Stress auf der Straße: "Das Auto, unsere Burg"

Im Straßenverkehr werden aus harmlosen Zeitgenossen rücksichtslose Drängler. Woher kommt das? Ein Interview mit dem Verkehrspsychologen Dr. Peter Kiegeland

von Diana Engelmann, aktualisiert am 14.03.2016

Genervt im Stau: Im Auto haben wir es oft eilig – das verursacht Stress

istock/Siphotography

Die Ampel schaltet auf Grün. Aber der Wagen des Vordermanns bewegt sich nicht. Was ist mit dem los, pennt der? Die Hupe tönt. Sie drücken noch einmal darauf. Merkt der nichts? Es ist grün, Herrgott! Beim Autofahren stehen wir oft unter Strom. Über die Gründe dafür kann Dr. Peter Kiegeland Auskunft geben. Er ist Vorsitzender der Sektion Verkehrspsychologie des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen in Berlin.

Herr Dr. Kiegeland, in allen Lebens­bereichen wollen wir entstressen: Yoga, Slow Food, Detox… Im Auto wird die Hupe gedrückt. Warum?

Das Verkehrssystem in Deutschland ist in weiten Teilen chronisch überlastet. Fast alle Autofahrer sind aber mit einem Ziel unterwegs, wollen in einer vorgegebenen Zeit einen bestimmten Ort erreichen. Dadurch werden alle anderen Verkehrsteilnehmer zu Stressfaktoren. Denn sie hindern einen am Vorwärtskommen.


Verkehrspsychologe Dr. Peter Kiegeland

W&B/Jonas Holthaus

Das kriegt man schnell zu spüren. Im Auto scheinen die Regeln der Höflichkeit nicht zu gelten. Der Ton ist selten freundlich.

Es gibt beim Autofahren viele Gesten, um den anderen zu beleidigen: an die Stirn tippen, den berüchtigten Mittelfinger zeigen oder eine Kombination aus allem. Wir kennen aber nur wenige, um uns zu entschuldigen. Und die wirken eher hilflos.

Welche zum Beispiel?

Ein freundliches Gesicht aufsetzen, sofern der andere das erkennt, die Hände hochheben – schon fällt mir nichts mehr ein. Und sich statt mit Gesten zum Beispiel mit irgendwelchen wilden Blinkzeichen zu verständigen, wäre für die Verkehrssicherheit nicht besonders förderlich.

Oft sind es nicht unbedingt unfreundliche Gesten, die den Ton auf der Straße so rau machen. Es ist ein rücksichtsloser Fahrstil.

Ich weiß: aggressives Blinken mit den Scheinwerfern, auffahren, wiederholtes Hupen, überhaupt das Bedrängen. Im schlimmsten Fall überholt man jemanden, schert vor ihm ein – und tritt dann auf die Bremse, um ihn zu maßregeln. Interessanterweise neigen dieselben Leute, die andere gerne erziehen und bevormunden, auch zum Drängeln.

Welche Menschen neigen denn generell eher zu Aggressivität im Straßenverkehr?

Personen, die gerne Macht ausüben. Sei es, weil sie es im normalen Leben so gewohnt sind, oder weil sie beim Autofahren etwas kompensieren, was sie sonst nicht haben. Wenn sie drängeln, zeigen sie: Ich will hier durch, mach mir Platz, ich bin stärker, schneller, ich kann mir ein besseres Auto leisten, ich habe die helleren Lichter am Wagen. Diese aktive Aggression wiederum ist für andere hochstressig.

Sich so zu verhalten würden sich viele ­Menschen normalerweise gar nicht trauen.

Wieso ­überschreiten wir die Grenze für schlechtes Benehmen auf der Straße leichter? Im Auto befinden wir uns quasi in unserer eigenen Burg. Der Raum, der uns umgibt, schützt. Aktivieren Sie noch die Schließanlage, sind Sie wirklich relativ sicher. Umgekehrt erschwert es das Auto, nach außen zu kommunizieren. Im direkten Kontakt kann man Gesagtes durch ein Lächeln relativieren. Das geht im Wagen kaum. So eskalieren Situationen schneller – weil die Zwischentöne in der Kommunikation fehlen. Entweder verzichten Sie auf die Vorfahrt, oder Sie nehmen sie sich. Dazwischen gibt es nichts.

Ist es wirklich nur das?

Natürlich bringt man häufig schon einen gewissen Stresslevel mit, wenn man sich etwa durch den Feierabendverkehr quält. Und dann entsteht dazu noch Anspannung durch die Verkehrssituation selbst – durch einen Stau oder einen Unfall. Im Urlaub ist man im Straßenverkehr eher freundlicher, gelassener, entspannter. 

Nun ist der Feierabendverkehr aber der Alltag, der Urlaub Ausnahme. Wie können wir gelassener von A nach B kommen?

Fahren Sie eher los. Und planen Sie eine Pause ein, damit sich die Anspannung, die sich vielleicht unterwegs aufgebaut hat, wieder abbauen kann. Besser, Sie kommen eine halbe Stunde zu früh ans Ziel und gehen noch einen Kaffee trinken, als dass der kleinste Anlass – zum Beispiel ein gemächlicher Vordermann auf der Landstraße – zum großen Stressfaktor wird.

Und wenn man keine Zeit hat, eher zu starten?

Überlegen Sie, was genau Sie daran so nervös macht, wenn jede Ampel auf Rot schaltet. Gehen Sie auf Distanz zu der Situation – auch wenn das nicht immer leichtfällt. Und natürlich nimmt es Druck raus, wenn Sie Bescheid geben, falls Sie sich verspäten. Wer autogenes Training, progressive Muskelentspannung oder Medita­ti­on beherrscht, kann diese Techniken auch während der Fahrt anwenden. Aber bitte auf keinen Fall so sehr entspannen, dass Sie die Augen schließen.



Bildnachweis: istock/Siphotography, W&B/Jonas Holthaus

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