Tagträume: Hilfe bei zentralen Lebensfragen

Mindestens ein Drittel der wachen Zeit verbringt der Mensch mit Tagträumen. Das geistige Abdriften ist wichtig, um schwierige Lebenssituationen zu meistern

von Ingrid Kupczik, aktualisiert am 11.03.2016

Pause: Schon startet ein Tagtraum. Das Gehirn nutzt jede Gelegenheit dafür

Plainpicture / Franke Und Mans

Es passiert jedem und überall, auf der Zugfahrt, mit dem Auto auf dem Weg zur Arbeit, vor dem Computer, unter der Dusche, beim Kartoffelschälen: Die Gedanken schweifen ab, spätestens ab der fünften Kartoffel begeben sie sich auf Wanderschaft, kreisen um Erinnerungen, Pläne, kleine und große Wunschfantasien. Tagträume durchziehen unseren Alltag in viel größerem Ausmaß, als die meisten vermuten: Mindestens ein Drittel, wenn nicht sogar die Hälfte der Wachzeit sind wir gedanklich nicht wirklich bei der Sache, sondern gleiten ab in unsere Innenwelt, haben Studien ergeben.

Mentale Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft

Was auf den ersten Blick nach sinnfreiem Müßiggang des Geistes aussieht, auf Konzentrationsmangel oder gar Disziplinlosigkeit schließen lässt, ist in Wirklichkeit eine äußerst produktive und bedeutsame Tätigkeit: "Tagträume helfen uns, das Leben zu bewältigen – vor allem in Situationen, die uns massiv unter- oder überfordern", sagt Peter Walschburger, Professor für Biopsychologie an der Freien Universität Berlin. "Der Mensch ist als einziges Lebewesen in der Lage", berichtet Walschburger, "mit Hilfe von Fantasien, Imaginationen und Tagträumen eine mentale Brücke zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit zu schlagen und in die Zukunft vorauszudenken."


Im Laufe der Evolution habe sich diese Fähigkeit zu mentalen Zeitreisen als Überlebensvorteil erwiesen; entsprechend passte sich das Gehirn funktionell und anatomisch an. Vor wenigen Jahren entdeckte der amerikanische Neurologe Marcus Raichle, dass das Gehirn bei monotonen Aufgaben auf eine Art Automatikprogramm umschaltet: das "Default Mode Network". Dieses verbindet ein über die Großhirnrinde verteiltes Netz von fünf bis sechs Arealen, die sich deutlich von jenen Hirnbereichen unterscheiden, die bei zielgerichteten Gedanken aktiv sind. "Niemand hätte bis dahin vermutet, dass das Gehirn genauso aktiv ist, wenn wir uns entspannen, wie wenn wir uns auf komplizierte Aufgaben konzentrieren", erklärte Raichle in einem Fachbeitrag.

Das Standardprogramm ist eines von rund 20 bisher bekannten Hirnnetzwerken, die ständig miteinander wetteifern. Sobald das eine anspringt, verstummen die anderen. Beispielsweise auf der wöchentlichen Teamsitzung im Büro wandern die Gedanken zum bevorstehenden Urlaub. Unmöglich, dabei gleichzeitig über strategische Themen nachzudenken.

Erfahren, was einem emotional wichtig ist

Die geistige Abdrift passiert ohne Absicht, von ganz allein: Da das hirneigene Standardprogramm die direktesten anatomischen Verbindungen aufweist, pendelt sich die neuronale Aktivität automatisch darauf ein, sobald äußere Einflüsse fehlen. Das haben kürzlich Forscher des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung nachgewiesen. Manch langweilige Schulstunde oder öde Autofahrt sorgt auf diese Weise für Kopfkino. Das ist bisweilen unterhaltsam, auf jeden Fall aber lehrreich.

"Tagträume sind ein Spiegel der Seele. An ihnen können wir erkennen, welche Themen uns gefühlsmäßig wichtig sind", betont Dr. Leonore Kottje-Birnbacher, psychologische Psychotherapeutin in Düsseldorf. "Wenn wir verliebt sind, beschäftigen wir uns mit schönen Szenen, die wir mit dem Partner erlebt haben oder die wir uns mit ihm wünschen." Tagträume helfen zudem bei der Bewältigung negativer Gefühle: "Wenn wir uns über jemanden ärgern, spielen wir im Geiste die Szene noch einmal durch und stellen uns vor, wie wir uns auch hätten verhalten können", erklärt Kottje-Birnbacher, "oder wie wir uns gern verhalten hätten, wären wir mutig genug gewesen." Auch die Fantasie, den anderen zu ärgern oder zu demütigen, sei ein trostspendender Wunschtraum.

Tagträume können therapeutisch wirken

Kottje-Birnbacher bietet eine tiefenpsychologische Therapieform an, bei der Tagträume gezielt zur Behandlung seelischer Erkrankungen genutzt werden: In der Katathym-imaginativen-Psychotherapie erhält der Patient Anregungen, sich mit Hilfe seiner inneren Bilder über die Auslöser bestimmter schwieriger Situationen klar zu werden. Und er wird dabei unterstützt, Dinge auszuprobieren, die er tun möchte, sich aber bisher nicht zugetraut hatte.
Tagträume bieten einen "psychischen Binnenraum, der uns ein Stück unabhängig macht von der uns umgebenden Realität", erklärt Expertin Kottje-Birnbacher. Und der einen Zugang zu wichtigen Lebensfragen öffnet: Was beschäftigt mich zurzeit besonders intensiv? Was macht mir zu schaffen? Was wünsche ich mir?
Hektik und Stress sind Gift für den Tagtraum. Damit der Geist auf Wanderschaft gehen kann, braucht er ein gewisses Maß an Monotonie und Langeweile. So gesehen, erhält auch das Kartoffelschälen eine ganz neue Bedeutung.


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