. Sobald wir morgens die Augen aufschlagen, beginnt ein wahrer Entscheidungsmarathon. Schokomüsli oder Käsebrötchen, Blazer oder Anorak, zur Arbeit radeln oder den Bus nehmen.

Und nicht nur in banalen Alltagsfragen lockt eine Unmenge an Möglichkeiten. Auch Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen, etwa ein Hauskauf, ein Berufswechsel, die Familiengründung oder die Trennung vom Ehepartner, stellen uns immer wieder vor die Wahl. Bedeutet das nun absolute Freiheit? Oder doch wie in der berühmten Redewendung: die Qual der Wahl?

Auswahlmöglichkeiten bedeuten Stress

"Mehrere Studien haben gezeigt, dass wir uns im Angesicht einer Vielzahl von Optionen schnell überfordert und unzufrieden fühlen", weiß Professor Hans-Peter Erb, Sozialpsychologe an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg. "Gar keine Wahl haben ist natürlich ebenfalls frustrierend, aber zu viele Auswahlmöglichkeiten bedeuten Stress."

Das bestätigt eine Untersuchung der Columbia University aus dem Jahr 2000. Psychologen boten an einem Verkaufsstand einmal sechs unterschiedliche Fruchtaufstriche und einmal 24 verschiedene an. Ergebnis: Nur etwa drei Prozent der Kunden kauften tatsächlich ein Glas Marmelade, wenn sie zwischen 24 Sorten wählen mussten. In der Vergleichsgruppe mit dem kleineren Angebot entschieden sich immerhin rund 30 Prozent zum Kauf.


Unser Experte: Professor Hans-Peter Erb

W&B/Privat

Das meiste entscheiden wir per Autopilot

Zum einen scheint eine große Wahlpalette ein Gefühl des Verlusts und Verzichts auf andere Optionen zu verstärken. "Zum anderen laufen Tag für Tag geschätzte 95 Prozent aller Entscheidungen wie auf Autopilot ab und werden uns gar nicht bewusst", sagt der Sozialpsychologe. "So spart unser Gehirn Energie. Sobald wir dann konkret viele Möglichkeiten überdenken müssen, versetzt uns das in Anspannung." Bei der Marmeladensorte, die sich zu Hause dann als doch nicht so lecker erweist, sind die Folgen zugegebenermaßen nicht besonders dramatisch.

Aber was, wenn es um einen beruflichen Neustart geht? Oder die Partnerwahl, die Entscheidung für oder gegen Kinder? "In solchen Fragen ist es vor allem wichtig, bei sich und den eigenen Vorstellungen zu bleiben", rät Hans-Peter Erb. "Überlegen Sie, was Sie wirklich vom Leben erwarten, in welchem Bereich Ihre Prioritäten liegen, welche Einbußen Sie hinnehmen können. Und machen Sie sich möglichst unabhängig von sozialen Vergleichen."

Innerste Bedürfnisse hinterfragen

Vielleicht wirkt die Partnerschaft der Nachbarn harmonisch wie im Werbefilm, während es in der eigenen Beziehung kriselt. Oder der früher gleich gestellte Kollege hat Sie auf der Karriereleiter längst überholt. Gesellschaftliche Erwartungen wie ein harmonisches Familienleben oder ein hohes Einkommen können einen starken Erfolgsdruck aufbauen und uns zu Entscheidungen führen, die uns ohne äußere Einflüsse kein innerstes Bedürfnis wären. "Da ist es hilfreich, die Situation in einem anderen Zusammenhang zu betrachten" empfiehlt Erb. "Warum will ich gerade jetzt beispielsweise eine Trennung oder einen Jobwechsel? Fühle ich mich unter Zeitdruck? Würde ich unter anderen Bedingungen das Gleiche wollen?"

Keine Angst vor Fehlentscheidungen

Eine Garantie für die richtige Wahl gibt es nicht. Manche Entscheidung würde man rückblickend sicher anders treffen. Für den Experten allerdings kein Grund, am eigenen Urteilsvermögen zu zweifeln: "Niemand landet einen Treffer nach dem anderen im Leben. Scheitern und auch mal Hadern gehören eben dazu." Hans-Peter Erb kennt eine zusätzliche Strategie, die Menschen dabei hilft, mit missglückten Projekten besser klarzukommen.

"Streuen Sie Ihre Interessen möglichst breit, leben Sie ganz unterschiedliche Facetten Ihrer Persönlichkeit aus", lautet der Tipp des Psychologen. Denn wer nur Bestätigung aus einem einzelnen Lebensbereich, etwa dem Beruf, zieht, verliert bei einer ungünstigen Wahl schneller die Balance. Kann jemand aber auf einen ganzen Katalog an Ressourcen zurückgreifen, die Erfüllung bringen – Familie, Job, Freundschaften, Hobbies, Sport oder Reisen – fallen einzelne Entscheidungen nicht mehr so sehr ins Gewicht.



Bildnachweis: Panthermedia/Marina Bartel, W&B/Privat, Dynamic Graphics/John Foxx/ RYF, Corbis/Freya

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